Als Dummschwätzer kommst du im Leben weiter. Das sagt nicht nur die Erfahrung. Das sagt auch die Forschung. In der Organisationswissenschaft spricht man etwa von „seitlicher Arabeske“ und „geräuschloser Sublimierung“.

Wird ein offenkundig unfähiger Mitarbeiter befördert, können seine zurückbleibenden Kollegen endlich aufatmen. Außerdem dient ihnen der Karriereschub des Kollegen als Leistungsanreiz. Wenn sogar der es schafft, kann ich das auch!

Karriere durch Inkompetenz: Die Literatur ist voll von solchen Typen. Sie heißen Simplicissimus, Felix Krull oder Josef Schweijk. Letzterer ist nun in Konstanz zu erleben. Dort hat Regisseurin Sapir Heller den Roman „Der brave Soldat Schwejk“ auf die Bühne des Stadttheaters gebracht. Was hat uns Jaroslav Hašeks Schelmenfigur aus der Zeit des Ersten Weltkriegs heute noch zu sagen?

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Auf der Bühne ist von Krieg zunächst wenig zu sehen. Rote Puschel sind auf dem Boden verteilt, dazwischen sitzt ein roter Clown. Schweijk (Johanna Link) vertreibt sich die Zeit mit einem zerplatzten Luftballon oder seinem Helm im Weltkugel-Design, übt sich derweil in küchenpsychologischen Betrachtungen über das Soldatenleben. „Erst das Militär macht dich zu einem Menschen“, meint er. Denn: „Ohne Disziplin würdest du wie ein Affe im Baum rumturnen!“

Doch vom Militär selbst ist zunächst wenig zu sehen. Allenfalls Kamerad Rudi (Rudolf Hartmann), der am Bühnenrand Akkordeon spielt, trägt einen Schutzhelm zur Schau. Und das seltsame Gehäuse im hinteren Bühnenteil könnte eine Raketenspitze oder ein Flugzeugcockpit sein, vielleicht aber auch eine Raumkapsel (Ausstattung: Ursula Gaisböck).

Rudolf Hartmann spielt Rudi – und das Akkordeon.
Rudolf Hartmann spielt Rudi – und das Akkordeon. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Schweijk schäkert mit Theaterbesuchern, palavert über das Attentat auf Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand und wie dies zu verhindern gewesen wäre. Zwischendurch macht er Witzchen, wälzt sich einmal über den Bühnenboden und erklärt: „Das war jetzt meine Rolle!“

Rudi hört derweil geduldig zu, spielt hier und da ein bisschen Akkordeon. Die Pointen sind mäßig, die Zeit verstreicht – passiert heute eigentlich noch irgendwas?

Er gesteht und er leugnet

Nun, zumindest wird Schweijk erst mal angeklagt. Ein strenger Polizist (Sylvana Schneider) hat in seinem Gefasel über den Thronfolger nämlich eine Majestätsbeleidigung erkannt. Und ein Richter (Jana Alexia Rödiger) fordert nun Geständnis ein. „Ja“, ruft Schweijk, „ich gebe alles zu!“ Und wenn der Richter das Gegenteil verlange, werde er auch das tun: alles leugnen, Hauptsache, die Obrigkeit ist zufrieden.

So ist seine Masche. Der betrunkene Militärpfarrer (Odo Jergitsch) möchte Soldaten weinen sehen? Bitte schön, dann weint er eben. Der Geistliche hegt den Verdacht, das sei nur gespielt? Ja, selbstverständlich, Herr Pfarrer, ich wollte Ihnen halt eine Freude machen!

Die einen preisen ihn für seine Folgsamkeit und Ehrlichkeit. Die anderen, genervt von seiner naiven Geschwätzigkeit, loben ihn so schnell wie möglich weg. „Ich frage mich, warum ich Sie nicht gleich erschossen habe“, ächzt etwa Oberstleutnant Lukas (Sebastian Haase) in einem schwachen Moment.

Odo Jergitsch spielt den betrunkenen Militärpfarrer.
Odo Jergitsch spielt den betrunkenen Militärpfarrer. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Das Problem: So nervend ist diese Geschwätzigkeit gar nicht. Schweijks Fabulierkünste mögen nicht jedem gefallen, ihre subversive Wirkungskraft hält sich aber in sehr überschaubaren Grenzen. Ohnehin wirkt die ganze Szenerie mit brüllenden Offizieren und besoffenen Militärpfarrern in fataler Weise gestrig.

Mit den smart daherkommenden Hierarchien des digitalen Zeitalters hat das alles nichts gemein. Und als sich die vermeintliche Raumkapsel zu drehen beginnt, wodurch wir sie endlich als Clownshut identifizieren können, ist auch die letzte Hoffnung auf einen erhellenden Bezug zu unserer Gegenwart dahin.

Verträumt statt gerissen

Johanna Link gibt einen mehr kindlich verträumten denn gerissenen Soldaten Schweijk. Das könnte in einem entschiedener aktualisierten Regiekonzept auch durchaus passen. Die unscharfe Setzung dieser Inszenierung aber lässt naive Melancholie immer wieder in Leerlauf kippen. Selten hat man sich schon zu einem so frühen Zeitpunkt beim ersten Blick auf die Uhr ertappt.

Die Schauspielerinnen Sylvana Schneider und Johanna Link spielen Soldaten.
Die Schauspielerinnen Sylvana Schneider und Johanna Link spielen Soldaten. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Die meisten übrigen Rollen sind klischeehaft angelegt. Sebastian Haases hypernervös Befehle brüllender Karriereoffizier oder Sylvana Schneiders rabiat auftretender Schutzmann wirken seltsam aus der Zeit gefallen. Odo Jergitsch, dem die rustikalen Charaktere liegen, gefällt als betrunken polternder Militärgeistlicher.

Regisseurin Sapir Heller, heißt es im Programmheft, habe das Publikum mit der Frage konfrontieren wollen, ob man als „ungeheurer Trottel und amtlicher Idiot“ von der eigenen Verantwortung befreit sei. Gute Frage. Die Antwort bleibt offen.

Weitere Vorstellungen von "Der brave Soldat Schweijk" gibt es am 19., 21., 26., 28. und 30. März 2019 am Theater Konstanz. Alle Informationen zu dem Stück finden Sie hier.