Was in Kinderköpfen vor sich geht, ist schwer zu ergründen – gerade wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Das beweisen gerade jene Fälle, in denen sich Opfer erst Jahrzehnte später dazu durchringen können, den Missbrauch anzuklagen, ja ihn überhaupt als solchen zu erkennen. Kindern fehlen noch die Maßstäbe, um beurteilen zu können, wo die Grenze zwischen richtig und falsch, zwischen normal und unnormal, zwischen Opfer und Täter verläuft.

Unsicherheit spielt auch auf der Seite derjenigen eine Rolle, die plötzlich mit der Möglichkeit eines Missbrauchs im eigenen Umfeld konfrontiert sind. Wie damit umgehen? Und was, wenn der Verdacht unbegründet ist? Übertragen wir unsere Ängste möglicherweise auf das Kind und machen alles schlimmer?

Sprachlosigkeit ist Teil des Verhängnisses

In einer solchen Situation befindet sich auch die Gouvernante in Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“, die 1954 uraufgeführt wurde und jetzt in der Inszenierung von Peter Carp am Theater Freiburg Premiere hatte. Von sexuellem Missbrauch ist in dem Stück allerdings an keiner Stelle explizit die Rede. Doch genau diese Sprachlosigkeit ist Teil des verhängnisvollen Geschehens. Was genau los ist, erfahren wir nicht. Wir bekommen nur die Auswirkungen zu sehen: Das Entsetzen und die Spirale aus Angst und Misstrauen, in die sich die Gouvernante und die beiden Kinder drehen: the turn of the screw (deutsch: Die Drehung der Schraube).

Die Oper basiert auf einer Geistergeschichte von Henry James von 1898, und als solche kann man auch Brittens Oper vordergründig verstehen. Einer jungen Gouvernante (Solen Mainguené) werden auf einem abgelegenen Landgut zwei Waisenkinder (Miles und Flora) anvertraut. Sie will ihnen ein guter Mutterersatz sein. Die Voraussetzungen scheinen günstig: Die Kinder sind aufgeweckt und mögen sie, und die Umgebung ist paradiesisch.

Es spukt auf dem Landsitz

Doch es spukt. Zwei ehemalige Bedienstete, ein Mann und die frühere Gouvernante Miss Jessel, beide bereits tot, erscheinen der entsetzten Gouvernante. Von der Haushälterin Mrs. Grose (Judith Braun) erfährt sie, dass der verstorbene Peter Quint ein gutes, offenbar zu gutes Verhältnis zu den Kindern hatte und einen schlechten Einfluss auf sie ausgeübt habe.

Was tatsächlich vorgefallen ist, bleibt im Dunkeln, aber die Gouvernante reagiert alarmiert. Ab jetzt kennt sie nur noch ein Ziel: Die Kinder vor den bösen Geistern zu beschützen, ja ihnen gar das Böse auszutreiben. Das endet in der Katastrophe: Als die Gouvernante ihren Zögling Miles zwingt, den Namen des Mannes auszusprechen, verschwindet zwar dessen Geist, aber auch Miles bricht tot zusammen.

Die Gouvernante (Solen Mainguené) hat Angst, dass Miles (Thomas Heinen) bereits auf der Seite des Bösen steht.
Die Gouvernante (Solen Mainguené) hat Angst, dass Miles (Thomas Heinen) bereits auf der Seite des Bösen steht. | Bild: Paul Leclaire

Wer oder was sind diese Geister? Schon bei Henry James ist klar, dass sie nicht einfach nur „huhuu“ rufende Schreckgespenster sind. Britten zeigt sie definitiv als Verführer, denen er eine ebenso verführerische Musik angedeihen lässt: Dem melismatisch einschmeichelnden Gesang von Peter Quint (klangschöner, gradliniger Tenor: Joshua Kohl) ist der Junge Miles völlig willenlos ausgeliefert. Im Text mag von Missbrauch nicht die Rede sein, die Musik spricht mit Harfe und Celesta deutlichere Worte. Schließlich kann man sich dieser Verführungskraft auch als Hörer kaum entziehen.

Unterdrückte sexuelle Wünsche

Oder sind die Geister bloß eingebildet? Ein Traum vielleicht? Wenn ja, von wem? Von den Kindern oder von der Gouvernante? Stehen sie wirklich für den sexuellen Missbrauch oder symbolisieren sie die erwachende Sexualität der Kinder, die die Gouvernante nicht wahrhaben will und die sie deswegen verteufelt? Oder sind es ihre eigenen Fantasien? Unterdrückte sexuelle Wünsche einer im puritanischen England groß gewordenen jungen Frau?

Das könnte Sie auch interessieren

Peter Carp entscheidet sich nicht für eine eindeutige Lesart dieses Stoffes. Und das ist auch gut so. Denn gerade die Ambiguität gibt dem Stück seine Vielschichtigkeit. Uneindeutig bedeutet allerdings nicht unentschlossen. Carp spielt mit den verschiedenen Deutungsebenen und lässt sie nebeneinander bestehen. Wenn die Kinder (fantastisch im Gesang und bewunderswert locker auf der Bühne: Thomas Heinen und Katharina Bierweiler von Cantus Juvenum Karlsruhe) in einem Spiel mit Seil und Maske auftauchen, liegt der Gedanke nahe, sie könnten das Spielzeug, mit dem sie hier so ahnungslos hantieren, vielleicht von ihren Verführern kennen.

Peter Quint (Joshua Kohl) und Miss Jessel (Inga Schäfer) vertrauen sich ihre geheimen Wünsche an.
Peter Quint (Joshua Kohl) und Miss Jessel (Inga Schäfer) vertrauen sich ihre geheimen Wünsche an. | Bild: Paul Leclaire

Dann wieder gibt es eine Szene mit Quint und Miss Jessel (Inga Schäfer) in einem gemeinsamen Bett. Sie sprechen über ihre Begierden. Quint sehnt sich nach jemand, der ihm bedingungslos folgt. „Da wäre es um die Unschuld geschehen“, fügt er an. Im nächsten Moment erwacht die Gouvernante im selben Bett. Hat sie die Szene zwischen Quint und Miss Jessel nur geträumt?

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto erbarmungsloser dreht sich der Schraubstock der Paranoia. Wenn Carp zu einer der Deutungsweisen tendiert, dann ist es die, dass die Geister Projektionen Gouvernante sind, die an ihren eigenen Erziehungsansprüchen scheitert und die Kinder in der Folge wie eine Heilkopter-Mutter überkontrolliert. Sie reagiert immer hysterischer, selbst alltägliche Vorgänge deutet sie als Zeichen der bösen Macht über die Kinder. Großartig, wie Solen Mainguené diese Frau singt und spielt, die sich allmählich selbst entgleitet und schließlich selbst zum Verhängnis für die Kinder wird.

Vertreibung aus dem Paradies

Welche Lesart man auch bevorzugt, letztlich geht es immer um eines: Um den Verlust der Unschuld. Bildlich gesprochen um die Vertreibung aus dem Paradies. Nicht umsonst lässt Peter Carp die Gouvernante – Garten und Baum im Rücken (Bühne: Kaspar Zwimpfer; Kostüme: Gabriele Rupprecht) – versonnen in einen Apfel beißen. Die Musik flirrt, in den Holzbläsern zwitschern die Vögel. Doch gleich darauf ist es vorbei mit der Idylle. Kurz nachdem die Gouvernante vom Apfelbaum gegessen hat, erscheint erstmals Peter Quint.

Benjamin Britten hat mit „The Turn of the Screw“ eine seiner vielleicht verführerischsten Musiken geschrieben. Die Szenen sind durch kurze Instrumentalspiele verbunden, die von dem solistisch besetzten Philharmonischen Orchester Freiburg unter Leitung von Gerhard Markson in schönster Kammermusik-Qualität umgesetzt werden. Ein bemerkenswerter und angeregender Musiktheater-Abend.

Weitere Aufführungen: 16. und 22. November; 7., 18. und 20. Dezember; 23. und 31. Januar; 16. Februar; 15. und 19. März. Infos und Tickets: http://www.theater.freiburg.de

Drei Fragen an Peter Carp

Peter Carp, 64, ist Intendant am Theater Freiburg und Regisseur von Benjamin Brittens „Turn of the Screw“

Was ist Ihnen bei der ersten Lektüre durch den Kopf gegangen?

Unterdrücktes erotisches Verlangen.

Warum sollen wir reingehen?

Erstens ist es großartige, vielschichtige Musik, zweitens ist es eine sehr spannende Handlung zwischen Gespenstergeschichte und Psychogramm eines ausbrechenden Wahnsinns.

Der stärkste Satz?

„The ceremony of innocence is drowned“. (Die Zeile stammt aus einem Gedicht von W.B. Yeats. Deutsch etwa: Das Ritual der Unschuld wird ersäuft. Anm. d. Red.)