Madonna ist wieder da. Was fehlt, ist ihr Erfolg. Ihr letzter Hit liegt 14 Jahre zurück, die Albumverkäufe sinken stark. Und dann war da noch der Auftritt beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv: Schief sang sie und schwachbrüstig. Ist der Star mit 60 Jahren zu alt fürs Musikbusiness?

Bild: ANGELA WEISS

Sexistisch sei diese Frage, rufen jetzt manche. Allen voran ruft Madonna selbst: Wäre sie ein Mann, kritisiert sie, erführe ihr Alter gar keine Erwähnung. Und ja, da ist etwas dran.

Mehr Toleranz für Männer

Tatsächlich können Männer im Popzirkus mit mehr Toleranz rechnen, wenn es Richtung Rentenalter geht. Die Rolling Stones toben als bald 80-Jährige über die Bühne, und Iggy Pop entblößt auch mit 72 Jahren noch gerne seinen Oberkörper (morgen wieder in Lörrach beim Stimmen-Festival).

Iggy Pop bei seinem Auftritt in Montreux 2018.
Iggy Pop bei seinem Auftritt in Montreux 2018. | Bild: Valentin Flauraud

Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Für Michael Jackson zum Beispiel kam mit dem Jahrtausendwechsel der Karriereknick. Die New Kids On The Block sind in der Versenkung verschwunden. Und David Hasselhoffs letztes Album tauchte in den deutschen Charts gar nicht erst auf.

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Patti Smith dagegen, Joan Baez oder Marianne Faithfull zeigen als Frauen jenseits der 70, dass künstlerischer Erfolg keine Altersgrenze kennt. Ihre Konzerte sind voll, neue Platten erreichen Spitzenplatzierungen. Wie verträgt sich das mit Madonnas Sexismus-Vorwurf?

Hübsch und sexy

Die Schauspielerin Martina Gedeck, 57 Jahre alt, antwortete einmal auf die Frage nach dem altersbedingten Karriereknick: „Wenn man nicht genug kann, wird man vielleicht nur genommen, solange man hübsch und sexy ist. Aber die Schauspielerinnen, die was können, die arbeiten ja alle weiter.“ Und auch da ist natürlich etwas dran.

Sadomaso und Domina

Madonnas stimmliche Fähigkeiten sind nie besonders ausgeprägt gewesen. Erfolg erlangte sie über ihre Inszenierung als Sexsymbol. Sie provozierte mit Sadomaso-Symbolik und Domina-Szenen, sie simulierte zum Song „Like A Virgin“ eine Masturbation.

Hure und Heilige zugleich: Laszive Posen gehörten für Madonna immer dazu – so wie hier bei einem Auftritt 2008 in Frankfurt am Main.
Hure und Heilige zugleich: Laszive Posen gehörten für Madonna immer dazu – so wie hier bei einem Auftritt 2008 in Frankfurt am Main. | Bild: A3796 Uwe Anspach

Doch mit der Sexualität ist das so eine Sache: Ihre Bedeutung lässt im Laufe des Lebens nach. Wer sein künstlerisches Profil auf das Thema „jung und sexy“ fokussiert, der darf sich nicht wundern, wenn im Alter der Erfolg ausbleibt. Das gilt für Frauen wie Männer gleichermaßen – siehe David Hasselhoff.

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Nun hat Madonna zusätzliches Pech. Denn eben jene Inszenierung des Feminismus, für die sie über all die Jahre gestanden hat, ist inzwischen nicht mehr en vogue. Es war ein Feminismus der weiblichen Ermächtigung von Sexualität: Madonna gab sich als Hure und Heilige zugleich, erweckte damit Sehnsüchte und Ängste bei Männern wie Frauen gleichermaßen.

Neue Sittenstrenge

Heute dagegen hat eine neue Sittenstrenge die Gesellschaft erfasst. Suspekt ist nicht mehr allein der männliche Blick auf Sexualität, sondern Sexualität an sich. Anzügliche Griffe ins Gemächt wie bei Michael Jackson, halbnackte Auftritte wie bei Madonna: Diese Zeiten sind vorbei. Ein Sätzchen wie „Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt“ (Sarah Connor) genügt heute schon, damit ein Song aus dem Radioprogramm fliegt.

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Madonnas Misserfolg liegt also ein bisschen am Sexismus, deutlich mehr an ihrer Profilierung als Sexsymbol und noch mehr an einer neuen Sittenstrenge. Bleibt noch Grund Nummer vier: Singen kann sie ja leider wirklich nicht.

http://johannes.bruggaier@suedkurier.de