Wie oft schon stand sie auf der Kippe, die sogenannte Einheitswippe, die in Berlin als Denkmal für Freiheit und Einheit an die friedliche Revolution von 1989 erinnern soll. Was wurde nicht schon gestritten über das Ob, Wie und Wo einer solchen Erinnerungsstätte, von der Finanzierung ganz zu schweigen.

Und jetzt, da der Baubeginn eigentlich nur noch davon abhängt, wann die benachbarten Baustellen des Humboldt Forums und der U-Bahn die Grundsteinlegung für die aufwändige Konstruktion zulassen, da bringt ein plötzlich auftauchender Plagiatsvorwurf das ganze Vorhaben erneut in Schräglage. Filmemacher Christoph Lauenstein behauptet nämlich, die Idee des begehbaren Denkmals, das sich je nach Belastung durch die Besucher mal zur einen, mal zur anderen Seite neigt, stamme aus seinem Oscar-prämierten Kurzfilm „Balance“.

Schwankende Plattform auch im Film

In der Tat zeigt der Film ebenfalls eine schwankende Plattform mit sich darauf bewegenden Personen. Der siebenminütige Streifen ist fast 30 Jahre alt und war neben zahlreichen internationalen Festivals allein 25 Jahre lang im Bonner Haus der Geschichte zu sehen als Metapher für die friedliche Revolution und die deutsche Einheit.

Und genau um diese Idee fühlt sich Christoph Lauenstein als Urheber nun betrogen. Das wiederum will die Stuttgarter Agentur Milla & Partner, die die Einheitswippe nach einer Anregung der Berliner Choreografin Sasha Waltz entworfen hat, nicht auf sich sitzen lassen. Er habe beim Entwurf für das Denkmal nie an Lauensteins Film gedacht, den er jetzt nach 29 Jahren zum erstenmal wieder gesehen habe, so Johannes Milla. Der Vorwurf des Plagiats sei gegenstandslos.

Wie der Berliner „Tagesspiegel“ berichtet, hat Lauenstein der Agentur Milla inzwischen angeboten, „gegen eine angemessene Entschädigung in Höhe von 100 000 Euro“ den Streit beizulegen und die Plagiatsvorwürfe nicht länger zu erheben.

Dies wiederum wertet Florian Mausbach, der frühere Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Befürworter des Denkmals, als „billigen Erpressungsversuch“. Und so schaukelt sich der Streit um die Wippe immer mehr hoch, bevor auch nur ihr Grundstein gelegt wurde. Denn Lauenstein will nun gegen die „üble Nachrede der Erpressung“ seinerseits rechtlich vorgehen.

Das Denkmal erregt die Gemüter

Aber Stillstand liegt eben nicht im Wesen einer Wippe mit dem bezeichnenden Namen „Bürger in Bewegung“. Die Gemüter bewegt das Projekt schon seit seiner Entstehung. Nach heftig ausgetragenen öffentlichen Kontroversen, ob die deutsche Einheit überhaupt mit einem Denkmal bedacht werden soll, rang sich der Deutsche Bundestag schließlich im Jahr 2007 zu einem entsprechenden Beschluss durch.

Ganze vier Jahre später wurde dann die Wippe der Agentur Milla & Partner als Wettbewerbssieger ermittelt und der Auftrag zur Verwirklichung erteilt. Die politische Reaktion von allen Seiten war heftig. Die Linke wollte mit dem Denkmal zwar die Freiheit, nicht aber in einem Atemzug auch die Einheit gewürdigt wissen. Konservativen Kreisen war die Wippe in ihrer Ausgestaltung zu profan, andere dagegen rühmten gerade den Verzicht auf jedes nationale Pathos.

Die geschwungene Form brachte dem Werk bald die Spitznamen „Obstschale“ oder „Bundesbanane“ ein und wurde als Politik-Spielplatz verspottet.

Doch auch die Verwirklichung wurde zu einer wackligen Angelegenheit. Grundstücks- und Finanzierungsfragen verzögerten das 17-Millionen-Projekt ebenso wie die Diskussion um den Standort. Wo auch immer künftig gewippt werden soll, der Fertigstellungstermin rückt in immer weitere Ferne. Ursprünglich war der 9. November 2019, der 30. Jahrestag des Mauerfalls geplant.

Aber auch das 30-jährige Jubiläum der deutschen Einheit am 3. Oktober 2020 dürfte als Termin inzwischen nicht mehr zu halten sein, denn noch wurde mit der Errichtung des Denkmals gar nicht begonnen. Ob sich aus Christoph Lauensteins Plagiatsvorwurf womöglich noch ein jahrelanger Rechtsstreit entwickelt und welchen Einfluss dieser auf die Verwirklichung des Denkmals haben könnte, daran mag in Berlin im Augenblick noch niemand denken.

Film „Balance“, dessen Regisseur jetzt Plagiatsvorwürfe an die Macher des Berliner Einheitsdenkmal erheben: