Es ist einer jener Räume, wie sie wohl nur die Bühnenbildnerin Anna Viebrock ersinnen kann. Für den Schweizer Regisseur Christoph Marthaler entwirft sie Wartesäle jeder Art. Menschen sitzen oder stehen darin, die wenig mit sich anzufangen wissen, tragikomische Figuren, die durch ihr Leben stolpern wie über ihre eigenen Füße. An der Stuttgarter Oper, wo Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ als eine Koproduktion mit dem Teatro Real in Madrid Premiere hatte, ist der Wartesaal ein Inspirationsraum – eine surreale Mischung aus Auditorium, Hotelfoyer und Kunstakademie mit aktzeichnenden Studenten und auf- und abtretenden Aktmodellen, denen der Rezeptionist von Zeit zu Zeit ein Taschentuch reicht, damit sie sich den Achselschweiß abwischen können. Ein Studentenchor tritt auf, um Trinklieder zum Besten zu geben.

Vorbild für Anna Viebrocks Raum soll das Círculo de Bellas Artes gewesen sein, eine private Kunstinstitution in Madrid. Wie auch immer, ihr und Marthaler (und Joachim Rathke als Regie-Mitarbeiter) ist eine wunderbare Interpretation von Lutters Weinkeller gelungen, der ja nicht nur den Ort für die Rahmenhandlung von „Hoffmanns Erzählungen“ abgibt, sondern im Grunde ebenfalls Warte- und Inspirationsraum ist. Hier singen die Bierkrüge, hier entsteigt die Muse einem alkoholischen Getränk – und hier wartet man auch auf den Dichter E.T.A. Hoffmann und dieser auf ein Rendezvous mit der Sängerin Stella. Auch Hoffmann selbst, der Gegenentwurf zum heroischen Dichterfürsten, ist im Grunde eine echte Marthaler-Figur – auch wenn er in Marc Lahos Darstellung gelegentlich etwas unbeteiligt wirkt.

Während er auf Stella wartet, erzählt er nun von seiner tragischen Liebe zu drei Frauen – die erste (Olympia) stellt sich als gut gemachte Erfindung des Physikers Spalanzani heraus, die zweite (Antonia) stirbt an einer seltsamen Gesangskrankheit und die dritte (Giulietta) ist eine Kurtisane, die Hoffmann sein Spiegelbild nehmen will. Und in jeder Geschichte gibt es einen diabolischen Gegenspieler zu Hoffmann, der die Fäden des unglücklichen Schicksals in der Hand hält.

Jacques Offenbach hat seine „fantastische Oper“ nicht vollenden können und hat der Nachwelt ein nicht ganz leicht zu handhabendes Torso hinterlassen. Wer es auf die Bühne bringen will, muss sich zunächst einmal eine Spielfassung einrichten. Und trotz all des surrealen Beiwerks, mit dem Marthaler in Stuttgart seine köstlichen und unverkennbaren Marken setzt, ist hier eine überaus stringent und klar erzählte Produktion gelungen.

Das liegt auch daran, dass Musik und Szene sehr gut aufeinander abgestimmt sind. Das liegt aber auch an der Musik selbst, die unter Leitung von Sylvain Cambreling plastisch und lebendig erzählt wirkt. Das lässt auch über einzelne Intonations-Schwächen wie zu Beginn des Antonia-Aktes leicht hinwegsehen. Gleichzeitig gerät gerade dieser Akt musikalisch spannend wie ein Krimi – obwohl er szenisch sehr sparsam gestaltet ist und sich stark auf Hoffmann und Antonia (ausdrucksvoll, aber häufig auch nicht perfekt in der Intonation: Mandy Fredrich) konzentriert.

Freilich ist der turbulente Olympia-Akt wie in fast jeder Inszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“ das amüsante Highlight. Und fast schon erwartungsgemäß brilliert die großartige Ana Durlovski als Puppe Olympia, deren maschinenhafter Koloraturakrobatik sie aber auch menschliche Seele verleiht. Der Schauspieler Graham F. Valentine, der in keiner Marthaler-Produktion fehlen darf, übernimmt mit seiner schnarrenden Stimme die Rolle des Puppenvaters Spalanzani – eine überraschende, aber erstaunlich stimmige Besetzung.

Während Marc Laho als Hoffmann mit den Höhen seiner Partie kämpft, hat Alex Esposito als sein Gegenspieler Lindorf/Coppelius/Mirakel/Dapertutto leichtes, diabolisches Spiel. Auch Simone Schneider überzeugt als verführerische Giulietta. Sophie Marilleys androgyner Mezzosopran passt perfekt zur Muse, könnte allerdings durchsetzungskräftiger sein.

Am Ende taucht sie doch noch auf – Stella (Altea Garrido), auf die alle gewartet hatten. Ihrem Hoffmann schleudert sie einen Text von Fernando Pessoa entgegen. Allerdings in spanischer Übersetzung – ein Zugeständnis an das Publikum der Madrider Premiere. Dort dürften die Flüche auf das „Liliput-Europa“ im Mai 2014 auf fruchtbaren Boden gefallen sein. In Stuttgart erfüllt der spanische Gefühlsausbruch eher eine dekorative Funktion. Hoffmann ist auch an seiner Beziehung zu Stella gescheitert. Das Team um Marthaler und Cambreling allerdings hat auf ganzer Linie gesiegt.

Weitere Aufführungen: 24. März; 3., 10., 15., 23., 30. April; 4. Mai. Tickets: Tel. 0711/202090 oder

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