Angeblich wollte der Schüler Ingo Seiltänzer werden. Das Leichte und Verspielte sei ihm wichtig gewesen, erinnert sich Claude Maurer in einem Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“ an ihren Vater. Ingo Maurer wurde aber dann doch nicht Zirkuskünstler, sondern ein erfolgreicher Lichtdesigner, dessen Kreationen in Wohnzimmern, im öffentlichen Raum, aber auch als viel bestaunte Objekte in Museen hängen sowie in Sonderausstellungen gezeigt werden.

Dem Poeten des Lichts widmet derzeit die Pinakothek der Moderne in München eine Retrospektive. Der Anlass für „Ingo Maurer intim. Design Or What?“, der seinen ungeheuren Schaffensdrang erahnen lässt, ist ein trauriger: Maurer starb im Oktober 87-jährig in der Stadt, die ihm zur zweiten Heimat wurde. In München hatte er 1966 seine Firma Design M gegründet, die nicht nur Leuchtkunst entwirft, sondern auch produziert und vertreibt.

Aber noch einmal zurück zu Maurers Kindheit. Es gibt eine anderes Narrativ, was seinen Traumberuf und sein Talent angeht. Es hat zu tun mit seinem Geburtsort, der Insel Reichenau im Bodensee. Ingo Maurer wuchs auf der Insel, die Weltkulturerbe beherbergt, mit vier Geschwistern auf. Nach dem frühen Tod des Vaters, ein Fischer, aber auch ein Erfinder und Buddhist, absolvierte er eine Schriftsetzer-Lehre in Konstanz. Daran schlossen sich Arbeitsaufenthalte in der Schweiz in Weinfelden (Kanton Thurgau) und in Zürich an.

Von 1954 bis 1958 studierte Maurer Grafik in – eben – München. Dort lernte er auch seine erste Frau kennen, mit der er 1960 nach Kalifornien ging. Angekommen in San Francisco, arbeitete er zunächst als Art Director in einer Agentur. Drei Jahre hielt das Paar in Amerika aus, danach kehrte es in die bayerische Landeshauptstadt zurück. Hier wollte Maurer sein Glück machen – der Plan ging auf, allerdings über Umwege.

Zum Licht fand er am Bodensee. Als Junge war er mit seinem Vater, über den er unter anderem auch den Maler Otto Dix kennenlernte, der unweit der Reichenau auf der Halbinsel Höri lebte, oft auf dem See. „Ich lag auf dem Rücken in einem Boot und schaute verträumt in den Himmel“, berichtete er einmal der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Reflexion der Sonnenstrahlen auf dem Wasser und in den Blättern der Bäume habe sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Ebenfalls beeindruckte den Jungen, wie schön das Licht durch die Fenster der romanischen Säulenbasilika St. Peter und Paul im Reichenauer Ortsteil Niederzell nach draußen fiel.

Inspiration aus Venedig

Aber diese frühe Anmutung brauchte noch ein essenzielleres Erlebnis, um den Lichtdesigner zu schaffen. Und auch hierzu liegt ein Bericht vor, den Maurer immer wieder wiedergab: Demnach ereignete sich das Lichtwunder in einem Hotelzimmer in Venedig. Dort entdeckte er an der Decke eine nackte 15-Watt-Glühbirne. Diese Kargheit gefiel ihm. Er fing spontan an zu zeichnen.

Was sich am Ende auf dem Blatt abbildete, war die Ode Maurers an seine „große Liebe“: die Glühbirne – für die er sich später (vergeblich) einsetzte, als EU-Vorschriften ihr sozusagen das Licht ausknipsten. Anderntags setzte er zu den Glasbläsern auf die Insel Murano über und ließ sich seine Version einer Glühbirne blasen. Wieder in München, kam die metallene Fassung dazu, geboren war damit „Bulb“, eine überdimensionierte Glühbirne, aber auch der Lichtpoet Maurer.

„Bulb“ (1966) brachte es gleich ins Museum. Nicht in irgendeins, sondern ins berühmte Museum Of Modern Art in New York. Das bedeutete für den Reichenauer beziehungsweise Münchner Designer den Ritterschlag, der ihn ermutigte, an dem Thema weiter zu arbeiten. Der Glühbirne, für ihn die schönste Symbiose von technischer Innovation und Poesie, verlieh er Flügel („Lucellino Table“, 1992), ließ Schmetterlinge oder Libellen um sie kreisen („I Ricchi Poveri Five Butterflies“, 2014 und „I Ricchi Poveri Bzzzz“, 2014) oder machte aus ihr ein Hologramm, das von einem LED-Spot angestrahlt wird („Wo bist du, Edison“, 1997).

Maurer und seine Mitarbeiter – er sprach immer von seinem Team – gehörten zu den Ersten, die in den 1980er-Jahren mit Niedervolt-Halogen-Systemen experimentierten („Ya YaHo)“, schon 2001 eine LED-Schreibtischleuchte („Lora Dee“) auf den Markt brachten und 2006 OLEDs verwendeten. Viele seiner Lichtwerke wurden zur Vorlage für Nachahmer.

Bis zu seinem Tod schuf Maurer mehr als 150 Lampen, die sich durch Humor, Ernsthaftigkeit, Raffinesse und Minimalismus, aber auch durch Opulenz und – ja – Leichtigkeit auszeichnen. Etwa 80 Arbeiten werden in der Ausstellung der Neuen Pinakothek präsentiert.

Eine Lampe für Micky Maus

Einige dieser Kreationen widmete er befreundeten oder bewunderten Künstlern wie dem Blaumaler Yves Klein („Remember Yves“, 2007) und dem amerikanischen Konzeptkünstler Bruce Nauman („Hi Bruce“, 2008) oder Comic-Helden wie Micky Maus („I Ricchi Poveri – Toto“, 2014).

Auch in der Bodensee-Region hinterließ Maurer Spuren, in der Nähe von Lindau. Für das Esszimmer von Uwe Holys „Villa Wacker“ – Holy ist der Enkel von Hugo Boss – schuf er 1994 die Lampe „Porca Miseria!“, nach einem italienischen Fluch benannt („Elendige Schweinerei!“).

Der Scherbenhaufen besteht aus sorgsam zersägtem Porzellan. Jedes Stück, so heißt es auf der Internetseite von Maurers Factory, wird den Gegebenheiten des Raums, für den sie gestaltet wird, angepasst und in Handarbeit erstellt. Es handelt sich also um Unikate. Und natürlich hat das seinen Preis.

Aber auch für den öffentlichen Raum erarbeitete Maurer bedeutende Lichtinstallationen. Sein letztes Meisterwerk realisierte er im Münchner Residenztheater. Hier hat er – zeitweise schon auf einen Rollstuhl angewiesen – eine Art monumentale Wolke entwickelt, bestehend aus 3000 reflektierenden Silberblättern, die durch goldfarbene Ventilatoren in ständiger Bewegung gehalten werden. Ein Traum von Licht.

Design muss Gefühle auslösen

Im Residenztheater fand auch die Trauerfeier für Maurer statt. Dabei wurde er von den Rednern als großherzig, kreativ, neugierig, wertschätzend, großzügig und human beschrieben. Jedes Adjektiv, das über ihn gesagt wurde, sei wahr, bemerkte der letzte Redner, der Architekt Ron Arad. „Erfolgreich sind wir“, sagte der vielfach ausgezeichnete Lichtgestalter Maurer einmal, „wenn wir ein Gefühl in den Menschen auslösen.“ Das ist dem Reichenauer Buben zweifellos gelungen.