In Engen war es ein Werkzeugmacher, der, offenbar gelangweilt von seiner mühseligen Arbeit, vor gut 12 000 Jahren vor Christus auf eine revolutionäre Idee kam: Er verzierte den Lochstab aus Geweih, der dem Begradigen von Speerspitzen dienen sollte, mit der Ritzzeichnung von zwei Rentieren – eine neue Art von Kunst war geboren.

Jetzt wagt das Badische Landesmuseum mit diesem Fund und anderen aus der Urzeit ein revolutionäres Experiment: Ausgerechnet in der umgestalteten Archäologie-Abteilung im Karlsruher Schloss ist das Digitale Zeitalter ausgebrochen.

Der Lochstab aus Engen: Mit der Ritzzeichnung von zwei Rentieren war eine neue Art von Kunst geboren.
Der Lochstab aus Engen: Mit der Ritzzeichnung von zwei Rentieren war eine neue Art von Kunst geboren. | Bild: Peter Gaul

Alles ist anders. Textbanner und erläuternde Schildchen gibt es nicht mehr. Der Engener Lochstab zum Beispiel ist in einer Glassäule ausgestellt. Will man Näheres wissen, muss man den scheckkartenähnlichen Nutzerausweis, den es zur Eintrittskarte gibt, vor ein Kästchen an der Säule halten, und schon erscheint alles Wissenswerte auf dem Glas.

Auch die schwer erkennbaren Rentiere leuchten gut sichtbar auf. Ähnlich sind hier die wertvollsten Stücke des Museums arrangiert und von allen Seiten anzuschauen.

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Im nächsten, ungewöhnlich hellen Raum, der in Kooperation mit derm Fachbereich für Architektur und Gestaltung der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung und dem Fachbereich Informatik und Informationswissenschaft der Universität Konstanz entstand, warten Medientische wie flache Riesenbildschirme auf fingerfertige Abfragen.

Das Stichwort „Bodensee“ eingetippt, und schon tut sich eine Landkarte auf mit all den Orten, an denen die Archäologen erfolgreich waren. Links davon erscheinen ihre Funde – von der Pfeilspitze und dem polierten Erntemesser aus Konstanz bis zur kunstvoll gedrehten Gewandnadel und der Bernsteinkette, deren Perlen von der Ostsee bis nach Salem gelangten, und vielem mehr.

Einmal ein archäologisches Exponat berühren! In Karlsruhe ist das möglich – wie hier mit einem bei Engen gefundenen Schwert aus der Zeit zwischen 1300 und 1200 vor Christus.
Einmal ein archäologisches Exponat berühren! In Karlsruhe ist das möglich – wie hier mit einem bei Engen gefundenen Schwert aus der Zeit zwischen 1300 und 1200 vor Christus. | Bild: ARTIS / Uli Deck

Ein Tipp auf ein Exponat, und gleich ist es groß im Bild. Daneben stehen dann alle museumsüblichen Angaben – Beschaffenheit, Alter und Herkunft. Dabei wird auch angezeigt, wo das gewünschte Stück (wieder ganz ohne Erläuterung) in einer der Schubladen unter Glas zu finden ist.

Jetzt helfen die sogenannten „Explainer“ vom Museums-Team weiter. Eine dieser Erklärerinnen, Museumsvolontärin Stephanie Heck, reicht ein präpariertes Smartphone. Wer es als digitale Lupe auf ein Exponat hält, kann auf dem kleinen Gerät alles Wichtige dazu nachlesen. Damit das funktioniert, sind die Wände über den Schränken mit QR-Codes tapeziert.

Angebote für Kinder und Jugendliche

Junge Leute werden sich eher für die Spiele und Quizfragen an den Medientischen interessieren. Kinder bekommen ihren eigenen Nutzerausweis und lassen sich vom Robotermaskottchen „Expi.1“ Einzelheiten erklären, die auch für Erwachsene interessant sind.

Wer mag, kann sich im letzten Raum auch eine der sechs klobigen Virtual-Reality-Brillen aufsetzen und erlebt dann dreidimensional in Spielfilmchen, wie man sie von der Computer- und Videospielemesse Gamescom kennt, wie unsere Vorfahren mit den Archivalien wohl umgegangen sind. Hier ist Fantasie im Spiel, das gefällt nicht jedem.

Der Clou kommt zuletzt: Mit Handschuhen dürfen die Besucher ein Exponat anfassen. Einer der Erklärer, der Archäologe Rainer Surger, reicht einen über vier Jahrtausende alten geschmiedeten Bronze-Armreif, der einst am Konstanzer Ufer des Bodensees gefunden wurde – die feine Ziselierung ruft Bewunderung hervor.

Ohne Handschuhe geht es zwar nicht – aber auch so ist es etwas ganz Besonderes, einmal ein uraltes Schwert in den Händen zu halten.
Ohne Handschuhe geht es zwar nicht – aber auch so ist es etwas ganz Besonderes, einmal ein uraltes Schwert in den Händen zu halten. | Bild: ARTIS / Uli Deck

Es ist eine überraschende Erfahrung. Denn es ist eins, ein so altes Stück in der Vitrine zu sehen, und etwas ganz anderes, es in den Händen zu halten – man fühlt sich mit der Frau, die es einst getragen hat, verbunden.

Wer Tage später zu Hause am Computer im öffentlich zugänglichen archäologischen Fundus des Landesmuseums stöbert, kann dort unter über tausend Exponaten den Armreif aus dem Museum wiederfinden. Dafür hat ein Nutzer oder eine Nutzerin an der 3D-Digitalisierungsstation der Ausstellung gesorgt.

Direkt in die Datenbank

Ein Roboterarm erfasst die zuvor dafür bestellten Objekte und überträgt sie in die Datenbank des Hauses. Fürs Kruschteln im Urzeit-Katalog der Karlsruher Expothek reicht ein Stichwort.

Hat das Konzept Erfolg, will man im Badischen Landesmuseum weitere Abteilungen ähnlich umgestalten. Eine Frage bleibt aber doch: Macht die vollständig digitalisierte Präsentation den Bestand nicht zugleich verletzlich? Mit den Fortschritten in der schönen neuen Medienwelt wächst auch ihre Gefährdung. Es muss ja nicht gleich ein Cyberkrieg sein. Auch Hacker haben Ideen.

Die Ausstellung „Archäologie in Baden“ ist im Badischen Landesmuseum im Schloss Karlsruhe zu sehen. Geöffnet ist sie Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.