Weihnachten steht vor der Tür und bringt Kitsch und Klischee mit sich. Was für viele mit nervenaufreibenden Shoppingtouren und Last-Minute-Geschenken verbunden ist, sorgt bei Kindern immer noch für Herzrasen. Bringt das Christkind dem kleinen Jungen endlich das langersehnte Fahrrad? Und darf sich das kleine Mädchen über ein Pony unterm Weihnachtsbaum freuen?

Pferde im Trend der Zeit

Wer bei diesen Geschlechterklischees jetzt die Augen verdreht – denn wieso sollten sich Jungs nicht für Pferde begeistern – liegt damit absolut im Trend der Zeit. Neu ist der Gedanke aber bestimmt nicht: Hätte man zum Beispiel August Deusser als Kind gefragt, hätte sich dieser schon im ausgehenden 19. Jahrhundert – mehr von Pferden begeistert als so manches Wendy-Fangirl heute – für das Pony unterm Baum entschieden.

Der in Köln geborene Maler zählte zu den herausragenden Vorkämpfern für die Durchsetzung der Moderne im Rheinland. Auch wenn er selbst nie Reiten gelernt hatte, das Thema Reiter und Pferde sollte ihn sein ganzes Leben begleiten.

Pferde und Reiter, wohin man blickt: etwa auf dem Historienbild „Karl der Kühne von Neuss (Nächtliche Begegnung)“ von 1898.
Pferde und Reiter, wohin man blickt: etwa auf dem Historienbild „Karl der Kühne von Neuss (Nächtliche Begegnung)“ von 1898. | Bild: Wessenberg-Galerie

Schon als Kind hatte Deusser fasziniert Kavallerie-Soldaten bei ihren militärischen Übungen beobachtet, die er in seinen ersten, noch der akademischen Malweise verpflichteten Historiengemälden wiedergab. Ab 1897 kann der Maler mit diesen Darstellungen erste Erfolge verzeichnen. Doch schon wenige Jahre später wandelt sich der Stil des Malers, nachdem die französische Avantgarde-Kunst in Deutschland Einzug hielt.

Vorreiter der Moderne

Als einer der ersten Künstler der Düsseldorfer Schule wandte sich Deusser dem Impressionismus zu. Zur selben Zeit, in der seine ersten kleinformatigen Freilichtstudien entstanden, wuchs aus dieser Umorientierung auch ein großes kunstpolitisches Interesse und Deusser begann sich ab 1908 im sogenannten Sonderbund zu engagieren, einer Initiative, die jährlich in aufsehenerregenden Ausstellungen französische und deutsche Avantgarde nicht nur unter einem Dach, sondern sogar in einzelnen Räumen einander gegenüberstellte.

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Von da an bis zur letzten, epochemachenden Schau des Sonderbund 1912 – sie sollte Vorbild werden für die legendäre Armory Show in Amerika im Folgejahr – fällt auch die bedeutendste Schaffensphase Deussers: Neben den „Vätern der Moderne“, Cezanne, Gaugin und van Gogh, und bedeutenden Künstlern zeitgenössischer Strömungen wie der Brücke oder dem Blauen Reiter besetzte auch Deussers eigene Kunst einige der Ausstellungsräume in Köln.

Enorme Stilvielfalt

Deussers Stil bleibt dabei von dem Künstlerkontakt alles andere als unbeeinflusst. Zwar schafft er es nie, wie viele seiner Zeitgenossen, sich vollständig vom Gegenstand zu lösen, dennoch gelingt es ihm, eine eigenständige künstlerische Handschrift zu entwickeln, die – wie es typisch für die Moderne ist – von einer enormen Stilvielfalt geprägt ist. Von impressionistischen bis hin zu surreal oder kubistisch anmutenden Arbeiten im Spätwerk, Deussers Arbeiten spiegeln ein bewegtes Zeitgeschehen.

„Das blaue Pferd“ steht vor einem kubistisch anmutenden Aquädukt und einer impressionistischen Stadtansicht.
„Das blaue Pferd“ steht vor einem kubistisch anmutenden Aquädukt und einer impressionistischen Stadtansicht. | Bild: Wessenberg-Galerie

Sozusagen als Metapher der Moderne gliedert sich sein Werk in verschiedene Entwicklungsphasen, welche die Ausstellung in der Wessenberg-Galerie in Konstanz in Kooperation mit der Schweizer Deusser-Stiftung und dem Museum Goch am Niederrhein nachzeichnet. Dazu werden neben Deusser eine Reihe Gemälde und Reproduktionen gezeigt, welche die verschiedenen Einflüsse auf das umfangreiche Œuvre thematisieren. Nicht zuletzt finden sich hier auch zwei Gemälde der wohlhabenden Ehefrau von Deusser, die selbst eine künstlerische Ausbildung genoss und mit dem Vermögen ihrer Familie die Künstlerkarriere ihres Mannes finanziell ermöglichte.

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Und nicht nur das: Die gemeinsame Leidenschaft und das Vermögen von Elisabeth (ehemalig Albert) und August Deusser ermöglichte es dem Paar, selbst in Kunst zu investieren und eine umfangreiche Sammlung anzulegen. Oftmals geschahen die Käufe auf den Sonderbund-Ausstellungen – so kamen allein über die Schau im Jahr 1909 nicht weniger als sieben Werke in den Besitz der Familie, darunter etwa George Braques kubistisches „Viadukt“, das sich in den Folgejahren als große
Inspirationsquelle für Deusser entpuppte.

Bilder weltweit verkauft

Heute befinden sich nur noch wenige Werke der Familiensammlung im Besitz der Stiftung, denn viele sind im Laufe der Jahre an die großen Museen der Welt, von New York bis Tokio, verkauft worden. Reproduktionen und Fotografien rekonstruieren für die aktuelle Ausstellung in Konstanz den ursprünglichen Bestand und legen auf diese Weise Zeugnis über Deussers künstlerische Verbindungen und sein Wirken auf die Moderne ab.

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Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges befand sich Deusser gerade noch im wehrfähigen Alter, wurde jedoch nicht einberufen. Statt als gewöhnlicher Soldat zu dienen, malte er Schlachtenbilder, die sich romantisierend auf den deutsch-französischen-Krieg von 1870/71 beziehen. Bereits 1917 wurde er zum Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie berufen, zu dessen Ausführung er von seinem damaligen Wohnsitz im niederländischen Arcen pendelte.

Ein Schloss als Kulisse

In diesem Lebensabschnitt widmete sich Deusser wieder vermehrt den Pferdedarstellungen, wobei ihm sein Schloss mit den umliegenden Polderwiesen häufig als Kulisse diente. Auch beginnt er anhand des Pferdemotivs unterschiedliche Formensprachen der modernen Malerei auszutesten, was ihm aufgrund seiner Zuneigung zu den Tieren mehr oder minder gelingt.

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Gesundheitliche Probleme führten ab Mitte der Zwanzigerjahre dazu, dass Deusser zunächst sein Lehramt, später auch seine künstlerische Tätigkeit nicht weiter ausführen konnte. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs hielten sich
Deusser und seine Familie am Bodensee auf, wo sie seit 1941 im Inselhotel logierten – Arcen war wegen seiner Lage im Kriegsgebiet nicht mehr zu erreichen. Weil das Inselhotel 1942 allerdings für „kriegswichtige Zwecke“ benötigt wurde, mussten sie ihre Unterkunft kurz darauf erneut verlassen – für Deusser eine belastende Situation, die den Lebemann und Menschenfreund schwer erkranken ließ. Im Oktober 1942 starb er schließlich nach einer Operation in Konstanz, wo seine Familie noch bis zu ihrer Übersiedlung nach Zürich 1948 verweilte.

Die Ausstellung „August Deusser. Kunst für immer – Kunst immer nur Kunst!“ läuft bis 19. April 2020 in der Städtischen Wessenberg-Galerie Konstanz im Kulturzentrum am Münster.