Als Karl Ove Knausgård gefragt wurde, ob er eine Ausstellung über seinen norwegischen Landsmann Edvard Munch kuratieren wolle, sagte er sofort Ja. „Es war ein eindeutiger Fall von Hybris, denn meine einzige Qualifikation bestand darin, dass ich mir gern Gemälde ansah und häufig in Kunstbildbänden blätterte“, schreibt der 1968 in Oslo geborene Autor in seinem Munch-Buch „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche“ (Luchterhand, 288 Seiten, 24 Euro). „Die Hybris hing natürlich mit meinem fehlenden Wissen zusammen, es ist immer leicht, etwas zuzusagen, dessen Ausmaß man nicht begreift.“

Nach zwei Jahren Recherche war die Schau 2017 im Munch-Museum in Oslo zu sehen. Jetzt zeigt das K20 in Düsseldorf sie in leicht überarbeiteter Form. Ein Traum, vielleicht die Ausstellung des Jahres. 140 Werke sind zu sehen, fast nur Gemälde, die meisten selten oder noch nie ausgestellt. Ein Rausch der Formen und der Farbe.

Eine Frau geht an den Bildern „Pferdegespann beim Pflügen“ (1919/20, links) und „Der Heuer“ (1920) von Edvard Munch vorbei.
Eine Frau geht an den Bildern „Pferdegespann beim Pflügen“ (1919/20, links) und „Der Heuer“ (1920) von Edvard Munch vorbei. | Bild: Federico Gambarini / dpa

So viele Arbeiten zusammenzukriegen, war nur möglich, weil Knausgård sich im Depot des Munch-Museums umgeschaut hat, in dem der Nachlass lagert. Wie ein Besessener malte Munch in seinen späten Jahren. Es ging ihm nicht darum, Kunstwerke zu schaffen, sondern um das Suchen. Die bemalten Leinwände interessierten ihn nicht mehr, er lagerte sie achtlos in seinem Freiluftatelier.

Nachdem Munch (1863-1944) seinen Stil gefunden und Ikonen wie „Der Schrei“ gemalt hatte, verweigerte er sich diesem Manierismus, obwohl er erfolgreich damit war. In den letzten 40 Jahren seines Lebens brach er noch einmal ins Offene auf, wollte den Abstand zwischen Gefühl und Gemälde verringern. Das interessierte Knausgård, der in Büchern dem Unvorhersehbaren und Zufälligen nachspürt. „Nur dann kann es lebendig werden“, sagt der 50-Jährige.

In jedem Raum eine andere Stimmung

Deswegen zeigt der Schriftsteller, der Kunstgeschichte studiert hat, keine bekannten Gemälde. Er will, dass der Besucher nicht Munch sieht, sondern die Bilder. Ohne Titel und Daten hat er die Werke in vier Räumen geordnet, von Raum zu Raum ändert sich die Stimmung. Diese Gemälde zeigen einen anderen Munch. Aber in ihnen steckt genug von dem, was den Maler ausmacht, der wie kein anderer eine Brücke vom Jugendstil zum Expressionismus bildet.

Mit einer Vielzahl der typischen Ganzkörperporträts sowie einem frühen und einem späten Selbstporträt entlässt Knausgård die Besucher wieder in die reale Welt. Die ist lange nicht so farbenfroh. Am besten man beginnt den Rundgang noch mal von vorn.