Die derzeitige Sorge um das Wohlergehen der Frauen ist ja schon rührend. Überall werden Zeichen gegen Sexismus gesetzt. Schwarze Kleider und pinkfarbene Banner, Hashtags und Kampagnen. So viel Solidarität! Schön, wer sich Frau nennen darf. Es geht voran. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern, bis die Gleichstellung Realität geworden ist und die Männer die Frauen so in Ruhe lassen wie die Frauen die Männer. Jetzt hat die neue Freude am Zeichensetzen auch die Oper erreicht, und zwar die Oper in Florenz. Dort hatte Georges Bizets „Carmen“ Premiere. In der Regie-Deutung von Leo Muscato (vermutlich ein Mann der Solidarität) wird Carmen nicht von ihrem eifersüchtigen Liebhaber Don José umgebracht, sondern Carmen erschießt umgekehrt Don José. Aha! Auch Frauen können schießen. Und dabei sogar ihr Ziel treffen. Warum auch sollten Gewalt und Knarren immer nur den Männern vorbehalten sein?

Doch so war es offenbar nicht gemeint. Intendant Cristiano Chiarot (ebenfalls ein Mann der Solidarität), der die Idee an den Regisseur herangetragen hatte, wollte keine Lara Croft der Oper, sondern einfach nur ein Zeichen gegen die Gewalt gegen Frauen setzen: „Warum sollen wir applaudieren, wenn eine Frau stirbt?“, fragte er rhetorischerweise. Hm, das stimmt natürlich. Bloß warum sollten wir applaudieren, wenn ein Mann stirbt? Eigentlich wäre es doch viel besser gewesen, beide wären am Leben geblieben. Don José hätte seine Eifersucht und Carmen ihren Escamillo aufgegeben – und beide hätten anschließend eine glückliche Ehe bis ans Ende ihrer Tage geführt. Langweilig? Vielleicht, dafür aber würden sich beide in Ruhe lassen.

Ohnehin ist „Carmen“ eine seltsame Wahl, wenn es darum geht, Geschlechter-Ungleichheit in der Oper zu korrigieren. Wir erinnern uns: Carmen gilt in der Opern-Literatur als eine starke, jedenfalls freiheitsliebende Frau. Die Männer liegen ihr zu Füßen, und ihr Verschleiß an Liebhabern ist dementsprechend hoch. Eigentlich verhält sie sich so, wie sich nur jene Männer verhalten, gegen die die Me-Too-Debatte jetzt ein Zeichen setzt. Wer attraktiv ist, wird von Carmen ins Bett geschleppt. Bei der Uraufführung 1875 in der Opéra-comique in Paris war das ein Skandal. Und vermutlich ging die Story nur deswegen durch, weil Carmen darin eine Zigeunerin ist, die sich nach damaligem Verständnis sowieso außerhalb der geltenden Moral bewegt.

Sicherlich mag Carmens Tod damals auch als gerechte Fügung des Himmels verstanden worden sein, weil sich eine Frau nicht so zu verhalten hat, wie Carmen es tut. Aber auf der Ebene des Plots ist es einfach nur so, dass sich die Situation zwischen den beiden Hauptfiguren derart hochschaukelt, dass Don José irgendwann den Kopf verliert und Carmen umbringt. Das ist schrecklich, und wohl kaum jemand wird das als Heldentat gutheißen. Und gerade deswegen kann man das auch so stehen lassen – was im Übrigen auch für viele andere Opern gilt, in denen Frauen die Opfer patriarchaler gesellschaftlicher Strukturen werden. In der Regel sind sie es, die sterben müssen.

Doch der Gedanke, die Gewalt an Frauen aus der Welt zu schaffen, indem man sie einfach ausblendet, kann kaum die Lösung sein. Es wäre kein Zeichen gegen Gewalt, sondern einfach nur eines für deren Verdrängung.