Bei den zahllosen Erklärungsversuchen für den Erfolg des Phänomens Pegida ist der schlüssigste Deutungsansatz bislang unbeachtet geblieben. Hatten uns doch schon die Frauenrechtlerinnen der frühen 70er-Jahre eingetrichtert, das Private sei immer auch politisch: Was läge da näher, als die Wurzeln aller kruden Verschwörungstheorien in familiären Missständen zu vermuten?

Am Theater Konstanz legt Regisseur Dietrich Hilsdorf diese Wurzeln mit Hilfe von Henrik Ibsen frei. Der hatte 1882 mit seinem Stück „Ein Volksfeind“ der demokratisch aufgeklärten Zivilgesellschaft ein schönes Ei ins Nest gelegt. Denn wo andere Klassiker politisch korrekt Despoten stürzen und das Volk zur Revolution ermutigen, erlebt Ibsens Dramenheld Dr. Thomas Stockmann die schöne neue Welt der Demokratie als Alptraum der Verlogenheit. Der Badearzt eines Kurortes entdeckt, dass das Wasser mit Schadstoffen belastet ist. Doch statt des fälligen Dankes weht ihm schon bald der scharfe Wind der bürgerlichen Mehrheit ins Gesicht. Ist ja alles schön und gut mit der Sorge um die Gesundheit. Aber erst die Touristen vergraulen und dann auch noch für die Sanierung der Badeanlage die Steuern erhöhen – so viel der bitteren Wahrheiten wäre dann doch nicht nötig gewesen. Die gesellschaftliche Mehrheit als tumbe Masse, deren Dekadenz und Geiz jede Moral zugrunde richtet: Das passt schlecht zu den Idealen von Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung.

In Konstanz schraubt Hilsdorf die große Politik auf Wohnzimmergröße herunter. Am Esstisch unter dem Kronleuchter (Bühne: Dieter Richter) wartet Familie Stockmann aufs Geburtstagskind, den Herrn des Hauses Dr. Thomas Stockmann (Axel Julius Fündeling). Ehefrau Katrin (Jana Alexia Rödiger) hat einen Braten vorbereitet, Schwägerin Petra Kyll (Silvana Schneider) hat sich in Schale geworfen, und sogar der große Bruder, Bürgermeister Peter Stockmann (Georg Melich), hat sich zur Feier des Tages eingefunden. Alles passt zusammen in dieser Familienidylle. Nur stimmen will hier rein gar nichts.

Peter ist von Anfang an auf Krawall gebürstet, Katrin rennt alle fünf Minuten hysterisch heulend aus dem Zimmer, und statt mit ihr knutscht Thomas Stockmann bevorzugt mit Schwägerin Petra. Als er mit großer Geste sein Geheimnis lüftet und der staunenden Runde die Laborergebnisse präsentiert, zeigt sich bald: Seine Entdeckung des Gifts im Wasser ist weniger ein Dienst an der Allgemeinheit als ein Rachefeldzug gegen den Bürgermeisterbruder. Triumphierend wedelt er vor dem Besserwisser mit den Laborergebnissen herum. Dass der Tourismus bald darniederliegt, die Hoteliers und Gastronomen Probleme bekommen und den Bürgern eine Steuererhöhung droht: Alles egal, Hauptsache der kleine Stockmann kommt endlich ganz groß raus.

Nun lassen sich Schadstoffe, wenn man sie denn unbedingt finden will, in jeder Ecke dieser Welt nachweisen. Und selbst eine tatsächlich bedenkliche Belastung muss nicht zwingend zu Bäderschließungen, Kommunenpleiten und Bürgermeister-Rücktritten führen. Als erfahrener Politiker zeigt Peter Stockmann einen vernünftigen Weg auf: Sanierungsbedarf sorgfältig prüfen, provisorische Zwischenlösungen finden, Touristen behutsam auf Risiken hinweisen. Besonnenheit statt Panik.

Doch wo bleibt bei so viel Pragmatismus der kleine Bruder mit seinem Minderwertigkeitskomplex? Wieder einmal vorgeführt vom alten Rivalen mit seiner zum Kotzen souveränen Art? Nein, wer vom süßen Nektar des Triumphs gekostet hat, lässt sich nicht so leicht abspeisen mit neuen Richtlinien hier und Warnhinweisen dort. Will die Mehrheit ihm nicht folgen, lässt sie sich eben für dumm verkaufen, vor allem von der Lügenpresse, die lieber des Bürgermeisters weichgespülte Verlautbarung abdrucken will als die skandalösen Enthüllungen des Badearztes. Und so geht es schon bald nicht mehr um ein Bad, sondern um das ganze Dorf, die Welt, den Menschen an sich. „Unser ganzes Leben ist vergiftet“, ruft Stockmann: „Unsere bürgerliche Gesellschaft ist auf verseuchtem Grund gebaut!“

Axel Julius Fündeling bringt die Radikalisierung in seiner Figur eindrucksvoll zur Geltung, überzeugend auch Georg Melich als um Fassung bemühter Gegenspieler Peter. Sebastian Haase und Ralf Beckord gefallen in den Nebenrollen des Chefredakteurs Hovstad und Druckereibesitzers Aslaksen. Herausragend ist Jana Alexia Rödigers Interpretation einer verbitterten Ehefrau, die keinen Ausweg findet aus ihren Loyalitätskonflikten zwischen Klein- und Großfamilie, Ehemann und Gesellschaft, Privatheit und Politik.

Wenn Hilsdorf auch im Unklaren lässt, inwieweit sich am Beispiel der Familie Stockmann ein großflächiges Phänomen grassierender Radikalisierungen beschreiben lässt, so gelingt ihm in jedem Fall eine schlüssige Neubetrachtung der Textvorlage. Im Biotop des bürgerlichen Wohnzimmers bezieht diese ihren Reiz nicht zuletzt aus der sich verfestigenden Ahnung, dass das allseits vermutete Gift zwar tatsächlich existiert – nicht aber im Wasser. In Wahrheit liegt es hoch dosiert in einer ganz anderen Substanz des täglichen Lebens verborgen: der Familie.

Weitere Vorstellungen am 3., 7., 11., 12., 14. und 25. Mai um 20 Uhr, am 4. Mai um 15 Uhr, am 6., 10., und 13. Mai um 19.30 Uhr sowie am 8. Mai um 18 Uhr. Infos und Karten: www.theaterkonstanz.de