Freunde der Literatur haben in Freiburg bisweilen die Qual der Wahl. Erst recht jetzt, da nach sieben Jahren Hin und Her ein veritables Literaturhaus eröffnet – und dann auch noch im Stadttheater der neue Intendant Peter Carp in seine erste Spielzeit mit Betonung auf Literatur startet. Die Oper bietet „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach, wobei das für die Inszenierung zuständige Kollektiv „Le Lab“ das Dichter-Drama herausarbeiten will. Aber: Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? Immerhin ist mit E. T. A. Hoffmann ein Dichter die Titelfigur. Mit dem Gegensatz von Leben und Literatur, Schein und Sein hat sich bislang jeder Regisseur dieser „fantastischen Oper“ beschäftigt. Wie originär und plausibel erzählt eine Neu-Inszenierung?

Schon beim Betreten des Theaters macht sich eine gewisse Ratlosigkeit breit. Der Besucher erhält Handzettel mit Zitaten von Novalis und Rilke. Plakat-Träger in weißen Overalls und Schutzhelmen fragen mit Hölderlin: „Und wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ Sollen wir im Foyer tatsächlich darüber nachdenken, wozu es Dichter braucht? Oder ist das nur arrangiertes Intellektuellen-Getue? Hölderlin-Deko? Die Inszenierung wird’s erweisen.

Die Bühne ist weiß gekachelt wie ein Schlachthof oder kariert wie ein Stück Papier, so genau weiß man das nicht. Es nahen erneut die Schutzhelm-Träger, sie personifizieren wohl die sterile Gegenwelt zum bunten Reich literarischer Fantasie. Einerseits. Andererseits nehmen sie herzhafte Schlucke aus der Bierflasche. Bauarbeiter? Auf acht Monitoren wird verkündet: Der Literaturpreis geht an Hoffmann. Und dann? Wird der Dichter erschossen.

Wer jetzt eine pfiffige Farce auf den Literaturbetrieb unserer Tage erwartet, wird enttäuscht. Es geht zwar um Literatur, aber nur irgendwie. Zu hören sind Dichter-Zitate, beliebig eingestreut, mal von Hoffmann, mal aus Bob Dylans Nobelpreisrede, mal von Federico García Lorca oder Pier Paolo Pasolini, trocken wie Papier. Wir erleben, wie das Dichter-Wort, zumal nachlässig artikuliert, in der Oper untergeht. Wollte die Inszenierung nicht das Gegenteil beweisen, die Kraft des Wortes? Zurück bleibt Verwirrung – und die Bestätigung, dass Musik die stärkste aller Künste ist.

Mit dem Philharmonischen Orchester (Leitung: Fabrice Bollon) hat das Freiburger Theater ein Kraftwerk der Gefühle. Es ist Offenbachs dramatischer Wucht ebenso gewachsen wie den dämonischen Abgründigkeiten und der Operetten-Seligkeit, verstärkt durch den stimmgewaltigen Chor des Theaters. Wie sich Musik und Sänger in der Barcarole, dem venezianischen Gondel- oder Schifferlied, emporräkeln: Das ist nicht Opern-Hitparade – das hat eine gefährlich laszive Farbe.

Überhaupt die Musik: Hier kann die neue Theaterdirektion punkten. Für das hauseigene Opern-Ensemble, zuletzt stark ausgedünnt, hat Intendant Peter Carp sieben neue Sängerinnen und Sänger verpflichtet; vier davon waren in „Hoffmanns Erzählungen“ zu hören. Dabei musste die Hauptpartie kurzfristig umbesetzt werden. Eingesprungen für den erkrankten Rolf Romei war der französische Tenor Sébastien Guèze viel mehr als nur ein stimmlich starker Ersatzmann – er fand auch traumsicher zum Zusammenspiel mit den drei Frauen, von Hoffmann tragisch geliebt.

Lässt man die Rahmenhandlung beiseite, erzählt der Dichter Hoffmann im Kern von drei Liebeserlebnissen. Da ist erstens das künstliche Püppchen Olympia: Sie wird von Samantha Gaul mit Bravour gesungen – ein zierliches Vögelchen mit astreinen Koloraturen, nadelspitz und stark in ihrer Hochrisiko-Arie. Da ist zweitens die schwindsüchtige Sängerin Antonia: Der weich und breit schwingende Sopran von Solen Mainguené, verlockt von der warmen Stimme der toten Mutter (Anja Jung), fiebert sich dem Tod entgegen. Als Letzter begegnet der Dichter der Kurtisane Giulietta, Juanita Lascarro mit geschmeidigem Sopran und schmeichlerischem Habitus.

Hinter der nüchternen Kachelwand öffnet sich nach der Pause das Rotlicht-Quartier mit Glitzer, nackten Hintern, Masken und Diskokugel-Effekt: Willkommen im Reich der Sündenpfuhl-Klischees. Allseitige Umarmungen am Schluss. Wo bleibt der Dichter? Apotheose, die Vergöttlichung. Noch mal gut gegangen. Ein Anfang, wenngleich kein sichtbarer Neuanfang, ist gemacht.

 

Weitere Aufführungen am 2., 5. 16. und 24. November 2017 sowie am 1., 8., 13., 22. und 25. Dezember. Informationen auf www.theater.freiburg.de