Um es gleich vorwegzunehmen: Es funktioniert nicht immer. Wenn im Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses über 40 Grad Celsius herrschen, dann kann es auf der Bühne noch so heftig gewittern, stürmen, regnen oder hageln, der Hitze kann das kaum etwas anhaben.

Bitterkalte Musik

Dabei hat Richard Wagner zu Beginn der „Walküre“ bitterkalte Musik geschrieben – bevor sich der Held Siegmund aus Sturm und Kampf in eine Hütte rettet, peitschen die eisigen Schauer nur so aus dem Graben hoch. Und wenn dann der böse Hunding auftritt, sinkt die Temperatur gleich um weitere Grade. Aber die dann vielleicht gefühlten 34 statt der realen 40 Grad sind eben immer noch ziemlich warm.

Klassische Musik zur Abkühlung während der Hundstage? Könnte dennoch funktionieren. Immer wieder haben Komponisten Kühle oder gar Kälte komponiert. Bis heute bedienen sich Film- und Werbemusiker aus diesem Fundus.

Berühmtestes Beispiel in der Kunstmusik sind Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – vier Violinkonzerte, jedes stellt eine Jahreszeit dar.

Vom „Sommer“ ist dieser Tage dringend abzuraten, die bleierne Lethargie, die hier vertont ist, würde dem hitzegeplagten Hörer auch noch den letzten Antrieb rauben.

Ein klirrend kalter "Winter"

Aber der „Winter“ ist wunderbar klirrend kalt. „Es ist kein Zufall, dass wir das Wort klirrend in Verbindung mit Kälte bringen“, sagt Andreas Lehmann, Professor für systematische Musikwissenschaft, für Musikpsychologie und Vizepräsident der Würzburger Hochschule für Musik.

Wir beschreiben mit dem Begriff für ein Geräusch einen Temperaturzustand. Und umgekehrt: Wenn man es auf der Bühne klirren lässt – eine von vielen kompositorischen Möglichkeiten –, empfindet der Zuhörer Kälte. Man kann es auch flirren lassen, wie das die Filmmusik gerne im Western tut, wenn zwei Kontrahenten im harten Mittagslicht mit zusammengekniffenen Augen zum Duell antreten. Auch dies ist allerdings Musik, die dieser Tage eher kontraproduktiv wäre.

Man hört den Schnee knirschen

Wenn hingegen Vivaldi zu Beginn des „Winter“ die Geigen kleine, schrille Triller aneinanderreihen lässt, die Musiker dabei ganz nah am Steg streichen und das Cembalo silbrige Arpeggien (gebrochene Akkorde) beisteuert, fühlt man förmlich den Schnee unter den Stiefeln knirschen. Und während der Schlittenfahrt (die Geigen zupfen das gedämpfte Trappeln der Pferdehufe) möchte man, eingepackt in dicke Decken, am liebsten nach den von weichem Schnee bedeckten Tannenzweigen greifen, an denen man gerade vorbeigleitet.

Es gibt so viele Darstellungen von Kühle, Kälte, Schnee, Eis oder Wasser, wie es Komponisten gibt. „Das wird jeder anders machen“, sagt Klaus Hinrich Stahmer, selbst Komponist und emeritierter Professor für Musikwissenschaft der Musikhochschule.

Er hat ein Stück mit dem Titel „Ning Shi“ (Gefrorene Zeit) geschrieben. Meist sei eine gewisse Langsamkeit im Spiel, und die Abwesenheit persönlicher Gefühle. Heiße Rhythmen schlössen sich auf jeden Fall aus, sagt Stahmer. „Ich zum Beispiel verbinde mit Kälte eine kristalline Härte. Ein hellblaues Licht ohne Schatten. Kälte kann aber durchaus auch etwas Wohliges haben, das müssen nicht immer nur harte, neutrale Klänge sein.“

Sinneseindrücke werden übertragen

Das alles funktioniert dank eines Phänomens, das der Psychologe intermodale Analogie nennt. Es bedeutet, dass Menschen Erfahrungen und Eindrücke von einem Sinneskanal auf einen anderen übertragen können, also etwa aus dem visuellen Bereich in den akustischen. „Ein Klang kann – physikalisch gesehen – nicht rau oder hell sein. Aber wir empfinden es so“, sagt Andreas Lehmann, „interessanterweise ist das bei fast allen Menschen gleich.“

In seinen Vorlesungen macht er gern folgenden Test: Er schlägt am Klavier einen Abfolge von Tönen im oberen Bereich an – „das wird immer als gelb oder orange empfunden, niemals als blau“. Die Farbe Blau hingegen bewegt sich weiter unten auf der Klaviatur.

Manchmal können ganze Opern eine durchgehende Farbe haben. Friedrich Nietzsche etwa schrieb über Wagners „Lohengrin“, diese Musik sei „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“.

Wagner wiederum fand, sein „Parsifal“ habe eine ganz eigentümliche Farbe, es sei darin alles wie violett, wie ein tiefes Lila, soll er 1878 gesagt haben. Kein Zufall also, dass er die ganze Partitur mit violetter Tinte niedergeschrieben hat.

Farbe und Temperatur sind verknüpft

Die Verknüpfung zwischen Farbe und Temperatur funktioniert auch in der Musik. Grundsätzlich gilt: Tiefe, ruhige, also blaue Töne werden eher als kühl empfunden. Und die Abwesenheit von großen Terzen, die das warme Dur herstellen – es sei denn, der Komponist will die Wohligkeit eines Winterwunderlands heraufbeschwören.

Beim Bass-Rezitativ „Am Abend, da es kühle war“ in Bachs „Matthäuspassion“ etwa wird es spürbar dunkler und kälter. Leider wird das große Oratorium kaum je im Hochsommer aufgeführt, sondern in den ohnehin noch winterkalten Kirchen der Zeit vor Ostern. Auch hier: ruhiger, tiefer Gesang und dazu dunkle, sich wiederholende Töne der Streicher. Der Hörer kann gar nicht anders, als sich die Stimmung bei Einbruch der Dunkelheit vorzustellen.

Auch musikalischer Regen kühlt

Das Gegenteil dazu wäre der Abschnitt „Auf dem Gletscher“ aus der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss. Jähe Spalten und gleißendes Eis suggerieren eine lebensfeindliche, unzugängliche Umgebung.

Besinnlicher dagegen geht es in Frédéric Chopins „Regentropfen-Prélude“ mit seinen langsam tropfenden Tönen unterhalb der Melodie zu.

Wem das nicht nass genug ist, der hört sich Claude Debussys „Jardins sous la pluie“ (Gärten im Regen) an. Da prasselt es richtig runter. Die Assoziation mit Wasser eignet sich ausgezeichnet für akustische Kühlungsabsichten, sagt Musikpsychologe Andreas Lehmann.

Die direkte Übertragung von Geräuschen oder Phänomenen aus Natur und Physik in die Musik nennt der Wissenschaftler Mimese. Oft bildet dabei der Text die Brücke zur Musik.

Paradebeispiel: Wenn in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ der beinahe ertappte Cherubino aus dem Fenster springt, macht die Musik einen großen Plumps. Und wenn in der Giacomo-Puccini-Oper „La Bohème“ der frierende Dichter Rodolfo „Che gelida manina“ (Wie eiskalt ist dies Händchen) singt, hört man via Harfe und Geigen die Eisblumen unerbittlich das Fenster entlang kriechen.

Und Schroeder erkältet sich sogar

Übrigens: Man kann sich mit Musik sogar erkälten. Der kleine Musiker Schroeder bei den „Peanuts“ jedenfalls kann das – in Beethovens dritter Sinfonie gibt es eine Passage, die ist so schön, dass Schroeder immer eine Gänsehaut bekommt. Und einmal hat er sich dabei tatsächlich einen Schnupfen geholt.