Schon in der Antike war Regieren kein Spaß. So ein Königsthron war nämlich meist eine steinharte Angelegenheit. Oft zwang die Rückenlehne den sitzenden Herrscher auch noch zu aufrecht starrer Haltung. Genau darum sollte es: Zeigen, dass man zu jeder Zeit der Größte ist – selbst noch in sitzender Position. Bis heute gehört der Stuhl zum Inszenierungsprogramm unseres alltäglichen Theaters der Macht.

Ob Präsidenten, Kanzler oder Fußballfunktionäre: An ihren Arm- und Rückenlehnen, an den Sitzpolstern und Stuhlbeinen sollt ihr sie erkennen. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt in einer neuen Ausstellung „Stühle der Macht“. Wir stellen die wesentlichsten Merkmale vor.

Bild: CHARLES PLATIAU

Der Klassiker: Alles andere als bequem ist dieser Thron aus Gold und purpurrotem Sitzbezug. Die Rückenlehne ragt weit hinten steil auf und gibt so dem Rücken keinen Halt im Kampf gegen die Schwerkraft. Man könnte ja ein wenig nach vorne rutschen, um sich dann in Höhe der Schulterblätter anzulehnen. Doch das verhindern die auf Armlänge abgemessenen Lehnen links und rechts. Die Löwenköpfe sind unverkennbar dazu da, von Händen ergriffen zu werden: Wer nach vorne rutscht, greift ins Leere. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron wirkt jedenfalls alles andere als entspannt auf diesem Folterinstrument.

Bild: Vitra Design Museum, Jürgen Hans

Der Irritierende: Was ist hier Ausdruck von Macht? Man muss schon den historischen Hintergrund kennen, um diesen verstellbaren Liegestuhl in eine Reihe mit Macrons Thron zu stellen. Im 19. Jahrhundert nämlich verschob sich die Zuordnung von Macht: Statt sie von Geburt an übertragen zu bekommen, konnte man sie sich nun erarbeiten. Wer auf der Karriereleiter oben angekommen war, hatte Zeit und Geld zur Verfügung. Das Zurschaustellen moderner Freizeitgeräte wie diesem von George Wilson war gleichbedeutend mit einer Machtdemonstration. Und genau genommen ist sie das ja heute noch. Oder sind Sie etwa nicht ein bisschen neidisch auf die teure Luxus-Wohnlandschaft Ihres Nachbarn?

Bild: Luca Zanier

Die Unbelehrbaren: Ja, was ist denn hier los? Hohe Rückenlehnen aus feinstem Leder, als gäbe es gleich einen Kongress von Königen und Kaisern? Und dann der Raum: Im Dunkel von einer kreisrunden Lampe erhellt wie in übelsten Verschwörungsthrillern. Wer hier sitzt, fühlt sich mächtig und scheint sich darüber offenbar nicht mal mehr zu genieren. Das Exekutivkomitee der Fifa: Ein Hort der Machtsymbolik, wie sie ihn sich sonst keine Institution mehr leisten könnte.

Bild: Vitra Design Museum, Foto: Jürgen Hans

Der Dynamische: In der Nachkriegszeit war endgültig Schluss mit Thron. Die Industrialisierung und Demokratisierung hat eine neue Definition des Machtmenschen hervorgebracht: Er war veränderungsbereit, strebsam, dynamisch. Designer Ray Eames entwickelte dafür den perfekten Bürostuhl. Statt starr wie ein Pharao konnte sich der Chef auf dem rollenden Untersatz nun flexibel bewegen und damit seine geistige Mobilität sinnhaft werden lassen. Die niedrige Rückenlehne stand für demokratische Gesinnung, die Polsterung unterstrich den Erholungsbedarf der hart arbeitenden Führungskraft. Und das teure Leder zeigte einen Restbestand an Standesdenken an.

Bild: Vitra Design Museum, Jürgen Hans

Der Intime: Auch wenn er auf den ersten Blick an einen Thron erinnert: Man kann auf diesem Stuhl von Frank Lloyd Wright bequem sitzen, weil die Sitzfläche kürzer ist und die Armlehnen zu ungezwungener Haltung einladen. Machtvoll wirkt er aber erst, wenn mehrere Exemplare um einen Tisch gruppiert werden. Dann können Außenstehende nämlich wegen der hohen Rückenlehne nicht mehr erkennen, wer da so alles sitzt und miteinander spricht. Aus der harmlosen Plauderrunde wird ein geschlossener Zirkel, ja eine Verschwörung. Als Angehöriger eines solchen Zirkels fühlt man sich ungemein mächtig!

Bild: Luca Zanier

Der Demokratische: Niedrige Lehnen, neutrales Blau, und eine Sitzordnung, die niemanden benachteiligt: Im UN-Sicherheitsrat herrscht absolute Gleichberechtigung. Absolut? Nicht ganz! Wer in der zweiten Reihe sitzt, muss ohne Armlehne auskommen. Auch sorgen die festen Verankerungen dafür, dass niemand aus der Reihe tanzt: Sich mit seinem Untersatz mal eben ein Stückchen weiter nach vorne zu rücken, ist hier von vornherein ausgeschlossen.

Bild: Hannibal Hanschke

Die weibliche Form der Macht: Drei Frauen, ein Stuhlmodell: US-First-Lady Ivanka Trump, IWF-Chefin Christine Lagarde, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (von links nach rechts) bei einer Diskussion in Berlin 2017. Der niedrige "East River Chair" von Hella Jongerius unterstützt die Wirkung von Kommunikationsbereitschaft, Flexibilität und Offenheit. So wollen alle drei auch wahrgenommen werden.

„Stühle der Macht“: bis 17. Februar im Vitra Schaudepot, Weil am Rhein. Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr. Weitere Informationen unter: www.design-museum.de