Sehr geehrter Herr Grönemeyer, ich nehme Ihnen ab, dass Sie sich um unsere Zukunft sorgen – und nicht um Ihr eigenes Ego. In Wien, wo Sie dieser Tage auf einer Konzertbühne mit einem Appell gegen rechts für Aufsehen sorgten, stehen Nationalratswahlen an. Es könnte sein, dass die rechtspopulistische FPÖ wieder Regierungsverantwortung erlangt. Jene Partei, deren früherer Chef bereit war, das halbe Land an eine Oligarchentochter zu verscherbeln. Sie wollten den Menschen Mut zusprechen, das ist eine gute Idee.

Sie haben gebrüllt

Sie sind dabei sehr laut geworden, haben am Ende sogar gebrüllt. Das hat Ihnen den Vorwurf der Demagogie eingebracht. Ein renommierter Theaterdramaturg schrieb auf Twitter: „Ich sag‘s ungern, aber er klingt wie ein Redner vor 1945.“ Auf so einen absurden Vergleich kann nur ein Theaterdramaturg kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mag sein, dass die aktuelle Politikergeneration mit ihrer Schlafwagenrhetorik uns schon ganz eingelullt hat: Früher gehörten gebrüllte Appelle zu jedem besseren Bundestagswahlkampf. Ginge es danach, hörten sich auch Leute wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer wie „Redner vor 1945“ an.

Soweit, so gut. Jetzt zu den Kritikpunkten.

Gefährliche Wortwahl

Sie riefen: „Wenn Politiker schwächeln, dann liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat.“ Ich finde diese Wortwahl gefährlich. Demokratie ist nämlich das genaue Gegenteil von Diktieren. Es ist ein mühsames Ringen um Kompromisse.

Das könnte Sie auch interessieren

Gerade darin unterscheiden sich ja Demokraten von Populisten: in der Überzeugung, dass es ein homogenes Volk mit einheitlicher Meinung gar nicht gibt. Oder wie der Philosoph Jürgen Habermas sagt: „Das Volk tritt nur im Plural auf.“

Lupenreiner Populismus

Populisten dagegen glauben, dass der Pluralismus eine Fiktion ist. Ihnen zufolge vereint die Deutschen (oder Österreicher) ein gemeinsames, fest umrissenes Weltbild. Wer das anders sieht, gehört nicht zum wahren Volk, sondern ist Teil jener Clique, die uns alle unterdrückt. Ein „Wir“, das Politikern diktiert, wie „unsere“ Gesellschaft auszusehen hat: Das ist lupenreiner Populismus.

Das könnte Sie auch interessieren

„Kein Millimeter nach rechts!“, das war auch so ein seltsamer Satz. An wen richtet er sich? Und was soll derjenige tun? Den Nachbarn verhaften, sobald der nach rechts rückt?

Gesinnungsbefehle helfen nicht weiter

Ich glaube, dass solche Gesinnungsbefehle mehr schaden als nutzen. Wer bereits links steht, klopft sich auf die eigenen Schultern. Und wer rechts steht, zuckt bloß mit denselben. Am Wahlergebnis ändert es nicht das Geringste.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Politologe und Populismusforscher Jan-Werner Müller sagt, Pluralismus schließe seine Gegner mit ein. Wer die Nerven verliert und versucht, die Demokratie durch diktieren, befehlen und ausgrenzen zu verteidigen, ist deshalb schon in die Falle getappt. Müller empfiehlt uns deshalb, mit Populisten zu reden, ohne aber dabei wie Populisten zu reden. Auch wenn es keine Absicht war: Sie haben genau das Gegenteil getan.

„Mischt euch ein!“

Rufen Sie doch nächstes Mal Folgendes: „Sprecht mit euren Nachbarn! Mischt euch ein, stellt euch der Diskussion und füllt unsere Demokratie mit Leben, statt nur ängstlich zuzuschauen!“ Jede Wette, Sie werden mehr erreichen.

Mit freundlichen Grüßen aus Südbaden,

Johannes Bruggaier
Kulturredakteur