Das Elsass kann auch anders. Das Elsass kennt nicht nur Winstub, L’Ami Fritz und Tomi Ungerer, sondern auch Frauen-Emanzipation, Hélène de Beau-voir und Spitzenküche. Alles zusammen ist völlig entspannt zu genießen in der 10.000-Seelen-Gemeinde Erstein und dort im Musée Würth.

Hélène de Beauvoir? Ja, die große Simone hatte eine kleine Schwester. Einerseits Simone de Beauvoir, die Philosophin, die Sartre-Genossin und Pariser Vorzeige-Intellektuelle der Frauenbewegung. Andererseits Hélène de Beauvoir, die unbekannte Malerin, verheiratet mit dem Diplomaten Lionel de Roulet, Schüler von Sartre.

Beide aus gutbürgerlichem Elternhaus, beide links, beide emanzipiert, jede auf ihre Weise. Während Simone berühmt wurde, stand Hélène in ihrem Schatten. Dafür leuchten ihre Bilder. Jetzt zeigt das Musée Würth die Retrospektive „Hélène de Beauvoir. Künstlerin und engagierte Zeitgenossin“.

Hélène de Beauvoir wurde 1910 in Paris geboren, sie starb 2001 in Goxwiller. Ein beachtlicher Teil ihres Werks befindet sich in Regensburg.
Hélène de Beauvoir wurde 1910 in Paris geboren, sie starb 2001 in Goxwiller. Ein beachtlicher Teil ihres Werks befindet sich in Regensburg. | Bild: Christian Kempf / Musée Würth

Trotz vieler Ausstellungen blieb Hélène im Abseits. Nachdem Lionel de Roulet 1960 in den Europarat nach Straßburg berufen worden war, wohnten die Eheleute im Elsass. 40 Jahre lebten sie zurückgezogen bei Obernai in ihrem Fachwerkhäuschen in Goxwiller. Dort starb Hélène 2001, am Fuß des Mont St. Odile. Sie wurde 91 Jahre alt – und hinterließ fast 3000 Werke.

Die Ausstellung ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Erstein ist nur 20 Autominuten von Goxwiller entfernt. Die schöne Hélène, tief verwurzelt in der Region, war mit ihrer eigenwilligen Eleganz und unkonventionellen Existenz als Künstlerin ein Vorbild für viele Frauen auf dem Land. Mehr noch: Sie engagierte sich für soziale Projekte vor Ort – sie leitete etwa ein Atelier für Peugeot-Arbeiter und war Mitbegründerin des Straßburger Frauenhauses. „S.O.S. Femmes Alternative Alsace“, heißt einer ihrer Plakat-Entwürfe von 1979.

Mit dem Bereich „Die Sache der Frauen“ beginnt der Parcours durchs Erdgeschoss der lichten, schlichten Kunsthalle. Das großformatige Triptychon „Die Frauen leiden, die Männer urteilen“ wendet sich gegen Männerjustiz: oben die Richter in blutroten Roben, unter ihnen die nackte Frau, wie im Eisklotz gefroren. Dieses Werk von 1977 ist gut gemeint, aber letztlich ein Beispiel schlechter Bekenntnis-Malerei. Doch gerade deshalb ist seine exponierte Hängung richtig: Es fordert die Debatte über Polit-Kunst heraus.

„Die Frauen leiden, die Männer urteilen“ (1977) – das Öl-Gemälde fordert eine Debatte über Polit-Kunst heraus.
„Die Frauen leiden, die Männer urteilen“ (1977) – das Öl-Gemälde fordert eine Debatte über Polit-Kunst heraus. | Bild: Christian Kempf / Musée Würth

Es ist nicht Spitzenkunst, die bei dieser Künstlerin besticht, sondern ihre Vielfalt. Die Lust, verschiedene Techniken und Themen auszuprobieren. Gebrauchsgrafik, Gobelin-Entwürfe, Goachemalerei, Kupferstiche, Radierungen, Collagen, Gravuren auf Altglas, Acrylglas, Aquarelle. Von der Buch-
illustration (auch für Simone) bis hin zur Königsdisziplin Ölgemälde: Hélène de Beauvoir ließ nichts unversucht, mal mit weniger, dann wieder mit sehr beachtlichem Erfolg.

Dieses Selbstportät der französischen Malerin entstand im Jahr 1955.
Dieses Selbstportät der französischen Malerin entstand im Jahr 1955. | Bild: Christian Kempf / Musée Würth

Mithin ist diese Ausstellung mehr als nur eine Kunst-Schau. Sie spiegelt Kunstgeschichte und Lokalgeschichte – und politische Zeitgeschichte. Vergleichsweise umfangreich ist der Teilbereich „Mai 68“ im Erdgeschoss. Die Straßenkampf-Motive wiederholen sich. Kubistisch anmutende Steinbarrikaden. Schemen von Polizisten mit Gummiknüppeln, Blendlampe, Schutzmaske. Die Bildtitel greifen Parolen von 1968 auf. Zum Beispiel „Je t’aime. Ah dis-le avec des pavés“. Auf Deutsch: „Ich liebe dich. Ah, sag es mit Pflastersteinen.“

Das Obergeschoss führt in die höheren Regionen von Abstraktion und künstlerischem Können. Ah, das tut gut. Während der Auslandsaufenthalte mit ihrem Diplomaten-Gatten fand sie in Marokko das Licht, eine freiere Linienführung. In Italien entstanden ihre besten Arbeiten (beeinflusst vom orphischen Kubismus). Ein schwebeleichtes Aquarell von Venedig würde man am liebsten mitnehmen. Spitzenqualität haben die Skifahrer-Gemälde; stark schwingende Linien in kristallin aufgesplittertem Weiß (Leihgabe vom Centre Pompidou).

Faszinierende Linienführung: „Unter der Rialto-Brücke“ aus dem Jahr 1960.
Faszinierende Linienführung: „Unter der Rialto-Brücke“ aus dem Jahr 1960. | Bild: Christian Kempf / Musée Würth

Simone war die Frau des Wortes, Hélène war die Frau der Bilder. Beide begriffen Kunst als Zeitzeugenschaft. Während Simone in Paris die Revolte beförderte, trug ihre Schwester Hélène de Beauvoir den Geist des Widerstands in die ländliche Lebenswelt. Beides ist wichtig – kein neuer Geist ohne seine Verbreitung in die Provinz. Zu dieser Haltung passt das Konzept der Würth-Kunsthallen: heraus aus der Metropole und in die Randgebiete hinein. Reinhold Würth, 83, Kunstsammler und Schraubenhändler im großen Stil, hat es inzwischen auf 14 Museen und Kunsthallen gebracht, von Künzelsau und Schwäbisch Hall über Süd- und Nordeuropa bis in die Schweiz.

Die Erinnerungen von Hélène de Beauvoir sind nachzulesen im Buch "Souvenirs. Ich habe immer getan, was ich wollte" (Elisabeth-Sandmann-Verlag, München, 288 Seiten, 24,95 Euro).
Die Erinnerungen von Hélène de Beauvoir sind nachzulesen im Buch "Souvenirs. Ich habe immer getan, was ich wollte" (Elisabeth-Sandmann-Verlag, München, 288 Seiten, 24,95 Euro). | Bild: Elisabeth-Sandmann-Verlag

Das Musée Würth Erstein liegt im Osten der niedlichen Gemeinde, mitten in einem weitflächigen Industriegebiet (Z.I. Ouest). Trotz Landschaftspark um den Gebäudekomplex darf man keine Sensation à la Beyeler in Riehen erwarten. Immerhin: Seit Eröffnung vor zehn Jahren gab es 14 Ausstellungen, bestückt überwiegend aus der Privatsammlung Würth. Die Ausstellungsfläche ist mit 800 Quadratmetern vergleichsweise bescheiden, das Begleitprogramm mit Kunst-Kursen, Theater und Konzerten ambitioniert. Pro Jahr kommen 45.000 bis 50.000 Besucher. In diesem Jahr feiert das Musée Erstein seinen zehnten Geburtstag, Chapeau – alle Achtung.