Bei der SPD wissen sie jetzt, was in all den Jahren schief gelaufen ist. Lange hatten die Genossen ja das Parteiprogramm im Verdacht, wahlweise auch ihr Spitzenpersonal oder gar den Wähler. Nun aber die Erkenntnis: Es ist die Sprache.

"Mindest" wirkt mickrig

Einen Mindestlohn einzuführen hilft am Wählermarkt wenig, wenn schon das Wörtchen "Mindest" den Eindruck des Mickrigen vermittelt. Wie anders hören sich dagegen die neuen Errungenschaften der SPD an: Starke-Familien-Gesetz! Gute-Kita-Gesetz! Oder auch: Respekt-Rente! Da fühlen wir uns doch gleich stark, gut und ungemein respektiert!

Sprachniveau von Viertklässlern

Dass wir über Politik inzwischen auf dem Sprachniveau eines Viertklässlers diskutieren, verdankt sich einer deutschen Sprachwissenschaftlerin, die sich im Zuge des vergangenen US-Präsidentschaftswahlkampfs hierzulande einen Namen gemacht hat. Im Unterschied zu vielen anderen Experten sagte sie damals korrekt voraus, wer diesen Wahlkampf gewinnen würde: Donald Trump, der Kandidat mit dem Sprachniveau eines Viertklässlers.

Politisches Framing

Elisabeth Wehling, so heißt diese Forscherin, erklärte der verdutzten Öffentlichkeit, welch raffinierte Strategie sich hinter Donald Trumps vermeintlich dümmlich naiver Wortwahl verbarg: das sogenannte politische Framing.

Passender Rahmen

Wer die Mehrheit von seiner eigenen Interpretation der Wirklichkeit überzeugen will, sollte nicht allein auf die Kraft seiner Argumente setzen. Vielmehr geht es darum, ihnen einen passenden Rahmen ("Frame") zu verleihen. Was bedeutet: Schon bei der Beschreibung dieser Wirklichkeit möglichst einfache Begriffe mit ideologischer Zielrichtung verwenden.

"Wir bauen eine Mauer!"

Das Wort "Flüchtlingskarawane" etwa gibt dem Argument einen anderen Rahmen als "Migrationsbewegung". Und der Satz "Wir bauen eine Mauer!" unterscheidet sich erheblich von: "Wir novellieren unser Einwanderungsrecht."

Tolle-Stadtluft-Farverbot?

Nun hat die politische Klasse unseres Landes zuletzt ja tatsächlich nicht gerade mit sprachlicher Brillanz geglänzt. Auf Begriffe wie Ein-Euro-Job muss erst mal kommen, wer Menschen für diese Tätigkeit begeistern will. Ob aber ein Gute-Kita-Gesetz oder eine Respekt-Rente die Sache besser macht? Kommt als nächstes das Tolle-Stadtluft-Fahrverbot oder die Schöner-Wohnen-Grundsteuer?

"Aua im Hirn"

Trump hin oder her: Branchen wie die Pharma- und die Telekommunikationstechnologie beweisen, dass erfolgreiches Framing nicht zwangsläufig mit Grundschulgebrabbel einhergehen muss. Wer seine Kopfschmerzen seriös behandelt wissen will, greift lieber zu "Thomapyrin Tension Duo" oder "Ibu-Lysin Hexal" statt zu Tabletten der Marke "Gegen Aua im Hirn". Und muss ein neuer Router her, so darf es gerne ein "Netgear R8000-100R8000-PES" oder die "AVM Fritz!Box 7590" sein statt des Modells "Gutes Telefonieren".

Falsche Erwartung?

Grund dafür ist unsere Hoffnung, dass der Hersteller solcher Produkte mehr von den komplexen Wirkmechanismen eines menschlichen Gehirns versteht und tiefere Kenntnisse von den technischen Anforderungen eines WLAN-Netzwerks hat als wir selbst. Man könnte von einer Partei, die immerhin 16 der vergangenen 20 Jahre regiert hat, ähnliches für die Themenfelder Sozial- und Rentenpolitik erwarten. Vielleicht aber liegen wir genau damit ja falsch.