Dass sich der erste Film nicht unbedingt als Knüller erweist, hat auf der Berlinale schon eine gewisse Tradition, und auch in diesem Jahr wurde sie gepflegt. Nach einer wie immer von Anke Engelke moderierten Eröffnungsfeier, bei der Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die Verdienste des scheidenden Berlinale-Direktors Dieter Kosslick betonten und im Publikum von Iris Berben über Lars Eidinger bis Heike Makatsch die üblichen Verdächtigen saßen, hob sich der Vorhang für „The Kindness Of Strangers“ von Lone Scherfig. Und die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin konnten prompt die erste Enttäuschung verbuchen.

"The Kindness Of Strangers"

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig erzählt in ihrem englischsprachigen, selbst geschriebenen Film von einigen verlorenen Seelen, deren Wege sich in New York kreuzen. Da ist eine junge Mutter (Zoe Kazan), die mit ihren beiden Söhnen vor dem gewalttätigen Polizisten-Ehemann in die anonyme Metropole geflüchtet ist.

Ein Ex-Sträfling (Tahar Rahim), der unverhofft zum Manager eines nicht gerade guten russischen Restaurants wird. Eine überarbeitete Krankenschwester (Andrea Riseborough), die nebenbei auch noch eine Selbsthilfegruppe leitet und bei der Armenspeisung hilft. Ein sympathischer Versager (Caleb Landry Jones), der sehenden Auges in die Obdachlosigkeit abrutscht.

Regisseurin Lone Scherfig ist mit "The Kindness Of Strangers" im Wettbewerb vertreten.
Regisseurin Lone Scherfig ist mit "The Kindness Of Strangers" im Wettbewerb vertreten. | Bild: John MacDougall / AFP

Vermutlich hätte man mittels dieser Menschen ein bitteres Großstadtporträt zeichnen können. Doch die in Filmen wie „Italienisch für Anfänger“, „An Education“ oder „Ihre beste Stunde“ sonst oft feinsinnige Scherfig hat sich seltsamerweise dafür entschieden, ein kitschiges Episoden-Märchen daraus zu machen.

Keinem der eigentlich tragischen Konflikte geht sie auf den Grund, die Figuren bleiben zweidimensional, die Dialoge plump. Hin und wieder soll Humor (etwa durch Bill Nighy mit russischem Akzent) für Leichtigkeit sorgen, permanent sorgen Streicher für zuckrigen Gefühlsschmalz. Schade!

"Systemsprenger"

Glücklicherweise musste man nur einmal schlafen, bis für den ersten diesjährigen Festival-Höhepunkt gesorgt war, den ausgerechnet das einzige Regiedebüt im Wettbewerb darstellte. Die aus Braunschweig stammende Nora Fingscheidt stellt in ihrem ersten Spielfilm „Systemsprenger“ die neunjährige Benni (enorm überzeugend: Helena Zengel) ins Zentrum, ein traumatisiertes, aggressives Mädchen voll unbändiger Wut und Energie.

Seit sie nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen darf, wird Benni in einer Tour durch das deutsche Jugendpflege-System geschoben. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschulen, Notfallheime, Krankenhaus – überall sorgen immer neue Vorfälle dafür, dass nach einem neuen Platz für das sich nach Geborgenheit sehnende Kind gesucht werden muss. Und einer ganzen Reihe durchaus engagierter Fachkräfte zusehends die Ideen ausgehen.

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Alles andere als gefühlig, aber mit großer Empathie erzählt Fingscheidt diese an die Nieren gehende Geschichte, emotional genauso wie mit der Kamera immer auf Augenhöhe mit ihrer jungen Protagonistin. Die Wahrhaftigkeit, die „Systemsprenger“ atmet (und die auch durch bekannte Nebendarsteller wie Fernsehpreis-Gewinner Albrecht Schuch), ist beeindruckend, ebenso die Wucht und Energie der Inszenierung.

Ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt die Regisseurin ein Gespür, wie Kinder abseits der Norm auch hierzulande und selbst bei wohlmeinenden Beteiligten im Sozialsystem unter die Räder kommen können. Viel Hoffnung ist da nicht, aber das macht den Film nicht weniger sehenswert.

„Grâce à Dieu – Gelobt sei Gott“

Um die Mechanismen eines Systems geht es schließlich auch in „Grâce à Dieu – Gelobt sei Gott“, dem neuen Film von François Ozon. Der Franzose erzählt – ausgehend von einem wahren Fall – von dem erschreckenden Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Kindesmissbrauch und davon, wie die Opfer eines pädophilen Priesters auch Jahrzehnte später noch genauso unter der Tat leiden wie unter dem Schweigen.

Der französische Regisseur François Ozon zeigt in Berlin "Grâce à Dieu".
Der französische Regisseur François Ozon zeigt in Berlin "Grâce à Dieu". | Bild: Tobias Schwarz / AFP

Der sonst so häufig mit Flair, Verve und großem Fokus auf Stilisierung arbeitende Ozon erzählt das sehr nüchtern und unaufgeregt, mitunter – etwa in langen, aus dem Off vorgelesenen Briefen – fast zu wenig filmisch. Eine erschütternde Kraft gewinnt sein Film trotzdem, nicht zuletzt in dem Wissen, dass der zugrunde liegende Fall Preynat noch immer nicht abgeschlossen ist. Ein nächstes Urteil gegen die Führung des Erzbistums Lyon wird Anfang März erwartet.