Kaum zu glauben: Da bemüht sich das Badische Landesmuseum (BLM) zum 100-jährigen Bestehen, in einer Großen Landesausstellung einen ganz neuen Blick auf die vielfältigen Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburger Monarchie zu werfen – mit dem Titel „Kaiser und Sultan, Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700“.

Aber die Türkei spielt nicht mit, die Behörden stellen fürs Ausleihen unerfüllbare Bedingungen. Noch erstaunlicher: Es fällt gar nicht auf. Erstmals sind die schönsten Stücke aus Dresdens „Türckischer Cammer„ mit der berühmten Karlsruher „Türkenbeute“ vereint zu sehen. Und die Nachbarn Österreich, Polen und Ungarn, sogar Slowenien und die Schweiz taten vieles aus ihren Schatzkammern dazu.

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Ein Tässchen Kaffee und ein Pfeifchen hinterher – wer denkt beim Genuss noch daran, dass das osmanische Geschenke sind? Und wer weiß, dass sie zeitweise im Herkunftsland streng verboten waren?

Als Museums-Prunkstück blieb die „Türkenbeute“ hingegen bis heute im badischen Gedächtnis. Und mit ihr die Erinnerung an den großen Feldherrn der Habsburger, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, dem „Helden-Löw von Baaden“, der 1683 gemeinsam mit dem Kurfürsten Johann Georg III., dem „Sächsischen Mars“, Wien vor den Türken rettete.

Osmanische Pracht

Das Panzerhemd des fliehenden Mustafa Pascha gehört zu den kostbarsten Stücken der Karlsruher Türkenbeute. Aus der Dresdner Rüstkammer ist passend dazu der eiserne Feldkürass des sächsischen Kampfgefährten ausgestellt, der noch Spuren feindlichen Kugeln zeigt. Auch ein riesiges Luxuszelt des geflohenen Großwesirs, eine Leihgabe aus Krakau, vermittelt einen Eindruck von osmanischer Pracht.

Ein osmanisches Zelt (“Das blaue Zelt“ genannt) aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Ein osmanisches Zelt (“Das blaue Zelt“ genannt) aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. | Bild: Uli Deck / dpa

Reich ergänzt wurde die Karlsruher Sammlung seinerzeit vom Onkel des „Türken-Louis“, Markgraf Hermann von Baden-Baden, der bis 1688 als österreichischer Hofkriegsratspräsident in Habsburger Diensten stand.

Dass zwischen den zermürbenden Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts aber auch friedlicher Austausch Handel und Fantasie beflügelte, daran will die Ausstellung im Karlsruher Schloss ebenso erinnern. Kunstvoll verzierte Waffen dienten dem Repräsentieren, Streitkolben verwandelten sich als Szepter in Rangabzeichen, auch im Karlsruher Schloss.

Ein Streitkolben aus dem Jahr 1625. Er wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zur badischen Kroninsignie umgestaltet.
Ein Streitkolben aus dem Jahr 1625. Er wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zur badischen Kroninsignie umgestaltet. | Bild: Uli Deck / dpa

Es galt als schick, bei türkischen Festen an europäischen Höfen in osmanischer Verkleidung aufzutreten. Badische Fürsten ließen sich im Gewand des Gegners porträtieren.

Kostbare Geschenke begleiteten auf beiden Seiten die diplomatischen Bemühungen um Frieden und gegenseitige Anerkennung. Mit Meisterwerken wie den am Sultanshof geschätzten kunstvollen Automatenuhren, wurden zweckmäßigerweise die Uhrmacher gleich mitgeschickt. Die Gegenseite sandte edle Pferde mit prächtigem Zubehör.

Diese vergoldete Automatenuhr mit einem Elefanten stammt aus der Zeit um 1580.
Diese vergoldete Automatenuhr mit einem Elefanten stammt aus der Zeit um 1580. | Bild: Uli Deck / dpa

Vom Schrecken, den die Janitscharen, muslimische Elitetruppen zwangsbekehrter balkanischer Bauernsöhne, verbreiteten, weiß man bis heute. Aber nicht nur Kriege lösten damals Fluchtbewegungen aus. Das Osmanische Großreich erwies sich als Rettungsort für Glaubensverfolgte aus westlichen Ländern.

Auch Ungarn war im gesamten Mittelalter Aufnahmeland für Vertriebene. Andererseits hatte man etwa in Siebenbürgen keine religiösen Bedenken, islamische Gebetsteppiche als christlichen Kirchenschmuck zu verwenden.

Ein osmanischer Teppich, Vorläufer der Siebenbürger Teppiche, aus dem 17. Jahrhundert.
Ein osmanischer Teppich, Vorläufer der Siebenbürger Teppiche, aus dem 17. Jahrhundert. | Bild: Uli Deck

Von einer „bislang noch zu wenig beachteten Brückenfunktion der Kulturen“ spricht BLM-Chef Eckart Köhne. Er bedauerte im Gespräch mit dem SÜDKURIER, dass er aus der Türkei dazu keine Unterstützung bekam, trotz aller Bemühungen des Karlsruher Generalkonsuls der Türkei wie auch der dortigen Museumskollegen.

Laut Köhne wollten die türkischen Behörden Exponate aus Istanbul nicht ohne permanenten Begleitschutz für die gesamte Ausstellungsdauer im Schloss freigeben – eine im internationalen Leihverkehr unübliche und finanziell nicht erfüllbare Forderung.

Diese polnische Husarenrüstung mit Sturmhaube stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Diese polnische Husarenrüstung mit Sturmhaube stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. | Bild: Uli Deck / dpa

Dessen ungeachtet bleiben die auf zwei Stockwerken effektvoll arrangierte Schau und der üppig gestaltete Katalog in der Präsentation „auf Augenhöhe“ nach Köhnes Worten ein „Zeichen der Wertschätzung“ – nicht zuletzt gegenüber den Mitbürgerinnen und Mitbürgern türkischer Herkunft in unserem Land.

Die Ausstellung „Kaiser und Sultan – Nachbarn in Europas Mitte 1600–1700“ ist bis zum 19. April 2020 im Badischen Landesmuseum im Schloss Karlsruhe zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.