Rache, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt, ist das reinste Motiv. Ein guter Grund zum Töten. Manche sprechen dabei auch von Bestrafung. Das mörderische Personal in Wolfgang Wisslers schwarzem Buch der Nöte „Er sagt: Töte ihn!“, hat Nietzsche nicht gelesen. Einmal wird in dem Buch der Filmklassiker „Stirb Langsam“ zitiert. Der Held der titelgebenden Erzählung, Holger Rathke, Mitarbeiter einer global arbeitenden Agentur, schaltet im Luxushotel in den Schweizer Alpen den Fernseher ein und schaut ton- und interesselos zu, wie der angeritzte New Yorker Bulle John McClane seinem Handwerk nachgeht – während Rathkes Ex mit seinem Chef und Peiniger „Uhu“ im Nebenzimmer lautstark vögelt. „Ein Mann mit Charakter würde auschecken, den Zug nach Hause nehmen und sich ab Montag einen neuen Job suchen“, denkt er. Aber er bleibt. Und nimmt anderntags an der gemeinsamen Bergwanderung teil, die im Fiasko endet. Rathke rächt sich auf seine Weise für alle Beleidigungen, die er von Uhu, dem „Napoleon des Marketing“ und dessen „Matratze“ hinnehmen musste.

Der Autor Wolfgang Wissler lebt in Konstanz und arbeitet als Redakteur beim SÜDKURIER
Der Autor Wolfgang Wissler lebt in Konstanz und arbeitet als Redakteur beim SÜDKURIER | Bild: Tesche, Sabine

Sieben Erzählungen enthält Wisslers (zweites) Buch „Er sagt: Töte ihn“, das mit dem Vermerk Krimi oder Thriller unzureichend beschrieben ist. Der Autor, der in Konstanz lebt und beim SÜDKURIER als Redakteur arbeitet, liefert intensive Psychogramme von Menschen, denen das Töten nicht in die Wiege gelegt wurde, eigentlich nicht ihrer Natur entspricht. Karsten, stellvertretender Sparkassenleiter, der volltrunken eine Radlerin anfährt und die Halbtote erschlägt, führt ein normales Familienleben („Weitermachen“). Er ist am meisten überrascht, ja geschockt von der rohen Gewalt, die er angewendet hat. Dass er sich schuldig fühlt, macht ihn zu einer Mitleidsfigur.

Sieben mörderische Übungen

Wissler weiß, Gewalt gehört (leider) zur conditio humana, dies zu verleugnen ist lebensgefährlich. Man muss sie einhegen, was nicht immer gelingt. Gott sei Dank töten nur wenige. In der Erzählung „Letztes“ Glück“ bleibt offen, wo die nach langem Eheleben ungeliebte Frau von Matthias abgeblieben ist. Bei einer Wanderung verschwindet Elvira. Anders gestaltet sich der Tod von Albrecht Glock, einem vielgeehrten Honoratioren, der aufgrund seiner furchtbaren Taten im Dritten Reich keinen Schlaf findet. Wie überhaupt: viele der gewissenlosen Erzählfiguren schlafen schlecht. An seinem 80. Geburtstag gibt sich Glocke die (befreiende) Kugel.

Tiefer Blick ins Seelenleben

Wolfgang Wissler liebt den Plot. Er baut ihn mit Spannung und vielen Details auf und aus. Aber auch unabhängig von ihrem bitteren Schluss ist diese Prosa lesenswert, weil sie klug geformt ist, filmschnitthafte Rückblenden inklusive, und sprachlich sowieso auf der Höhe der Zeit. Der Zeitungsmann weiß, wie es geht. Er beschreibt das Personal seiner Erzählungen bis zur Nasenspitze und schaut tief hinein in ihr obskures Seelenleben. Auch auf Ironie versteht er sich. Seine männlichen, intellektuell schwachen Helden sind Antihelden, Verlierer, gerade auch am Arbeitsplatz, der ein gewisses Gewaltpotential bereit hält.

Dass Frauen in den Erzählungen schlecht wegkommen – sie sei keine Schlampe, lässt der Erzähler Charlotte sagen, die es mit Uhu treibt, sie sei eben „karriereorientiert bis ins Privatleben hinein“ – werden Wissler die Me-Too-bewegten Leserinnen Übel nehmen. An keiner Stelle der sieben mörderischen Übungen aber verherrlicht Wissler die Gewalt. Der Erzähler zeigt Gewissen. Anders gesagt: Diese Prosa darf in Teilen als Sittengemälde einer verrohten Gesellschaft verstanden werden.

Wolfgang Wisser: „‘Er sagt: Töte ihn‘. Das Buch der schwarzen Nöte“. Verlag Waldemar Lutz, Lörrach 2019. 320 S., 22 Euro.