Sinkt das Vertrauen in den Menschen, schlägt die Stunde der Justiz. Im Streben nach einer gerechten Gesellschaft sind inzwischen wieder Vorschriften in Mode gekommen. Parlamente und Wirtschaftsunternehmen sollen Quoten beachten, Bürger haben sich zu impfen oder Organe zu spenden.

Sogar die Sprache will man per Verordnung regulieren: Geschlechterneutralität als verpflichtendes Leitbild für Behördenmitarbeiter. Erst wenn die letzte Vorschrift erlassen, das härteste Gesetz verabschiedet und das höchste Urteil gesprochen ist, werden die Menschen merken, dass sich Gerechtigkeit nicht per Dienstanweisung herstellen lässt.

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Friedrich Dürrenmatt hat diesen verbreiteten Irrglauben einmal in einem bizarren Gedankenspiel entzaubert. Der fiktive Fall handelt vom Großindustriellen und angesehenen Kantonalrat Dr. Isaak Kohler, der ohne jedes erkennbare Motiv, scheinbar aus einer bloßen Laune, mitten im Gasthaus einen Menschen erschießt.

Bereitwillig lässt er sich verhaften und verurteilen, konsultiert aber schon bald aus dem Gefängnis heraus einen jungen Anwalt: Dieser möge doch mal recherchieren, was für eine Revision des Falles spräche – unter der Annahme, den Mord habe jemand anderes begangen. Nur als Experiment!

Robert Hunger-Bühler als Mörder Dr. Isaak Kohler.
Robert Hunger-Bühler als Mörder Dr. Isaak Kohler. | Bild: Matthias Horn / Schauspielhaus Zürich

Der Anwalt beginnt mit den Untersuchungen. Es dauert nicht lange, da zeigt sich: So drückend, wie es scheint, sind die Beweise gegen Kohler nicht. Wer lange sucht, findet genügend Indizien, um den Verdacht auf eine andere Person zu lenken. Tatsächlich wird der Fall neu aufgerollt, der Mörder kommt frei, ein unschuldig Verdächtigter bringt sich um: Das Recht hat gesiegt, die Gerechtigkeit bleibt auf der Strecke.

Dürrenmatt ist an der Geschichte ähnlich verzweifelt wie sein junger Anwalt, den er aus Gewissensgründen diesen Fall an seinen skrupellosen Kollegen abtreten lässt. Er sei sich, sagte der Autor einmal über die Fertigstellung von „Justiz“, vorgekommen wie ein Künstler, der sein sorgfältig gezeichnetes Bild ebenso sorgfältig wieder ausradiert.

Der Abend dauert fünfeinhalb Stunden

In Zürich hat sich Frank Castorf daran gewagt, dieses Bild erneut zu zeichnen: Wie so oft beim bedeutendsten Regisseur des deutschen Sprechtheaters ist dabei statt einer zarten Bleistiftskizze ein expressives Ölgemälde im Großformat herausgekommen. Fünfeinhalb Stunden dauert der Abend im Pfauen.

Auf der Drehbühne hat Bühnenbildner Aleksandar Denic einen ganzen Stadtteil untergebracht. Das Zimmer im Obergeschoss ist mal Penthouse, mal Gefängniszelle, unten sitzt man im Gasthaus oder flaniert an den Sex-Kinos des Hurenviertels vorbei. Isaak Kohler (Robert Hunger-Bühler) ist mit Sonnenbrille und Schlapphut das Abziehbild eines Wirtschaftsganoven. Im Vergleich dazu verströmt der junge Anwalt Felix Spät (Alexander Scheer) jugendliche Naivität. Das soll sich ändern.

Im Rotlichtviertel (von links): Teresa Matusadila, Manuela Hollenweger, Ueli Jäggi und Alexander Scheer (als Anwalt Felix Spät).
Im Rotlichtviertel (von links): Teresa Matusadila, Manuela Hollenweger, Ueli Jäggi und Alexander Scheer (als Anwalt Felix Spät). | Bild: Matthias Horn / Schauspielhaus Zürich

Denn ganz so, wie er es schon eingangs ahnt, handelt es sich bei seinem Auftrag um einen Teufelspakt Faustscher Prägung. Als des Anwalts Hexenküche erweist sich das Rotlichtmilieu, wo die Prostituierten und das Koks ihm über den Verlust seines Glaubens an die Gerichtsbarkeit hinweghelfen. Lustvoll lässt Castorf seine Figuren im Sumpf von Sex, Drogen und Gewalt versacken.

Zwischen Ausflügen in die Waffenhändlerszene und plötzlich auftauchenden Edelprostituierten geht bald der Überblick verloren. Wir sehen wilde Prügeleien, deftige Orgien und verzweifelte Selbstmordversuche. Und zwischen all diesen überfordernden Bildern immer wieder Erkenntnisblitze.

Überführt mit dem eigenen Gewissen

Dann erinnert die Prostituierte Daphne Müller (Julia Kreusch) an das Rechtsverständnis Jesu Christi. Der hatte bekanntlich empfohlen, das geltende Recht dadurch zu befolgen, dass den ersten Stein werfe, wer ohne Sünde sei. Woraufhin die Ankläger der Ehebrecherin von ihr abließen.

Jesus, sagt Daphne, habe „sie mit ihrem eigenen Gewissen überführt“. Ist genau das nicht die einzige wahrhaft wirkungsvolle Art, für Gerechtigkeit zu streiten? Ist nicht jede Vorschrift nur so viel wert, wie sie auch mit dem Gewissen eines jeden Einzelnen in Einklang steht?

Ein rationaler Zocker spielt Gott

Auch der Umkehrschluss ist möglich: Das Aushebeln des Justizapparats kann allein einem von jeglichem Gewissen befreiten Individuum wie dem Kantonalrat Kohler gelingen. Robert Hunger-Bühler gibt ihn als rationalen Zocker, der in einer Weise Gott spielt, wie er es vom Billard, gewohnt ist – eine Kugel stoßen und schauen, was passiert.

Gibt es solche Figuren? Ist ein Leben ohne Gewissen denkbar? Vielleicht. Bei Dürrenmatt schwingt der Zweifel mit, Castorf baut ihn zur großen Unbekannten aus: Ob Kohlers Tatmotiv über den Spieltrieb hinaus reicht, bleibt der Spekulation des Publikums überlassen.

Schauspieler bringen Höchstleistung

Die Schauspieler jedenfalls müssen Höchstleistung bringen. Das gilt für den körperlichen Einsatz wie auch fürs Gedächtnis: Welche Hänger und Versprecher gewollt sind („Unser Land braucht einen Außenminis … äh Ausmister“), welche nicht, weiß allein die Souffleurin. Packend ist dieser Rausch aus überbordendem Text, extremer Bildsprache und cooler Bühnenmusik allemal.

Und wer ist nun der Schuldige? Wer ein Gesetz bricht oder wer es erlassen hat? Ganz gleich, welcher Fall zutrifft, lässt Castorf am Ende Kohler sagen: „Wir gehen an der Freiheit zugrunde.“

Weitere Vorstellungen von "Justiz" werden am 20., 26. und 30. April 2019 gezeigt. Information und Tickets gibt es hier.