In der linken Augenhöhle brennt noch Licht. Der Totenkopf, schwarz und riesengroß: Er ist bewohnt. Gutsbesitzer kümmern sich darin um ihre Geschäfte, Gouverneure regeln Angelegenheiten der Verwaltung, ein Gastwirt schenkt Schnaps aus. Sie leben in einer toten Welt (Bühne: Thilo Reuter) und merken es nicht einmal. Nur Pawel Iwanowitsch Tschitschikow (Wolfgang Michalek) merkt es. Als Handlungsreisender in geradezu lächerlich mondänem Gewand, den Aktenkoffer stets griffbereit, sammelt er ein, was ohnehin im Überfluss vorhanden ist: tote Seelen.

„Tote Seelen“, so heißt ein Romanfragment von Nikolai Gogol. Es erzählt von einer toten Volkswirtschaft, die Produktivität bestraft, das Handeln mit Luftnummern aber belohnt. Sebastian Baumgarten hat das Werk nun für die Bühne eingerichtet: Am Samstagabend hatte es im Stuttgarter Schauspielhaus Premiere.

Die Luftnummern des Pawel Iwanowitsch Tschitschikow finden sich auf den Revisionslisten russischer Gutsbesitzer. Für jeden Leibeigenen, der hier verzeichnet ist, haben diese nämlich Steuern zu entrichten. Das ist insbesondere deshalb lästig, weil manche gar nicht mehr am Leben sind. Steuereinnahmen durch tote Seelen: kein Wunder, dass der Staat sich Zeit lässt mit der Löschung solcher Namen.

Morbide Totenkopfästhetik

Was aber treibt jemanden wie Tschitschikow dazu, diese wertlosen, auch noch steuerpflichtigen Fälle aufzukaufen? Der um seinen Ruf besorgte Gutsbesitzer Manilow (Hanna Plaß) lässt sich durch ein pathetisches Bekenntnis beruhigen. „Das Gesetz ist eine heilige Angelegenheit für mich!“, ruft Tschi-tschikow und legt würdevoll seine Hand auf die Brust. Der alte Pljuschkin (Svenja Liesau) will nur zu gerne glauben, er habe hier einen Wohltäter vor sich, der ihn von den teuren Karteileichen befreien möchte. Der durchtriebene Sobakewitsch (Paul Grill) dagegen riecht den Braten: „Wenn sie die toten Seelen kaufen, müssen sie ja für irgendwas gut sein!“

Wofür sie allerdings gut sind, erfahren wir, als Tschitschikow umschwärmt von Bürgern der Stadt am reichgedeckten Tisch Platz nimmt. Ein gemachter Mann, der für die besten Partien infrage kommt, weil er sage und schreibe rund 400 Leibeigene besitzt: vertraglich fixiert, von den Behörden beglaubigt. So einer bekommt bei jeder Bank einen Kredit – ob diese 400 Leibeigenen noch unter den Lebenden weilen oder nicht. Das Gesetz mag eine heilige Angelegenheit sein. Was aber, wenn diese Angelegenheit Lücken hat? „Ja, ich habe krumme Geschäfte gemacht“, gibt Tschitschikow am Ende zu: „Aber doch nur, weil auf dem geraden Weg nichts zu holen ist!“

Sebastian Baumgarten erzählt Gogols Stück unter ausdrücklichem Verweis auf das Russland der Gegenwart: ein Land, dessen Wohlstand zu einem Drittel bei nur 110 Menschen liegt. Und dessen Korruption bei den eigenen Bürgern als unausrottbar gilt. Doch je weiter Tschitschikow auf seiner Einkaufstour in die hintersten Winkel der Provinz vordringt, desto deutlicher wird sichtbar, dass hier kein russisches, sondern ein globales Problem verhandelt wird: Wenn selbst staatliche Instanzen daran scheitern, den physischen Gegenwert eines Finanzprodukts einzuschätzen, gelangt nicht der produktive Teil einer Bevölkerung zu Wohlstand, sondern der skrupellose.

Das hat nicht nur für die Verlierer Folgen, sondern auch für die Gewinner. Denn die toten Seelen, denen Tschi-tschikow begegnet, wohnen nicht nur auf dem Papier der Revisionslisten. Sie sitzen auch an Schreib- und Esstischen: am Leben gescheiterte Existenzen, wohlgenährt zwar, aber ohne Aufgabe und Ziel.

Baumgartens morbide Totenkopfästhetik erweist sich hier als geeignete Ausdrucksform. Videoprojektionen mit zum Teil düsteren Motiven, Slapsticks und Einspielungen von Publikumslachern verleihen dem Ganzen mitunter einen reizvoll ironischen Revuecharakter.

Viel Gutes gibt es auch über die darstellerischen Leistungen zu sagen. Das gilt insbesondere für Wolfgang Michalek mit – eine von mehreren Anspielungen an bekannte Gogol-Novellen – aufgesetzter Pappnase: Sein sich schmierig durch sämtliche Wohn- und Geschäftszimmer scharwenzelnder Tschitschikow ist so lächerlich wie tragisch und damit ein eindrucksvolles Porträt des vom System zum Betrug geradezu genötigten Individuums. Großartig Johann Jürgens Interpretation des Nosdrjow, der Tschitschikow als allzu guter Kumpel mit seiner ständigen Küsserei, seinem Hang zum Kartenspiel sowie peinlichen Auftritten in unpassendsten Momenten gehörig auf die Nerven geht. Und wunderbar auch Svenja Liesau als selbst im hohen Alter immer noch vom Geiz getriebener Gutsbesitzer Pljuschkin.

Man solle, heißt es auf einer Projektion in diesem Stück, das Volk nicht nach dem beurteilen, was es ist, sondern nach dem, was es sein will. Bei Gogol wollen die Profiteure eines fehlerhaften Wirtschaftssystems erkennbar ein anderes Leben führen. Jetzt muss man ihnen nur noch dabei helfen.

Schauspielhaus Stuttgart. Die nächsten Vorstellungen von „Tote Seelen“: 15., 21. und 24. Juni. Karten und weitere Informationen unter T 0711 – 20 20 90.