Herr Schätzing, machen Sie jetzt, mit 45 Jahren Verspätung, endlich Ihren alten Teenager-Traum wahr?

Ich hatte tatsächlich mal geplant, Rockstar zu werden. Maßgeblich befördert durch meinen Musiklehrer, da muss ich zehn oder zwölf gewesen sein. Großer Avantgardist! Spielte uns Strawinsky, György Ligeti, Edgar Varèse vor – harter Stoff für Präpubertierende, aber ich konnte nicht genug davon kriegen. Dann legte er David Bowie auf, der gerade angefangen hatte, Platten zu veröffentlichen. Ich weiß noch, ich hörte „Space Oddity“ und dachte: Der ist genau wie Strawinsky! Das sind Klangabenteurer, mit denen willst du auf Expedition. Und dann kam Suzi Quatro …

Mit der Sie auch auf Expedition wollten.

Auf Privatexpedition! Musikalisch stand sie ja eher diametral zu meinen Vorlieben. Aber ich war Teenie, schwer in sie verknallt, hatte ihren Starschnitt überm Bett – um bei der zu landen, musste ich selber Rockstar werden, so viel war klar. Derart hormonell motiviert, lernte ich Gitarre, spielte in allen möglichen Bands, gründete selber welche, immer auf der Suche nach Proberäumen im zu kleinen Köln – und sah mich mit Mitte 20 vor die Frage gestellt, wovon ich eigentlich leben sollte. Außer Musik machen konnte ich zeichnen, schreiben, folgerichtig landete ich in der Werbung.

Anschließend haben Sie als Schriftsteller Karriere gemacht. Wann haben Sie für die Musik wieder Zeit gefunden?

Ende der 90er kam mir die Idee, Soundtracks für meine Lesungen zu schreiben. In meiner Agentur wurde ein Raum frei, wo man ordentlich Krach machen konnte, mein bester Freund ist Drummer … Also ich fing wieder an, Songs zu schreiben.

Schriftsteller Frank Schätzing (Mitte) mit seiner Band Taxi Galaxi.
Schriftsteller Frank Schätzing (Mitte) mit seiner Band Taxi Galaxi. | Bild: Patrick Essex / Frederike Wetzels

Wie hat man sich das vorzustellen?

Ich bin ein Nachttier. Entsprechend schwer komme ich in den Tag. Oft stehe ich eine halbe Stunde mit leerem Kopf unter der heißen Dusche, um meine Systeme hochzufahren. Irgendwann fängt mein inneres Radio an, Melodien zu spielen. Unter der Dusche sind mir auch schon komplette Buchkapitel eingefallen. Wiederum bringt das Bücherschreiben Songs hervor, weil ich zwischendurch zur Gitarre greife, um das Hirn zu entknoten. Mit der Zeit sind so an die 100 Songskizzen entstanden.

Hat das mit Suzi Quatro eigentlich geklappt damals?

Nein, die Leidenschaft war flüchtig. Aber man muss sie bewundern. Suzi Quatro hat im Macho-Business Rock‘n‘Roll viel für das Standing weiblicher Künstler getan.

David Bowie klingt jedenfalls deutlich durch in Songs wie „Trains“. „Perfect Illusion“ erinnert wiederum an die Talking Heads und „Modern Entertainment“ an Britpop-Bands wie Pulp.

Echt? Spannend. Ich denke niemals über so was nach. Klar beeinflusst mich, was mir gefällt, und speziell die 70er haben mich geprägt. Aber Nostalgie ist nicht mein Ding. Überwiegend höre ich aktuelles Zeug. Billie Eilish ist sensationell. Und Musikerinnen wie St. Vincent, Anna Calvi, Monika Roscher … Zuletzt habe ich mir „I Am Easy To Find“ von The National gekauft, tolle Truppe. Auf Vinyl. Ich liebe Vinyl! Aber eigentlich habe ich keine musikalischen Säulenheiligen. Bis auf Bowie. Mein einziger Held.

Frank Schätzings Debütalbum ist gerade erschienen.
Frank Schätzings Debütalbum ist gerade erschienen. | Bild: Sony Music

Was bewundern Sie an ihm besonders?

Ich halte ihn für den größten Popstar aller Zeiten. Wer sonst war fünf Jahrzehnte relevant, hat so viele Impulse gesetzt, gerade für junge Künstler? Bowie zeigte, dass Kunst keine Kompromisse kennt. Wenn du in Kauf nimmst, auf dem Zenit deines Ruhms zu scheitern, einfach um dich radikal neu zu erfinden, und das mehrfach, erfordert das Mut. Es kann gutgehen, es kann fürchterlich schiefgehen. Aber nur so funktioniert Kreativität. Für mich damals, einen unsicheren, schüchternen 15-Jährigen, war Bowie die Offenbarung. Er sagte: Wenn du nicht weißt, wer du sein willst, dann sei doch einfach alle. Probier dich aus. Und tu es ein Leben lang.

Fehlt Ihrer Meinung nach in Deutschland eine Kultur des Scheiterns?

Leider. Ich bin ein Fan der Deutschen. Wie das Land sich nach seiner dunkelsten Stunde neu erschaffen hat, verdient Respekt. So viel Aufbruchswille und Kreativität! Deutsche Unternehmen wurden Weltmarktführer, deutsche Musiker auch. Denk an die 70er, als unsere Musikszene die Welt inspirierte. Nicht von ungefähr gingen Leute wie Bowie oder Iggy Pop nach Berlin. Dann kam das Visionäre abhanden. Macher wurden abgelöst von Verwaltern und Bedenkenträgern. Bloß: Nichts zu riskieren ist das Ende aller Innovation. Wir sollten wieder lernen, das meiste richtig zu machen, statt das wenigste verkehrt.

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In Ihrem 2018 veröffentlichen Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“ geht es um Künstliche Intelligenz. Bräuchte Deutschland technologische Pioniere wie Elon Musk, der Tesla gegründet hat und aktuell das menschliche Gehirn mit dem Computer verschmelzen will?

Ein paar Elon Musks täten uns gut. Oder ein Larry Page, der Google-Mitbegründer. Die sind ja keine Halbgötter, aber sie setzen die großen Hebel des Fortschritts in Gang. Manchmal mit nervigen Nebenwirkungen: Social Media ist, wie Lady Gaga so schön sagt, die Kloake des Internets, aber das Internet an sich ist großartig! Musks Vorstoß in die Elektromobilität, sein Griff nach den Sternen – bewundernswert. Eine bessere Zukunft lässt sich nur mit Pioniergeist und Radikalität anstreben. Im Silicon Valley mögen sie ein paar Gänge zu schnell unterwegs sein – das ist immer noch tausendmal besser als die Bräsigkeit, mit der Politiker und Populisten den Planeten an die Wand fahren. Künstliche Intelligenz, Robotik, autonomes Fahren bergen Risiken, stimmt, vor allem aber halten sie unglaubliche Chancen bereit. Die digitale Revolution ist unumkehrbar. Wollen wir sie mitgestalten oder maulen? Zurzeit maulen wir. Auch unsere Kulturszene, Musik, Literatur, Film, gefällt sich in feinsinnigem Pessimismus. Mir fehlt die Lust am Aufbruch, am bahnbrechend Neuen.

Sie selbst sind aber auch nie großartig gescheitert, oder? Ihre Werbeagentur war erfolgreich, seit „Der Schwarm“ sind Sie ein wohlhabender Mann.

Soll ich mal die 50 Absageschreiben von Verlagen zeigen, bevor mich einer publizierte? Ich bin mehr als einmal krachend gescheitert, nur ist das nicht Teil der öffentlichen Wahrnehmung. Ich wollte Musik studieren, Kunst – mit meinem Numerus Clausus illusorisch. Dafür klappte es mit Kommunikation, und mit 27 hatte ich den ersten Job, bei dem ich nicht befürchten musste, dass sie mich gleich wieder rauswerfen. Plötzlich startete ich durch. Gründetet mit Freunden meine eigene Werbeagentur, erster Job: Plattencover für die EMI. Wir schossen regelrecht durch die Decke, Top 30 im deutschen Agentur-Ranking – dann sprangen über Nacht zwei Großkunden ab. Zack, bankrott. Comeback. Talfahrt. Während der Krise schrieb ich den „Schwarm“, nachts und an Wochenenden. Da war ich noch kein Bestsellerautor. Ich investierte anderthalb Jahre meiner Kraft ohne Gewähr, dass sich ein Mensch für ein Unterwasserabenteuer mit intelligenten Einzellern interessiert. Aber du bewegst nur was, wenn du ins Risiko gehst.