Herr Tristano, die Benelux-Länder stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt des Bodenseefestivals. Wie sehr fühlen Sie sich als Luxemburger verbunden mit den Niederlanden und mit Belgien?

Eigentlich wenig. Benelux ist ja in erster Linie ein Wirtschaftsabkommen, und das hat wenig mit dem Volk zu tun. Belgien fühle ich mich stärker verbunden, weil ich in Brüssel am Konservatorium studiert und auch noch Freunde dort habe. Auch kulturell sind wir uns ein bisschen näher, weil wir auf der deutsch-französischen Sprachgrenze liegen. Und diese Grenze zieht sich im Grunde runter bis nach Basel. Die ganze Lorraine, das ganze Saarland liegen auf dieser Sprach- oder Kultur-Grenze zwischen dem Deutschen und dem Französischen. Mit den Niederlanden hingegen ist es noch mal was anderes. Dort orientiert man sich eher an der angelsächsischen Kultur.

Was wurde bei Ihnen zu Hause gesprochen? In Luxemburg ist das Französische ja eine offizielle Sprache, aber es gibt auch das Letzeburgische, ein moselfränkischer Dialekt.

Ich stamme eigentlich aus einer italienischen Familie, das heißt, es wurde sehr viel Italienisch geredet. Mit meiner Mutter rede ich aber Französisch, in der Schule habe ich auch Letzeburgisch gesprochen. Und Deutsch ist in Luxemburg ja auch eine offizielle Sprache. Wir haben drei offizielle Sprachen.

Welche Kultur ist Ihnen denn näher? Die französische oder die deutsche?

(Überlegt) Also, wenn man mich fragt, auf welcher Sprache ich denke, dann glaub ich, es ist eher das Französische. Ich habe aber auch fünf Jahre in New York gelebt, das heißt, das Englische ist auch sehr präsent. Und ich lese unglaublich gern auf Deutsch – zum Lesen ist das eigentlich meine Lieblingssprache. Alles in allem fühle ich mich aber doch den lateinischen Sprachen am stärksten verbunden.

Heute leben Sie mit Ihrer Familie in Barcelona.

Ja, ich pendele zwischen Luxemburg und Barcelona. Ich hab ein Studio in Barcelona, und eine Wohnung in Luxemburg. Meine Frau ist Katalanin.

Noch eine weitere Sprache...

Ja, und eine weitere Grenzregion. Dabei mag ich Grenzen gar nicht. Sie schränken die Wahrnehmung ein. Ich möchte ohne Grenzen leben – sprachlich, kulturell und musikalisch.

Muskalisch gelten Sie ja als Grenzgänger par Excellence. Sie pendeln zwischen den Genres, und sie pendeln auch zwischen klassischem Konzertsaal und Club hin und her. Was war da zuerst?

Zuerst war das Klavier. Also der Klavierunterricht ab dem fünften Lebensjahr. Ich habe auch ziemlich früh komponiert, und habe mit elf oder zwölf begonnen, Konzerte zu geben. Und mit 13 oder 14 Jahren habe ich die elektronische Musik entdeckt. In New York hat sie mir dann Türen geöffnet. Da hab ich begonnen, diese Ideen in meine Musik zu integrieren. Im Grunde wollte ich das aber schon als Kind. Es gibt Fotos von mir, wo ich am Klavier sitze, daneben aber auch Keyboard spiele. Das ist eigentlich genau das, was ich jetzt mache – ich bewege mich zwischen akustischen und elektronischen Klängen.

Als Sie begonnen haben, zu komponieren, was waren da Ihre Vorbilder?

Meine Mama hat sehr viel Barockmusik gehört, aber tatsächlich auch Musik mit elektronischen Anteilen – ob das nun Pink Floyd ist, Ravi Shankar oder Jean-Michael Jarre. Auch die Filmmusik der Siebziger- und Achtzigerjahre hat mich geprägt. All diese Klänge sind in mir geblieben.

In den Konzerten trennen Sie die Bereiche teilweise, zum Teil aber auch nicht. Sitzt denn in den klassischen Konzerten, in denen Sie Bach oder auch Barockmusik spielen, vor allem das ältere Publikum und in den Clubs das jüngere?

Ich würde sagen, das Publikum ist bei mir schon sehr gemischt. Meine Mama kommt zwar nicht in den Club, aber das hat weniger mit dem Club zu tun, als vielmehr mit der Uhrzeit. Wenn ich da um 3 Uhr morgens auftrete, ist ihr das zu spät. Eigentlich ist es mir selbst zu spät. Wie auch immer, ich locke schon Raver-Kids in den Konzertsaal und auch eventuell ein paar ältere Herrschaften in andere Locations.

Wann entscheiden Sie, ein Konzert nur mit Klassik zu machen oder nur mit Elektronik, und wann mischen Sie das?

Am liebsten mag ich es, wenn ich mein ganzes Arsenal hab. Also wenn ich am Flügel sitze, aber trotzdem ein oder zwei Keyboards dabei habe und dem Publikum eine klangliche Reise anbieten darf zwischen Akustik und Elektronik. Bach klingt eigentlich auf allen Instrumenten gut – ich spiele ihn aber auf dem Klavier, nicht dem Synthesizer. Trotzdem kann es sein, dass ich den Klang in Echtzeit etwas verfremde und Bach gewissermaßen ins All schicke.

Darf man Sie als Nigel Kennedy oder David Garrett des Klaviers bezeichnen?

Als David Garrett bitte nicht. Ich spiele nicht Michael Jackson im Stadion. Das ist ein ganz anderer Ansatz. Ich habe noch nie Michael Jackson gespielt. Nigel Kennedy hingegen schätze ich sehr, vor allem seine Bachaufnahmen, die ich viel und gerne gehört habe. Ich mag seine Energie. Und sein Bach hat Groove.

Beim Bodenseefestival geben Sie ja nicht nur Konzerte, sondern machen auch die Bühnenmusik zu der Konstanzer Theaterpremiere von Robert Menasses EU-Roman „Die Hauptstadt“. Was genau werden Sie da machen?

Darauf bin ich auch sehr gespannt. Es ist das Projekt im Bodenseefestival, das mich am meisten reizt, weil ich noch nie die musikalische Leitung einer kompletten Bühnenmusik übernommen habe. Vieles ist noch offen. Momentan überlegen wir noch, ob die kleine Bühne es erlaubt, einen Flügel darauf zu stellen. Was natürlich schön wäre.

Sie bestreiten die Bühnenmusik also alleine, ohne Band?

Ja, genau. Es gibt auch noch ein anderes Projekt für das Bodenseefestival, worauf ich mich ebenfalls freue. Das sind die Goldberg City Variations. Das ist eine Fassung der Goldberg Variationen von Bach. Und zwar spiele ich da nur Klavier, aber Bach wird zum Architekten einer virtuellen Stadt, die in Echtzeit auf einem Riesen-Bildschirm gebaut wird und wo quasi jede Note der Goldberg Variationen ein Stein der Stadt ist. Das ist ein Work in Progress, an dem wir schon drei Jahre arbeiten.

Wer ist wir?

Das ist mein Team von Architekten, Virtual Designers, Animators und Sound Engineers. Ich habe das Konzept entwickelt, wofür wir uns auf eine Skizze von Iannis Xenakis gestützt haben. Sie heißt Cosmic City. Dabei geht es sozusagen um die ideale Stadt der Zukunft.