So überraschend wie der Sommer eingezogen ist, so überraschend muss es für viele gewesen sein, dass das Theater Konstanz auf Klein Venedig ein Zelt für Veranstaltungen aufgebaut hat. Zur Eröffnung am Sonntag hielt sich der Andrang auch im benachbarten Gastronomiezelt noch in Grenzen. Aber bis Ende Juli – so lange soll das Zirkuszelt stehen – kann ja noch viel Sommer stattfinden.

Zum Auftakt gastierte erst einmal das Bodenseefestival im Zelt. Francesco Tristano, Pianist und Elektronikkünstler, hatte Flügel, Keyboard und elektronisches Equipment inmitten der Arena aufgebaut und bestritt den Abend an Tasten und Knöpfchen. Überwiegend aber doch an den Tasten. Tristano ist in erster Linie Pianist und keiner, der sich im Laptop vergräbt, um elektronische Welten zu erkunden. Der Groove steht bei ihm im Mittelpunkt. Seine Musik wippt – und das Zelt wippte mit.

Ein echter Grenzgänger

Für den Artist in Residence des Bodenseefestivals, der in diesem Jahr für die musikalische Grenzüberschreitung zuständig ist, war es bereits das letzte Konzert im Festival. Er war mit Barockmusik aufgetreten und mit Clubkonzerten, in denen er Eigenkompositionen präsentierte. Und er hatte Bachs „Goldbergvariationen“ mit einer visuellen Installation zu „Goldberg City Variations“ verknüpft. Ein echter Grenzgänger also zwischen klassischem Konzertsaal, Club – und nun eben auch Zelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Hier spielte er ein Programm mit eigenen Stücken – in das er außerdem zwei Toccaten von Girolamo Frescobaldi einflocht. Dass Tristano von der Barockmusik kommt, war in seiner eigenen Musik nur sehr gelegentlich, in einigen harmonischen Wendungen zu hören. Freilich kann man die Affinität zum Groove und zur Wiederholung von Bassfiguren und harmonischen Schemata ebenfalls von der Barockmusik herleiten, genauso gut aber auch von Jazz, Blues oder der Minimal Music.

Ein großer Spannungsbogen

Im Kleinen funktioniert Tristanos Musik als pulsierende Repetition von Harmoniefolgen oder Bassgängen. Und während die Zuhörer auf dem Stuhl mitzuwippen beginnen, fügt Tristano der Musik sukzessive immer wieder etwas hinzu: Elektronik, Motive – und auch Lautstärke. Im Großen funktioniert der Abend wie ein einziger weiter Spannungsbogen – vom Einfachen zum Komplexen, vom behutsamen Einsatz der Elektronik bis zum Techno-Ambiente, von der mittleren bis zur vollen Lautstärke.

Es braucht ein wenig Geduld, bis Tristano den Punkt bloßer Floskelhaftigkeit und harmonischer Banalitäten überwunden hat und seine Musik über den Groove hinaus interessant wird. Klanglich originell ist vor allem „Neon City“. Am Ende aber hat er alle Zuhörer gepackt. Hätte er über die knapp zwei Stunden hinaus weiter gespielt, hätte das Zelt garantiert zu Tanzen begonnen. Zum Runterkommen gibt es noch ein bisschen Bach, dann ist Schluss.

Janine Jansen in Friedrichshafen

Inzwischen hat das Bodenseefestival immer zwei Artists in Residence. Neben dem Grenzgänger Tristano ist es in diesem Jahr die klassische Geigerin Janine Jansen.

Das könnte Sie auch interessieren

Nach dem Eröffnungskonzert kehrte sie am Wochenende zurück nach Friedrichshafen – an ihrer Seite das Chamber Orchestra of Europe, mit dem sie das gar nicht sonderlich kammermusikalische 1. Violinkonzert von Karol Szymanowski spielte. Das Stück von 1916 changiert zwischen Spätromantik und Moderne, wie im Vexierspiegel hört man mal mehr das eine, mal das andere. Unter der Leitung von Sir Antonio Pappano kommt besonders die Moderne zum Tragen.

Janine Jansen gab sich dem Violinkonzert von Szymanowski hin.
Janine Jansen gab sich dem Violinkonzert von Szymanowski hin. | Bild: Harald Hoffmann/Bodenseefestival

Der Geigenpart ist überaus fordernd, bewegt sich ständig in hohen und höchsten Lagen und in einem permanenten Zustand der Erregung. Unglaublich, mit welcher Hingabe und zugleich Genauigkeit Janine Jansen ihn durchlebt – und damit für dieses nicht sehr bekannte Konzert eindrücklich Fürsprache hält.

Heilige Familie

Vorab erklang Richard Wagners „Siegfried-Idyll“ – für nur 16 Instrumente. Eine friedliche, wahrhaft idyllische Musik, die Wagner seiner Frau Cosima zum Geburtstag schenkte – im Andenken an die Geburt des gemeinsamen Sohnes Siegfried. Und dass Wagner diese „Verherrlichung des Familienkults“ (Franz Liszt) tatsächlich an Weihnachten, dem Fest der heiligen Familie, uraufführen ließ, passt nicht nur zum Geburtstag seiner Frau an Heiligabend, sondern auch zum Selbstbild des Komponisten. Wie auch immer – einen kammermusikalischen Wagner hört man selten und er machte aufgrund seiner Transparenz in Friedrichshafen eine tolle Figur.

Nach der Pause sorgten dann noch Antonin Dvoráks Slawischen Tänze op. 72 für Schmiss und Leichtigkeit. Insgesamt: ein ebenso spannendes wie überraschendes Konzert.