Eine mögliche Zukunft des Kinos war in Venedig auf einer alten Krankenhaus-Insel zu besichtigen. Nur ein paar Minuten vom Premieren-Saal „Sala Grande“ und eine kurze Lagunen-Überfahrt entfernt gab es keinen roten Teppich, keine Stars und keinen typischen Kino-Saal. Stattdessen: Virtual Reality, virtuelle Realität. Die Filme schaut man allein, isoliert von den anderen Zuschauern, nur mit Kopfhörern und einer Brille, die die Außenwelt abschottet – und landet mitten in der Welt des Films, in der man frei den Blick schweifen lassen kann: In einem abstrakten Traumkosmos oder in der dunklen Gasse eines südkoreanischen Rotlichtbezirks, in dem Frauen von US-Soldaten misshandelt wurden. Das Erzählen mit Virtual-Reality-Filmen steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Alberto Barbera, Filmfestival-Leiter in Venedig, glaubt aber so sehr an diese Innovation, dass er für sie erstmals einen eigenen Wettbewerb eingerichtet hat.

Das Hauptaugenmerkt der Filmkritik aus der ganzen Welt lag aber auch bei der 74. Ausgabe auf dem normalen Kino: in 2D und mit Stars wie Penélope Cruz und Javier Bardem. Das Hollywood-Glamourpaar stattete dem roten Teppich eine Visite ab bei der Premiere von „Loving Pablo“, der auf recht oberflächliche Weise von Drogenboss Pablo Escobar (Bardem) aus der Sicht seiner langjährigen Geliebten (Cruz) erzählt. Im Wettbewerb um den Goldenen Löwen wurde derweil mit „Mektoub“ der neue Film vom Abdellatif Kechiche mit Spannung erwartet, der 2013 für das explizite Liebesdrama „Blau ist eine warme Farbe“ die Goldene Palme bekam.

Mit den sehr natürlichen Bildern und der ausführlichen Sex-Szene zu Beginn denkt man noch, dass es nahtlos weitergeht wie im vorherigen Film. Dann aber folgt man so beobachtend wie der Student Amin aus Paris einer Freundes-Clique durch einen südfranzösischen Sommer in den 90er-Jahren. In schier endlos ausgespielten Szenen und mit viel junger Haut im Blick geht es durch Bars, Restaurants, an den Strand und in die Disco: verbindliche Liebe, unverbindlichen Sex und Spaß haben. Man ahnt, was Kechiche damit im Sinn hatte. Das geht aber weitestgehend unter in Gerede, Tanzen, Gerede und noch mehr Gerede. So wird der Film zur Anstrengung über drei Stunden, bei der man Ende einfach keine jungen, wackelnden Frauenhintern mehr sehen will.

Schon vor dem Festival war vielfach Thema, wie sich Venedig wieder zur wichtigen Plattform für US-Filme und potenzielle Oscar-Kandidaten gemausert hat. Man könnte sich vorstellen, dass der eine oder andere Beitrag zur Preis-Saison eine Rolle spielen wird. Jetzt sorgten sie aber erst einmal auf dem Festival für Impulse und könnten heute bei der Verleihung des Goldenen Löwen noch einmal auftauchen. Der Kino-Fantast Guillermo del Toro bezaubert durchweg mit dem visuell kraftvollen Märchen „The Shape of Water“ über die Liebe einer Putzfrau zu einem amphibienhaften Wasserwesen. Darren Aronofsky hat mit seiner unbehaglichen Thriller-Tour-de-Force „mother!“ das große Ganze, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, die Erschaffung und die Zerstörung der Welt im Sinn.

Rassismus und Vorurteile in einer vermeintlichen Kleinstadt-Idylle hingegen thematisiert George Clooney im Stil der Coen-Brüder auf überdrehte Weise in seiner sechsten Regie-Arbeit, dem grotesken 50er-Jahre-Thriller „Suburbicon“. Das klingt auch an im tragikomischen „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ von Martin McDonagh, der löwenverdächtig hoch in der Kritiker-Gunst liegt. Im Zentrum steht dabei Frances McDormand als Mutter, die dafür kämpft, dass die Ermittlungen im Mord an ihrer Tochter mit Nachdruck fortgeführt werden: Sarkastisch und hart ist sie dabei, verzweifelt und verletztlich – und absolut preiswürdig.

Ein ganz klarer Favorit konnte sich nicht herauskristallisieren. Vielleicht gewinnt ja der packende libanesische Beitrag „The Insult“, in dem sich ein scheinbar banaler Konflikt auswächst und alte Wunden einer gespaltenen Nation aufreißt? Oder „Angels Wear White“ (China), in dem mit Vivian Qu die einzige Regisseurin in der Konkurrenz ein kritisches Gesellschaftsbild entwirft – ausgehend vom Missbrauch an zwei Mädchen? Auch darüber hinaus gab es Beiträge, die auf Missstände, Ungerechtigkeiten und Probleme in der Welt schauen. Der australische „Sweet Country“, ein Outback-Western in den 1920er-Jahren, verarbeitet mit gröberem Pinselstrich die Ausbeutung und Misshandlung der wie Sklaven gehaltenen Aborigines durch die Weißen. Und die maßlos global angelegte Doku „Human Flow“ des chinesischen Kunst-Superstars Ai Weiwei eilt oberflächenkratzend von einem Flüchtlingsstrom zum nächsten. Gut möglich, dass diese Beiträge bei der Preisverleihung eine Rolle spielen – auch wenn sie filmisch bisweilen weniger bedeutsam waren als das Anliegen, das sie transportieren.

Das Filmfestival in Venedig

Das Filmfest von Venedig zählt neben den Festivals in Cannes und Berlin zu den bedeutendsten Wettbewerben der Branche. Hauptpreis ist der Goldene Löwe, der an das Stadtwappen Venedigs angelehnt ist. In seiner 74. Auflage lädt das Filmfest vom 30. August bis zum 9. September 2017 Film-Liebhaber in die italienische Lagunenstadt. Den Vorsitz der internationalen Jury hat in diesem Jahr die US-Schauspielerin Annette Bening. Festivaldirektor ist der Italiener Alberto Barbera. Das Filmfestival gilt als das älteste der Welt. Zum ersten Mal trafen sich die Cineasten 1932 im Hotel Excelsior. (dpa)