Mr. Moore, in den USA kam „Fahrenheit 11/9“ pünktlich zu den Midterm-Wahlen in die Kinos. Ist der Film womöglich einfach ein überlanger Wahl-Werbespot?

Oh nein, schließlich sage ich meinem Publikum nicht, wen es wählen soll. Aber natürlich ist der Film auch eine Ermutigung, ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, wählen zu gehen und idealerweise am Status Quo etwas zu verändern. Gleichzeitig will ich aber auch betonen, dass ich meine Filme nicht ausschließlich zu diesem Zweck drehe. In erster Linie geht es mir nicht um Aktionismus, sondern um das Kino. Ich verstehe mich als Künstler.

Man kann an dem Film erkennen, dass Sie große Hoffnungen in die jungen Leute von heute, also eine neue Wähler- und Aktivistengeneration setzen.

Dabei hassen die Kids diese Erwartungshaltung natürlich. Verständlicherweise! Wir fahren die Welt gegen die Wand und jetzt setzen wir unsere Hoffnung in sie, um zu retten, was zu retten ist. Aber klar, ich bin hoffnungsvoll, wenn ich sehe, was diese jungen Menschen gerade alles tun. Denn tatsächlich stehen sie ja nicht nur für Hoffnung, sondern längst auch für Taten. Nach dem High-School-Massaker von Parkland haben diese Jugendlichen die größte Demonstration in der Geschichte von Washington D.C. organisiert. Sie hatten natürlich ein bisschen Hilfe, George Clooney etwa gab ihnen eine halbe Million Dollar, um all die Genehmigungen und Bühnenaufbauten zu bezahlen, und einige Organisatorinnen des Women’s March waren ihre Beraterinnen. Aber alles andere haben sie selbst gemacht. Wer eine solche Tragödie überlebt, begnügt sich nicht mit Gedenken und Gebeten, sondern fängt an, für Veränderungen zu kämpfen.

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Sie kritisieren nicht nur Trump und die Republikaner, sondern auch die Demokraten kriegen ihr Fett weg. Warum verschonen Sie nicht einmal Obama?

Ich liebe Obama, aber es wäre falsch, ihn zum Helden zu stilisieren. Meiner Meinung nach schließt sich das nicht aus: Ich kann Obama mögen und mich über vieles freuen, was er in seiner Amtszeit gemacht hat, und trotzdem enttäuscht und kritisch sein, wenn ich sehe, wie er sich etwa in der Wasserkrise meiner Heimatstadt Flint verhalten hat. Oder in Sachen Drohnenkriegsführung. Man sollte in politischen Diskussionen unbedingt den Gedanken zulassen, dass zwei grundverschiedene Gedanken trotzdem beide richtig sein können. So funktionieren doch auch gute Ehen: Man hat Meinungsverschiedenheiten und lebt dennoch friedlich unter einem Dach.

Regisseur Michael Moore in einer Szene des Films "Fahrenheit 11/9".
Regisseur Michael Moore in einer Szene des Films "Fahrenheit 11/9". | Bild: Weltkino Filmverleih

Haben Sie eigentlich schon von Gwen Stefani gehört?

Noch nicht. (lacht) Die Arme! Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese Stelle des Films in der Presse so viel Beachtung findet. Denn natürlich ist sie, anders als ich es im Film behaupte, nicht wirklich allein verantwortlich dafür, dass Trump Präsident wurde. Aber die Tatsache, dass sie als Frau für ihre Fernsehsendung mehr Honorar bekam als er für seine, war wohl tatsächlich der allererste Auslöser für seine Kandidatur. Er wollte das nicht hinnehmen, dass jemand mehr verdient als er, schon gar nicht eine Frau. Also hielt er diese beiden Großveranstaltungen ab, um sich und allen anderen zu beweisen, wie sehr Amerika ihn liebt. Als er seine Kandidatur bekannt gab, ging es nur darum, er war nicht wirklich an all der Arbeit interessiert, die es braucht, um Präsident zu werden. Aber dann haben die jubelnden Massen ein Feuer in ihm entfacht – und so ging alles seinen Weg.

Irritiert es Sie, dass die Republikaner das mitgemacht haben und noch tun?

Nein, schließlich profitieren diese Leute von Trump. Sie verdanken ihm enorme Steuererleichterungen, die verhasste Obamacare hat er auch fast ausgehebelt und im Supreme Court hat er wirtschaftsnahe Rechte platziert. Warum also sollten sie oder irgendwelche Firmenbosse sich ihm entgegenstellen?

Wen wollen Sie mit Ihren Filmen erreichen? Ja sicherlich nicht nur Zuschauer, die ohnehin schon eher links sind, oder?

Es macht keinen Sinn, Trump-Wähler und allgemein rechts ausgerichtete Amerikaner davon zu überzeugen, ihre Stimme den Demokraten zu geben. Die Energie haben wir nicht, schließlich müssen wir überhaupt erst einmal alle anderen an die Urnen bringen. All die Menschen, die einfach zu Hause bleiben. Und vielleicht auch die acht Millionen Obama-Wähler, die beim letzten Mal für Trump gestimmt haben.

Fühlt sich die Situation heute dringlicher an als in den Jahren vor Trump?

Ich habe in meinem Leben viele Phasen dieses Landes durchlebt. Ich habe als Kind bei Besuchen in Virginia noch Tankstellen und Toiletten gesehen, die nur für Weiße waren, und damals nicht verstanden warum. Ich hatte neun Mitschüler an der High School, die im Sarg aus Vietnam zurückkehrten. Ich habe die Präsidentschaften von Nixon, Reagan, Bush und dem noch schlimmeren Bush miterlebt. Viele schlechte Zeiten also. Aber dieses Mal ist die Situation ein wenig anders. Und der Unterschied ist letztlich, paradoxerweise, der gleiche wie zwischen Trump und Hitler. Denn Hitler hatte eine Ideologie, genau wie Nixon oder Bush ideologisch agierten. Trump dagegen glaubt an gar nichts. Er ändert ständig seine Einstellung oder hat gar nicht erst eine. Das einzige, wofür sich Trump leidenschaftlich interessiert, ist er selbst. Er ist seine eigene Weltanschauung – das ist gefährlich.

Manchmal heißt es, sein Vize Mike Pence sei im Zweifel noch gefährlicher.

Ich verstehe wirklich nicht, warum die Liberalen so viel Angst vor ihm haben. Das ist lächerlich. Klar, der hat fürchterliche Ansichten. Aber anders als mit Trump kann man mit ihm über die Frage, ob es die Evolution gab, diskutieren. Oder ob man Homosexuelle mittels Therapie wieder hetero machen kann. Und diese Debatten werden wir alle gewinnen, denn die Mehrheit der Amerikaner teilt seine Standpunkte nicht. Wir dürfen nur nicht so feige sein und die Auseinandersetzung scheuen.