Es scheint ein wagemutiges Projekt, aus Goethes „Faust“ ein Tanztheater erschaffen zu wollen. Muss die Wirkungsgeschichte dieses Stücks nicht Inspiration eines Choreografen schier zu Boden drücken? Der Versuch von Edward Clug, dem Leiter des Slowenischen Nationalballetts in Maribor, nach dem ersten Teil der Tragödie ein Ballett zu schmieden, ist das neueste Glied in einer fast zweihundertjährigen Kette von Tanzstücken zum Faust-Stoff. Und: Das Projekt ist geglückt!

Der am Opernhaus Zürich schon bestens eingeführte Choreograf und Regisseur hat sich nicht den schweren Rucksack der einschlägigen deutschen Rezeption auf die Schultern laden wollen. Seine bilderpralle Kreation „Faust – Das Ballett“, die jetzt am Opernhaus uraufgeführt und mit Beifall quittiert worden ist, folgt den wichtigsten Handlungsstationen von „Faust I“, lebt aber wesentlich von humoristischen Brechungen, ja von Neuerfindungen in ungewohnter Umgebung. Insgesamt gibt es eine erfrischende Unvorhersehbarkeit in diesem abendfüllenden Handlungsballett.

Den Grundeinfall, dass Faust vor seiner Verjüngung rollstuhlbedürftig ist, nutzt Clug unter anderem für einen „Pas de trois“ von Faust, Mephisto und Rollstuhl in einer Glasbox (die später zu Gretchens Kerker werden wird). Mephistos Handstand auf den Armlehnen des Gefährts ist eine Herausforderung, die William Moore, die Sohlen seiner teufelsroten Schuhe an die Raumdecke drückend, bravourös meistert. Wie überhaupt Moore, für den Clug bald eckige, bald aasig gerundete Bewegungen der Arme und Beine ersonnen hat, eine Idealbesetzung ist für den „Geist, der stets verneint“.

Zu den Sinngrübeleien der Titelgestalt haben sich Clug und sein Kostümbildner Leo Kulas schwarze und graue Engel mit breiten Schwingen ausgedacht. Die Szene mit dem Schmuckgeschenk für Gretchen wächst heran zu einem wundersamen Pas de deux mit Jan Casier als Faust und Michelle Willems als Gretchen. Der Tötung von Gretchens Bruder Valentin (Alexander Jones) durch Faust geht eine Hollywood-reife Kampfszene im Getreidefeld voraus.

Als die zur Mutter Gewordene ihr Kind mordet, aufersteht eine bedrohliche surrealistische Bildkomposition mit Gretchen-Doubles und Wassereimern. Und: Ob Mephisto vielleicht ein Persönlichkeitsanteil von Faust ist? Jedenfalls steckt Clug die beiden sowie Gretchen und deren Nachbarin Marthe (Viktorina Kapitonova) wie Doppelwesen in je ein Kostüm.

Eine prominente Bedeutung kommt der Musik zu. Die eigens komponierte Partitur des Slowenen Milko Lazar, von der Kammerbesetzung bis zum Tutti farbenreich und rhythmisch profiliert gespielt von der Philharmonia Zürich unter Mikhail Agrest, reicht von Minimal Music mit neobarockem Einschlag bis zum quasisinfonischen Breitwand-Sound.

Weitere Vorstellungen von „Faust – Das Ballett“ am 6., 10., 13., 21., 23. Mai und 1. Juni. Infos und Karten: www.opernhaus.ch