Wir Menschen wollen es einfach wissen: Was uns am Leben erhält, warum wir sterben. Wie man den Tod ausbremsen, neues Leben schaffen – oder gar Tote wiederbeleben könnte. Es sind Fragen, die hinter Wissenschaften wie der Gentechnik oder der Entwicklung von künstlicher Intelligenz stehen. Aber es sind keine neuen, es sind uralte Fragen. Mary Shelley machte daraus ein Stück Weltliteratur: In "Frankenstein" gelingt es dem Arzt Viktor Frankenstein, aus toter Materie einen Menschen zu schaffen – allerdings mit verheerendem Ausgang.

Stoff für eine Oper? Gewiss. Was der Schweizer Komponist Michael Wertmüller und seine Librettistin, die erfolgreiche Dramatikerin Dea Loher, jedoch keinesfalls schreiben wollten, war eine Science-Fiction-Oper. Ihr Stück "Diodati. Unendlich", das nun am Theater Basel uraufgeführt wurde, stellt Mary Shelly (damals noch Mary Godwin) in den Mittelpunkt und mit ihr vier weitere historische Figuren, die sich im Sommer 1818 in Genf aufhielten: Ihr späterer Mann Percy Shelley, der Dichter und Lebemann Lord Byron, Marys Stiefschwester Claire, die Lord Byron verfallen und von ihm schwanger ist, sowie Byrons Leibarzt Dr. John Polidori. Das Treffen in der Villa Diodati (daher der Titel der Oper) ist historisch verbürgt, hier entstand der Frankenstein-Roman.

In Genf steht auch das Cern

Was Wertmüller und Loher nun aber auch nicht schreiben wollten, ist ein biografisch korrektes Stück über die Entstehung von "Frankenstein". Was sie statt dessen eigentlich wollten – das bleibt an diesem Uraufführungsabend einigermaßen unklar. Zu viel packen sie hinein, ohne dass die Stoßrichtung deutlich wird: Das historische Setting, Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft, Gedanken zu Feminismus, sexueller Freiheit und gesellschaftlicher Revolution. Das eigentliche Problem ist aber die Verschränkung des historischen Stoffs mit der Gegenwart vor einem schweizerischen Hintergrund. "Frankenstein" entstand in Genf. Und was gibt es heute in Genf? Richtig, das Kernforschungszentrum Cern. "Diodati" packt beides zusammen.

Wie passt nun die physikalische Grundlagenforschung zu Frankensteins Monster? Eigentlich gar nicht. Zwar wird auch im Cern gewissermaßen an toter Materie geforscht, ein Zentrum für Genforschung wäre für diese Oper allerdings hilfreicher gewesen. Mit diesem Problem musste nun die Regisseurin Lydia Steier klarkommen. Sie spielt mit der Idee, dass die Physiker des Cern die historischen Figuren von 1816 zum Leben erwecken. Das ist zwar nun nicht ganz das Thema der Cern-Physiker, dafür aber ein Versuch, dem Libretto irgendeine narrative Richtung für die Bühne zu geben. Ein Rettungsversuch, der allerdings nur zum Teil gelingt.

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Natürlich gerät das Experiment, für das die Cern-Forscher (Chor des Theater Basel) ihren historischen Figuren ein hübsches Wohnzimmer eingerichtet haben (Bühne: Flurin Borg Madsen), immer mehr außer Kontrolle. Im zweiten Teil haben Mary, Byron & Co die Forschungseinrichtung übernommen, die Cern-Physiker liegen tot am Boden, während sich Mary daran macht, ihr totes Kind wiederzubeleben, indem es ihm die Flügel eines Vogels annäht. Tatsächlich steht es am Schluss auf und läuft – es ist einer der wenigen berührenden, sogar pathetischen Momente.

Sie geben Leben: Die schwangere Claire (Sara Hershkowitz) und Mary (Kristina Stanek), die ihr totes Kind wiederbelebt.
Sie geben Leben: Die schwangere Claire (Sara Hershkowitz) und Mary (Kristina Stanek), die ihr totes Kind wiederbelebt. | Bild: Sandra Then

Ja, es gibt diese starken Momente wie Marys Trauer (Kristina Stanek) um ihr totes Kind. Es gibt sogar ein paar komische Momente, etwa wenn sich die hochschwangere Claire (Sara Hershkowitz) auf ein irrwitzig virtuoses Duett mit einem Drummer einlässt – bis die Wehen einsetzen. Überhaupt leistet das Sängerensemble, zu dem auch Holger Falk (Lory Byron), Rolf Romei (Percy Shelley), Seth Carico (Polidori) und Samantha Gaul (Byrons Halbschwester Augusta) gehören, schier Übermenschliches. Dennoch gibt es an diesem Abend einfach zu viel Leerlauf.

Das liegt an dem kruden Libretto, teilweise aber auch an Wertmüllers Musik. Dabei gelingt dem Schweizer Komponisten das Kunststück, eine verkopfte, serielle und hochkomplexe Kompositionsweise mit körperbetontem Drive zu verbinden. Musikalisch siedelt er damit irgendwo zwischen Jazz und Avantgarde – passend dazu gesellt sich das Jazztrio Steamboat Switzerland (Dominik Blum, Marino Pliakas, Lucas Niggli) zum Sinfonieorchester Basel in den Orchestergraben (Leitung: Titus Engel). Wertmüllers hyperaktive Musik hält die Musiker auf Trab, selten kommt Ruhe in diese Getriebenheit, dennoch entwickelt sie bis auf einige Ausnahmen kaum Dramatik. Und das wäre für die Tragfähigkeit eines dreistündigen Opernabends dann doch wichtig.

Weitere Aufführungen: 24. Februar; 1., 7., 19., 23., 31. März; 8. April. Infos und Tickets: http://www.theater-basel.ch

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