Eine Geschichte erzählt James Turrell immer wieder gerne. Die Geschichte von der Frau, die sich in einem Museum in den USA an eine durch Illusionen erzeugte Wand lehnte, hinfiel und sich das Handgelenk brach. Turrell, verantwortlich für das Illusions-Theater, verlor vor Gericht und musste ihr Schmerzensgeld in Höhe von 10 000 Dollar zahlen. Ein anderer Museums-Besucher forderte eine Viertelmillion Dollar für ein angeknackstes Handgelenk. Bei einer der nächsten Ausstellungen verlangte Turrell von den Nutzern seiner „Perpetual Cells“, dem Ort der Unglücke, dass sie ein Formular unterschreiben mit dem Satz: „Ich bin 18 Jahre alt und bei bester geistiger Gesundheit …“

Einer der bedeutendsten Lichtkünstler der Welt: James Turrell.
Einer der bedeutendsten Lichtkünstler der Welt: James Turrell. | Bild: Museum Frieder Burda / Florian Holzherr

Er hat auch Humor, James Turrell. Unter den „Perpetual Cells“ (immerwährende Zellen) muss man sich Objekte wie riesige Tischtennisbälle vorstellen, in die man, auf einer Bahre liegend, hineingeschoben wird. Dann geht ein grelles Licht an und nach kurzer Zeit, so schildern Besucher, sieht man Regenbögen und geometrische Formen. Das geblendete Auge wendet sich nach innen – es sieht sich selbst.

Zurzeit gibt James Turrell, US-amerikanischer Raum- und Lichtkünstler, in Baden-Baden im Museum von Frieder Burda ein Gastspiel. Bisher ist noch kein folgenreicher Sturz in dem von Richard Meier entworfenen Museumsbau bekannt geworden. Auch muss kein Besucher ein Formular über sein Alter und seinen Gesundheitszustand unterzeichnen. Was auch daran liegen könnte, dass Turrell bei dieser Retrospektive auf die „Perpetual Cells“ verzichtet.

Das Licht wird geformt

Stattdessen hat er einen nicht minder berühmten begehbaren Lichtraum nach Baden-Baden gebracht: „Ganzfeld Apani“ (2011). Und noch einige andere Werke, so etwa die „First Lights“ (erste Lichter), Entwürfe aus den 1980er-Jahren, geometrische weiße Lichtschlitze in Aquatinta-Schwärze, Vorgänger seiner „Sky Spaces“, belegen das lichte Museum, in das erst einmal viel Dunkelheit einziehen musste, um Turrells Kunst sichtbar zu machen. Eine Kunst, von der er sagt, dass sie nicht von Licht handle – sie sei Licht; er beleuchte auch nichts, er forme Licht, sodass man dessen Präsenz fühlen könne. Hinter den Vorhang geschaut, der Computer und geschliffene Linsen versteckt, könnte man sagen: Diese Kunst ist reine Physik.

Der Eingangsbereich zu James Turrells "Ganzfeld Apani".
Der Eingangsbereich zu James Turrells "Ganzfeld Apani". | Bild: Museum Frieder Burda / Florian Holzherr

Damit würden wir es uns aber einfach machen. Machen wir’s also komplizierter. Reden wir über die Wirkung dieser – zugegeben – bizarren Lichtmalerei, die, in geschlossene Räume geflutet, unser Belohnungssystem anregt.

Das Werk entsteht in der Wahrnehmung des Zuschauers. Es appelliert an seine Sinne, lässt sich auf der Haut spüren, lässt sich einatmen. Man sieht Wände, die es nicht gibt. Man badet in einem Nebelmeer, das zeitlupenhaft seine Farbe wechselt – von einem warmen Rot in einen Orange-Ton und in ein kaltes Weiß. Damit aber verändern sich auch unsere Gefühle. Man wandert voller Andacht in Räumen ohne Grenzen. Oben und unten gibt es nicht mehr. Sichtbares tritt mit Unsichtbarem in Beziehung. Und dann diese Stille … Licht als Droge, notierte eine Besucherin. Nein, sagt der Mann mit dem Vollbart, der sich stets in Schwarz kleidet. Er sei kein Guru und kein Esoteriker. Turrell ist zuallererst Künstler.

Ein Gefühl der Erleuchtung

Aber es gilt noch ein biografisches Detail nachzutragen. Der Mann, der solche komplexen Lichtdome baut, ist in einer Quäker-Familie aufgewachsen, ohne elektrischen Strom. Quäker sind der Auffassung, dass Gottes Licht in jedem Menschen sei. Turrells Werke rufen daher nicht zufällig religiös-spirituelle Gefühle hervor. Wer sie betrachtet, denkt über das Wort Erleuchtung nach.

Ein Kritiker fasste seine Eindrücke von Turrells Kunst mit den Worten zusammen, das sei Zauberschau, Physik-Labor und Kathedrale in einem. Nicht schlecht getroffen. Es gilt aber noch einen Aspekt zu beachten. Turrells Arbeiten haben viel mit Malerei zu tun – was sich in einer „Wedgework“-Installation zeigt. Mark Rothkos Farbfeldmalerei wird in dem Zusammenhang oft genannt. Turrell selbst blickt weiter zurück, sieht zum Beispiel Analogien zu den Impressionisten im 19. Jahrhundert, den Lichtmalern schlechthin.

Dieser Wekr gehört zu James Turrells "Wedgework"-Serie.
Dieser Wekr gehört zu James Turrells "Wedgework"-Serie. | Bild: Museum Frieder Burda / Florian Holzherr

Die Ausstellung im Burda-Museum zeigt noch mehr: Turrells „Hologram“-Serie, eines seiner „Projection Pieces“, bei dem ein Projektor ein grün leuchtendes Dreieck in einer Raumecke visualisiert, und sein ambitioniertestes Projekt „Roden Crater“. Bei einem Flug entdeckte Turrell den erloschenen Vulkan in der Wüste Arizonas und baut ihn seit 1974 zu einem Observatorium um. Das System aus unterirdischen Hallen, Schächten und Stollen gleicht einem Tempel, der dem Licht geweiht ist. Turrell bezieht sich dabei auf Stätten wie Machu Picchu, die ägyptischen Pyramiden oder die Tempel Yucatans.

Das ist „Roden Crater“ – bei einem Flug entdeckte James Turrell den erloschenen Krater in der Wüste Arizonas und baut ihn nun zum Kunstwerk um.
Das ist „Roden Crater“ – bei einem Flug entdeckte James Turrell den erloschenen Krater in der Wüste Arizonas und baut ihn nun zum Kunstwerk um. | Bild: Museum Frieder Burda / Florian Holzherr

Der ausgebildete Pilot hat auch am Bodensee Spuren hinterlassen. In Friedrichshafen entwarf er für das neue Dornier-Museum ein Lichtkonzept, das nach Sonnenuntergang die durchscheinende Fassade des Gebäudes akzentuiert. Und in Lech am Arlberg entsteht bis September ein unterirdischer Lichtraum Turrells. Damit soll ein neuer Blick auf den Himmel ermöglicht werden. Drunter geht’s nicht …