Na endlich trifft zusammen, was schon immer zusammengehörte: der Bombast-Rock der britischen Band Queen und ein großorchestraler Klangkörper, hier jener der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz. „A Night At The Opera“ hieß das Album, mit dem die vier Musiker 1975 endgültig durchstarteten, und maximale Theatralik war von Beginn an das markanteste Markenzeichen der Gruppe.

Schwulst und Pathos

Auf diese Überdosis an Schwulst und Pathos noch einen draufzusetzen, die pompösen Kompositionen von Frontmann Freddie Mercury und seinen Mitstreitern mit Streichern en masse, mit Posaunen, Hörnern, Trompeten, Oboen, Klarinetten, Flöten, Kontrabass, einer Tuba und diversem Schlagwerk sozusagen aufzurüsten, ist deshalb schon ein ziemlich geniales Konzept. In Konstanz, im „Lustschloss“ genannten großen Zelt auf dem Areal direkt neben dem Bodenseeforum, ging es nicht in jeder Minute des Konzerts hundertprozentig auf – aber doch meistens, und die Schöpfer dieser Synthese aus Rockmusik und Klassik können mit dem Ergebnis sehr wohl zufrieden sein.

Maximale Theatralik: Sänger Henrik Wagner bei „Queen“ im Lustschloss.
Maximale Theatralik: Sänger Henrik Wagner bei „Queen“ im Lustschloss. | Bild: Oliver Hanser

Ein Quartett aus jeweils zwei Sängerinnen und Sängern – Katja Friedenberg, Judith Lefeber, Henrik Wagner und Alex Melcher – bot das Ensemble auf, um den großen Freddie Mercury zu ersetzen, und das funktionierte erstaunlich gut. Zwar bot dieser „Glamrock-Abend“ summa summarum entschieden mehr Glamour als Rock, aber sowohl stimmlich als auch von der Bühnenperformance her gesehen ersetzten die vier Frontleute recht gut ihr berühmtes Vorbild, das ja nun schon seit vielen Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt.

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Diverse Anekdoten aus der fraglos ziemlich unorthodoxen Karriere des Queen-Stars gab Insa Pijanka zum Besten, die Intendantin der Philharmonie, die den Abend moderierte, und auch das recht schwierige Verhältnis der Band und ihres Sängers zur Musikpresse kam dabei zur Sprache. Gelegentlich unterstützten Videoprojektionen die Rekonstruktion von Mercurys Lebenslauf, aber sie blieben in diesem Kontext nur Beiwerk, was Sinn ergab, denn im Zentrum der Veranstaltung stand ja schließlich der akustische Aspekt, die Zusammenfügung zweier extrem unterschiedlicher musikalischer Stile.

Katja Friedenberg war eine von zwei Sängerinnen dieses Abends.
Katja Friedenberg war eine von zwei Sängerinnen dieses Abends. | Bild: Oliver Hanser

Einen ziemlich repräsentativen Querschnitt durch das umfangreiche Queen-Oeuvre hatten die Programmverantwortlichen ausgesucht, von „Bohemian Rhapsody“ bis „Radio Gaga“, von „Bycycle Race“ bis „The Show Must Go On“. Auch bei vielen Fans eher als Ausrutscher gewertete Karrierephasen fanden im Lustschloss ihre Würdigung: etwa die Auftragsarbeit, die Filmmusik für den Science-Fiction-Trash-Streifen „Flash Gordon“ zu erstellen – für die Bandmitglieder seinerzeit (1980) ein Heidenspaß, so Moderatorin Insa Pijanka.

„A Kind of Magic“

Das Hauptthema dieses Soundtracks gab die Philharmonie zum Besten – einer der Höhepunkte des Abends. Selbstredend erklangen auch Exzerpte aus der Musik zu dem von den Queen-Jüngern deutlich besser beuteilten Fantasy-Film „Highlander“ (1986): „Who Wants To Live Forever“ und „A Kind Of Magic“, letzteres Titelsong des gleichnamigen, auf dem Soundtrack basierenden Albums.

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Für den rockigen Aspekt sorgte ein Quintett aus Thorsten Drücker und Frank Pecher an der E-Gitarre, Donato Deliano am Synthesizer, Heiko Pape am Bass und Andy Pilger an den Drums. Mitunter hatten sie etwas Mühe, sich angesichts der orchestralen Übermacht zu behaupten, mit der Folge, dass das Klangbild ein wenig zu weich wirkte, zu flauschig für die oft vergleichsweise aggressiv strukturierten Queen-Kompositionen.

Hart an der Kitschgrenze

Ausgesprochen lyrische Flöten- und Streicher-Intros läuteten des öfteren den nächsten Song ein, mitunter hart an der Kitschgrenze operierend, sie aber Gott sei Dank nie überschreitend. Spontaner Beifall brandete im Publikum immer dann auf, wenn Gitarrist Drücker auf die kleine Vorbühne sprang und den Brian May gab, den Queen-„Axeman“, dessen exaltiertes Bühnengebaren neben den Eskapaden von Frontmann Mercury einst Kennzeichen jedes Queen-Gigs war.

„Glamrock in Concert“ Queenabend im Lustschloss in Konstanz.
„Glamrock in Concert“ Queenabend im Lustschloss in Konstanz. | Bild: Oliver Hanser

Am beeindruckendsten klangen Orchester und Rockband immer dann, wenn sie sozusagen Vollgas gaben, Pomp und Bombast der Queen-Kompositionen sich ungefiltert Bahn brechen konnten. Naturgemäß funktionierte das am besten bei den eher krachledernen Songs der Band – allen voran bei „We Are The Champions“ und bei „We Will Rock You“.

Elektrisierender Song

Beide Titel fungierten seinerzeit (1977) als A- und B-Seite ein und derselben Single – und beide gelten heute als absolute Rock-Klassiker, Ersterer wurde 1994 sogar offizeller Themensong der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA. In Konstanz an diesem Abend elektrisierte der Song die über 1000 Fans im „Lustschloss“ derart, dass sie sich kollektiv von den Plätzen erhoben – und die Philharmonie mitsamt ihren Solisten und der ihr angegliederten Rockband ihn im Zugabenteil noch einmal brachte, zur allgemeinen Begeisterung.

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Schon etliche Musiker – meist Rockmusiker – haben sich schon an einer Synthese aus Klassik und Rock versucht, meist mit durchwachsenem Ergebnis: Deep Purple mit ihrem „Concerto For Group And Orchestra“, die Moody Blues mit dem Konzeptalbum „Days Of Future Passed“, Keith Emerson mit seinen Combos Nice und Emerson, Lake & Palmer. Bei der Musik von Queen, kein Zweifel, bietet sich ein solches Vorhaben förmlich an. Und so, wie die Südwestdeutsche Philharmonie dieses Konzept umsetzt, ergibt es auch wirklich Sinn: Auf frappierende Art und Weise akzentuiert es die Kernelemente des Sounds von Queen, macht – um einmal einen Begriff aus dem deutschen Verfassungsrecht zweckzuentfremden – den Wesensgehalt der Songs erst richtig sichtbar.

Hemmungslose Gigantomanie

Natürlich waren Freddie Mercury und seine Kumpane komplett größenwahnsinnig, als sie ihre heute zeitlosen Meisterwerke in den 1970er und 1980er Jahren einspielten – aber welcher wirklich geniale Künstler ist das nicht? In ihrem Kern sind die Songs von Queen Ausdruck von hemmungsloser Gigantomanie – und sie von einem 60-köpfigen Orchester plus Rockband und Vokalistenquartett einspielen zu lassen, deshalb ein höchst adäquates Unterfangen. Freddie Mercury hätte es vermutlich gefallen.