Wenn Schauspieler auf der Bühne eine Puppe führen, passiert im positiven Fall etwas Erstaunliches. Es entsteht ein Kraftfeld zwischen Mensch und Figur. Dieses kleine Wunder passiert gerade in der Werkstatt des Konstanzer Stadttheaters in „Gerron“, der ersten Theateradaption des Romans von Charles Lewinsky. Da werden nicht Puppen zum Leben erweckt – das Erweckungserlebnis ist gegenseitig.

Schöner Kniff

Es ist ein schöner Kniff von Annette Gleichmann, den – zumindest was die äußeren Ereignisse betrifft – auf Tatsachen beruhenden Roman des Schweizer Autors auf diese hybride Weise zu inszenieren. Die Regisseurin, die auch die Autorin der Bühnenfassung ist, stellt dem Gerron-Darsteller André Rohde gleich drei Puppenversionen gegenüber. So kann der einstige jüdische UFA-Star, der sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur mit Kollegen wie Marlene Dietrich und Heinz Rühmann zusammenarbeitete, mit sich selbst in Dialog treten. Bei der Uraufführung von Brechts „Dreigroschenoper“ war er übrigens auch dabei.

Innenleben des Kurt Gerron

Die Vervielfältigung der Figur ist auch deshalb eine gelungene Sache, da so das Innenleben des Kurt Gerron nach außen treten kann, zumal es genau das ist, was den fiktionalen Anteil des Romans ausmacht. Kurt Gerron befindet sich 1944 nicht nur gemeinsam mit seiner Frau Olga in Theresienstadt, dem Sammellager, von dem aus es in die Konzentrationslager ging, sondern auch in einem klassischen moralischen Dilemma. Er soll für das Nazi-Regime einen Film drehen, der die Tatsachen in grotesk zynischer Weise auf den Kopf stellt: Theresienstadt als Hort glücklicher Menschen.

Seelenvolle Puppen

Die Ausstatterinnen Ira Hausmann und Janna Skroblin, die vor allem auch für die seelenvollen Puppen verantwortlich sind, haben einen Holzverschlag auf die Werkstatt-Bühne gestellt, in dem Kurt und seine Frau hausen. Eine richtige Liebe im falschen Leben. So feinsinnig das Puppenspiel ist, so grobkörnig ist zuweilen die Menschenzeichnung. Sebastian Fortak, der seine Puppen vorzüglich begleitet, muss mit Obersturmführer Rahm und dem Ältestenrat Eppstein zwei arge Abziehbilder abgeben, Magdalene Schaefer als Sekretärin Olitzki gar mit Buckel und osteuropäischem Akzent auftreten. Als Olga besitzt sie jedoch Glaubwürdigkeit. Auch wenn sie ihre Puppen führt, spürt man diese Fürsorge, die das Spiel sehr anrührend machen kann.

Moralisches Dilemma

Und was die Auseinandersetzung mit dem moralischen Dilemma betrifft: Letztlich wird Brechts Songzeile aus der „Dreigroschenoper“, wonach zuerst das Fressen kommt, dann die Moral, nichts Nachhallendes entgegengestellt. Es sind die zuweilen wunderbaren Momente mit den Puppen, die die etwas zerfasernde Inszenierung im Wesentlichen zusammenhalten. Das Premierenpublikum allerdings war stark beeindruckt.

Nächste Vorstellungen am 5., 7. und 9. Februar. Karten unter: Tel. 07531/900150 oder http://theaterkasse@konstanz.de