Das Programm war eine Labsal an diesem grauen und regnerischen Novemberabend. Heiteres, teilweise leicht Verrücktes und frische, virtuose Darbietungen zauberten eine Vorahnung von Frühling in den Konzilsaal, so auch gleich zu Beginn in Aaron Coplands „Appalachian Spring-Suite“. Das Werk überzeugt weniger durch geistige Höhenflüge, vielmehr durch überraschende Wendungen und eine vortreffliche Klangregie.

Verve und Feingefühl

Ursprünglich für ein Handlungsballett gedacht, reiht Copland einzelne Szenen eines Liebespaares aneinander, von der ersten Begegnung über einen ausgelassenen Brauttanz bei der Hochzeit bis hin zum beschaulichen Farmerleben in der amerikanischen Provinz. Die Philharmonie unter Ari Rasilainen zeichnete mit Verve und Feingefühl die Bildfolge nach, die verträumten Liebesgesten erschienen in gedämpftem Klang, der Square-Dance deftig wie in schweren Reitstiefeln und die friedliche Ruhe des Paares im Abendrot im aushauchenden Pianissimo, beinahe kitschig, aber passend.

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Auch beim nächsten Stück ging es um Liebe, nur etwas unpersönlicher. Die elitäre Runde griechischer Philosophen, die sich vor 2400 Jahren nach dem Abendmahl überlegten, wie sie den Abend zu Ende bringen wollten: Trinkgelage oder Diskussion. Sie entschieden für eine philosophische Erörterung zum Thema „Eros“, wovon Platon später unter dem Titel „Symposion“ berichtet. Leonard Bernstein hat diese Gesprächsrunde in seiner „Serenade für Solovioline, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug“ aufgegriffen. Natürlich erfährt man durch die Musik nichts über den Inhalt der Reden, aber die Gesten und Attitüden der Redner kann man erahnen und freut sich über die leicht parodistischen Ideen Bernsteins. Köstlich, wie er die Teilnehmer der Runde portraitiert, den unbeherrschten und lauten Pausanias, den lieblich tönenden und leise vortragenden Agathon bis hin zum autoritär wirkenden Sokrates.

Ein cooler Magier

Amerikas jüngster Konzertmeister, David Coucheron, erschien nicht als Glamourheld, sondern als konzentrierter Arbeiter, der aber zeigte, dass er sein Handwerk glänzend beherrscht. Er ließ keine Wünsche offen und operierte wie ein cooler Magier, der eins ums andere Mal mit einem neuen Trick verblüfft: Meisterhaft geführte Springbögen, lupenreines Flageolett, absolut sichere Doppelgriffe – und bei allem: keine Schau, kein Kokettieren mit dem Können, er blieb auch als Solist bescheiden der „primus inter pares“. Und die Philharmonie ließ sich anstecken, mehr noch, sie glänzte in allen Belangen, Ari Rasilainen tanzte souverän die Taktwechsel, Pauke und Schlagwerk taten mitunter sogar mehr als nötig, alle hatte offenbar großen Spaß mit diesem wunderbaren Solisten und dem selten gespielten Werk.

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Der nach der Machtergreifung aus Deutschland ausgewanderte Franz Wachsman, später in Amerika als Franz Waxman sehr erfolgreicher Filmkomponist (unter anderem „Das Fenster zum Hof“), schrieb eine bemerkenswerte Fantasie für Solovioline und Orchester über die zum Schlager avancierten Melodien aus Bizets Erfolgsoper. Das Stück ist geschickt arrangiert, hält natürlich atemberaubende Solopassagen mit enormem technischen Anspruch bereit, nimmt aber das Orchester immer mit und gleitet nie ins Flache ab.

Nichts wirkte angestrengt

David Coucherons Solospiel war auch hier wieder ein Genuss, stets mit wachendem Ohr für die Mitspieler. Nichts wirkte angestrengt, bemüht oder an der Grenze, alle noch so virtuosen Passagen kamen präzise und entspannt – herrlich! Und das Miteinander von Solist und Orchester war spannend bis zum Zieleinlauf, bei dem jeder der erste sein wollte.

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Duke Ellington durfte nicht fehlen. Das Finalstück stammte tatsächlich von dem großartigen amerikanischen Entertainer, Pianisten und Bandleader, der auch über 2000 Kompositionen verfasst hat. Doch seine an Filmmusik angelehnte „Suite from The River“ erwies sich als das schwächste Stück des Abends. Vieles, was der Komponist notiert, bleibt blass, etliches verklebt im symphonischen Apparat. Auch die Eintrittskarte zum Jazz-Feeling ist nicht so einfach zu haben.

Orchestrales Schwelgen

Wer welche Töne leicht zu spielen hat, welche etwas Schwere nötig haben, was etwas früher kommt oder etwas später, das war nicht so klar geregelt. So geriet das Opus etwas träge und es verwunderte nicht, dass auch im langsamen Walzer trotz der fein gespielten Soli aus dem Orchester keine gelöste Stimmung, keine Leichtigkeit aufkommen wollte. Die von Duke Ellington gewohnten, reizvollen Jazzharmonien jedoch und das orchestrale Schwelgen der Philharmonie im Broadway-Sound entschädigten ebenso wie die aparten Melodien, die mit Xylophon verstärkt an die goldenen Bigband-Zeiten erinnerten.

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Wenn die Zutaten stimmen, kommt der Erfolg fast zwangsläufig. Das war hier der Fall. Ein mutiges Programm, ein überzeugend agierender Dirigent mit einer bestens präparierten Phiharmonie und ein Meister als Solist, was will man mehr? Zu den eher schrägen Tönen, die derzeit aus Amerika an unsere Ohren dringen, war der Abend ein starker und erfreulicher Kontrapunkt. Solche Töne hört man gerne.