Er dürfte die so ziemlich erste homosexuelle Opern-Figur gewesen sein: Prior Walter aus Peter Eötvös’ „Angels In America“. Das 2004 uraufgeführte Stück hatte jetzt am Theater Freiburg Premiere. Gut, es gab schon den Gustav von Aschenbach, den Benjamin Britten 1973 Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ entnommen hat. Der alternde Aschenbach lässt sich darin von dem Anblick des schönen Knaben Tadzio faszinieren. Eine ziemlich unheilvolle Angelegenheit.

Aber so richtig offen schwul ist erst Prior Walter. Er ist 30 Jahre alt und lebt mit seinem Partner Louis Ironson in New York. Und er hat Aids. Die Beziehung der beiden zerbricht daran. Louis weiß nicht, wie er mit dem Thema Krankheit und Tod umgehen soll und bandelt mit Joe an. Der allerdings ist Mormone und versucht, seine Homosexualität mit religiöser Disziplin zu heilen. Was freilich misslingt. Seine Frau schluckt Valium, weil sie mit der Entdeckung, dass ihr Mann homosexuell ist, ebenfalls nicht umzugehen weiß.

Und dann ist da noch der Anwalt Roy Cohn, ein echt harter Knochen (und übrigens eine historische Figur), der stolz darauf ist, in der McCarthy-Ära die angebliche KGB-Spionin Ethel Rosenberg auf den elektrischen Stuhl gebracht zu haben. Dass auch er schwul und an Aids erkrankt ist, will er nicht einmal sich selbst eingestehen. Stattdessen sagt er, er habe Leberkrebs.

Stoff für eine Oper? Warum eigentlich nicht? Schließlich geht es in der Oper fast immer um Liebe und Tod und manchmal auch um tödliche Krankheiten. Man denke nur an die an Tuberkulose erkrankte Mimi aus Giacomo Puccinis „La Bohème“. Prior, Louis, Joe und Roy waren ursprünglich allerdings keine Opern-, sondern Theater-Figuren. Tony Kushner schrieb Anfang der 1990er-Jahre „Angels In America – A Gay Fantasia On National Themes“, ein fünfstündiges, sehr erfolgreiches Opus, das nicht allein das virulente Thema Aids aufgriff, sondern ein gesellschaftliches und politisches Stimmungsbild der USA zu Zeiten von Ronald Reagans Regierung zeichnete.

Davon ist in der zweieinhalbstündigen Oper freilich nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Mari Mezeis Libretto konzentriert sich auf ein paar Handlungsstränge. All die politisch-gesellschaftlichen Implikationen rücken dadurch in den Hintergrund. Was den Stoff aber operntauglich macht, sind die titelgebenden Engel. Sind sie real oder sind sie Halluzinationen der mit Morphium ruhig gestellten Kranken? Sind sie Heilsbringer, Todesahnungen oder gar Rache-Engel? Ihre Vieldeutigkeit gibt dem hyperrealen Stoff einen Dreh ins Surreale. Und hier ist auch Eötvös’ Musik am stärksten.

Musik wie gleißendes Licht

Wenn Angela Falkenhahn als hell erleuchteter Engel vom Schnürboden herabschwebt und Carina Schmieger (die diese Partie kurzfristig von der erkrankten Susana Schnell übernommen hat) ihr aus dem Off ihren wunderbar beweglichen Sopran verleiht, dann taucht auch Eötvös sie orchestral wie in gleißendes Licht (es spielt das Philharmonische Orchester Freiburg unter Leitung von Daniel Carter). Hier schöpft er das musiktheatralische Potenzial des Stoffes voll aus. Und darin liegt auch sein Interesse – weniger in den so vordergründig präsenten Themen Homosexualität und Aids.

Eötvös nutzt für die Musik durchgehend Live-Elektronik (die vom SWR-Experimentalstudio realisiert wird). Das tut er effektvoll und mit viel Klang-Fantasie. Als ausgesprochen Theater-erfahrener Komponist legt er aber auch großes Augenmerk auf die Textverständlichkeit der Solisten. Das freilich führt dazu, dass der Sprechgesang überwiegt und sich die Musik streckenweise bis zur untermalenden Bühnenmusik zurücknimmt.

Die Mikrofonierung der Sänger schafft eine Nähe zum Musical, die auch hier und da in der Stimmführung aufscheint, vor allem bei Louis (Joshua Kohl). Tatsächlich, so erzählt es Eötvös selbst, hat er sich mehrere Musicals am Broadway angeschaut, bevor er „Angels In America“ in Angriff genommen hat. Freilich wirkt diese Erfahrung nur latent in der Musik nach, lässt aber immer mal wieder aufhorchen.

Es gibt noch weitere solcher Überraschungsmomente. Etwa das kleine jiddische Lied, das der Geist von Ethel Rosenberg (Inga Schäfer) ganz ohne Instrumentalbegleitung am Sterbebett von Roy (Andreas Jankowitsch) singt. Witzig ist auch die Rolle des Countertenors (Bernhard Landauer), den Eötvös immer wieder zwischen den Stimmlagen und somit auch zwischen den Geschlechtern hin und her springen lässt.

Überhaupt überwiegen die charakterstarken Stimmen im Solisten-Ensemble – vorneweg die von Robin Adams als Prior. Aber auch John Carpenters Joe oder Anja Jungs dunkler Mezzo (in verschiedenen Rollen) lassen keine Wünsche offen.

Solche Wünsche richten sich in erster Linie an die Regie von Ingo Kerkhof, die seltsam blutleer bleibt. Dirk Beckers große, dunkle Bühne will sich nicht so recht mit Ideen füllen, die Figuren bleiben blass, obwohl der Text mit seiner kräftigen Sprache genügend Steilvorlagen geboten hätte, um entsprechende Bilder zu finden. Was bleibt, ist die Hochachtung vor dem Theater Freiburg, das sich mit dieser Produktion einmal mehr zum zeitgenössischen Musiktheater bekennt.

 

Weitere Aufführungen gibt es am 18. und 28. März 2018, am 7. und 27. April, am 10. und 18. Mai sowie am 3. Juni. Informationen und Karten auf www.theater.freiburg.de

Peter Eötvös über seine Oper "Angels In America":