Eigentlich war er ja schon wieder da, dieser Gigant des amerikanischen Hip-Hop. Im Dezember hat Eminem nach vier Jahren Warten endlich das Album „Revival“ veröffentlicht, einige Monate später gesteht er freimütig und selbstkritisch: „Revival didn't go viral“ („Revival war kein viraler Hit“). Es ist eine der Zeilen, die er wütend auf seinem neuen Album Kamikaze herauspresst – und dieses kam völlig unerwartet. Nachdem Revival bereits ein Jahr vorab groß angekündigt und über Monate mit Erwartungen aufgeladen wurde, veröffentlichte Eminem seine zehnte Platte völlig schmerzlos mit nur wenigen Worten. Die Wirkung ist umso größer.

„Diese Mal habe ich versucht, es nicht zu zerdenken, genießt es“, schrieb Eminem in der Nacht auf Freitag bei Instagram. Anbei ein Bild, das das Cover von „Licensed to Ill“ der Beastie Boys im Jahr 1986 aufgreift – sie waren eine der ersten Hip-Hop-Bands. Die hintere Hälfte eines silbernen Flugzeugs ist mit Botschaften versehen: „FU-2“ ist eine Antwort an all seine Kritiker („Fuck you, too“) und wo die Beastie Boys spiegelverkehrt den Schriftzug „Eat Me“ platzierten (also „Leck mich“), wählt Eminem mit „Suck it“ noch deutlichere Worte. Flammen sprühen aus dem Triebwerk. Eminem gibt Vollgas.

Er pöbelt, er beleidigt, er wütet geradezu. Er fliegt das Flugzeug mit erhobenem Mittelfinger gegen die Wand, wie die Rückseite des Albums bildlich zeigt. Seine Wut richtet sich gegen Gott und die Welt, gegen andere Rapper wie Lil Xan oder Machine Gun Kelly, gegen Politiker wie US-Vize-Präsident Mike Pence und seinen Chef Donald Trump sowie gegen Journalisten. Er möchte der gesamten Welt ins Gesicht schlagen, rappt Eminem im ersten Song „The Ringer“. Verbal gelingt das.

Seiner Rolle als 45-jähriges Urgestein der Rapszene ist sich Eminem dabei offensichtlich bewusst: „Why don’t we make a bunch of fuckin’ songs about nothin’ and mumble ’em!“ fragt er in „Lucky you“: „Warum machen wir nicht eine Menge verdammter Songs über nichts und nuscheln sie vor uns hin?“ Eine Breitseite für die vielen jungen Rapper, die teils wenige Worte, noch weniger Inhalt und umso mehr Gehabe vorweisen.

Nachdem er sich bei „Revival“ viele Gäste auf die Platte geholt hat, ist die Gästeliste bei diesen elf Tracks ausgesucht. Kein Radioliebling Ed Sheeran, keine merkwürdigen Samples von Nummern wie „I love Rock’n’Roll“. Stattdessen erklingen alte Bekannte wie Manager Paul Rosenberg oder Rapper Royce da 5’9”, der auch beim Open-Air Frauenfeld mit Eminem auf der Bühne stand. Eine Rückkehr zu alten Freunden und alter Höchstform, eine gelungene Überraschung.

Eminems Album „Kamikaze“ ist bisher nur online verfügbar, die Audio-CD ist für 17,99 Euro zu kaufen ab Freitag, 7. September.