Familie zieht immer. Vor allem Familienschlachten. Es ist nicht lange her, da spielte man in Stuttgart Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, die Geschichte Willy Lomans, der nicht mehr fähig ist, für seine Familie aufzukommen. Der Vater zweier missratener Söhne stirbt am Ende – und mit ihm ein Teil des amerikanischen Traums.

Jetzt zelebriert das Schauspielhaus Eugene O’Neills Familiendrama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ in der Regie von Armin Petras. Petras ist seit 2013 Intendant des Hauses und künstlerisch ziemlich erfolgreich. Dennoch verlässt er 2018 vorzeitig Stuttgart – aus persönlichen Gründen. Kritiker glauben allerdings, dass der Wahlberliner am Neckar nie heimisch wurde.

Aber Eugene O’Neill. „Mit Tränen und Blut“ verfasste der Nobelpreisträger „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, wie er notierte, um sich „endlich meinen Toten zu stellen“. Das Stück entstand 1940, wurde aber erst 1956, drei Jahre nach O’Neills Tod, uraufgeführt – aus Rücksicht auf den Autor. Der berufslose, alkoholsüchtige, malaria- und tuberkulosekranke Seefahrer, Abenteurer, Herumtreiber und (auch) Dramatiker, der O’Neill in seinen frühen Jahren war, hatte sich die Traumata seiner Jugend Stück um Stück von der Seele geschrieben. Doch noch nie hatte er sich so nah an die Gespenster der eigenen Familiengeschichte herangewagt, wie in „Long Day’s Journey Into Night“.

Arthur Miller kannte das Stück nicht, als er den „Handlungsreisenden“ schrieb. Umso erstaunlicher, dass in beiden Untergangsgeschichten eine vierköpfige Familie das Zentrum der Handlung bildet, wobei O’Neills Stück keine gewaltsame Wendung nimmt. Am Schluss sind immer noch alle da – James Tyrone, Mary, seine Frau, die Söhne James Jr. und Edmund – durch „die Vergangenheit ineinander verfangen, jeder schuldig und gleichzeitig unschuldig, sich gegenseitig verachtend, bedauernd, liebend, verständnisvoll und dennoch überhaupt nicht verstehend, vergebend, aber dazu verdammt, nie vergessen zu können“, wie O’Neill in einem Brief zusammenfasst.

Man muss den biografischen Hintergrund nicht kennen, um von der Abgrundfahrt der Familie Tyrone, von den Ereignisketten und Fallstricken aus der Vergangenheit gefangen genommen zu werden. Die Vorlage enthält dafür ausreichend Realismus. Aber auch den Erkenntniswert, dass dieses Nachtstück das Psychogramm einer (amerikanischen) Gesellschaft darstellt, die nicht im Lichte, sondern im Dunkeln reist.

Das Stück beschreibt die Zeit zwischen Morgen und Mitternacht eines Tages im Jahre 1912, einige Monate nach dem Untergang der „Titanic“. Ort der Handlung ist das Sommerhaus der Tyrones in einem Nest in Connecticut mit Blick auf den Hafen. Der Schauplatz in der Stuttgarter Inszenierung besteht aus einem multiperspektivischen Ungetüm, das auf der Drehbühne mit einer mittig installierten Videoprojektion thront. Bühnenbauer Aleksander Denic stellt nicht ungeschickt eine metaphorische Verknüpfung der Schiffskatastrophe mit dem Schicksal der Familie her.

Dazu hat er ein Labyrith aus Schiffsluken, Treppen, Nischen, Türen und Schränken entworfen. Dass das Beiboot, das am Schiffskörper baumelt, auch noch „Titanic“ heißt, ist Ironie, ist Spaß, vor allem auch Strategie.

Denn O’Neills Stück, ein „Verhängnis zwischen Pulle und Ampulle“, wie der Theatermann Georg Hensel spöttelte, steht auch immer in der Gefahr, ins Pathos abzugleiten, Klischees zu bedienen. Petras steuert dagegen, indem er die Rolle der morphiumsüchtigen Mary mit einem Mann besetzt. Peter Kurth, der in einer anderen Inszenierung den James Tyrone machte, wirkt wie der wiederbelebte Dustin Hoffmann aus der Travestie-Komödie „Tootsie“.

Als die massige Mannfrau die Bühne betritt, gibt es im Publikum Lacher. Gut so. Der Trick schafft Distanz. Hebt Schicksalsschwüle auf. Auf der anderen Seite bringt Petras Ernst hinein, indem er einen Untoten dazu stellt, der im Stück nur als Erinnerungsschmerz erwähnt wird – der dritte, im Kindesalter verstorbene Sohn der Familie (Robert Kuchenbach), ein Grund für Marys Sucht. Das alles trägt zur Wahrheitsfindung bei. Auch wenn ungewiss bleibt, was wahr und was nicht wahr ist, denn jede der traurigen Figuren erzählt dazu ihre eigene Geschichte.

Da ist der Schauspieler-Vater James, der eine Karriere als Sheakespeare-Darsteller zugunsten einer Tourneetheater-Nummer opferte. Edgar Selge spielt den armen, trunkenen Tropf, und das ist mehr als nur Spiel, da tritt ein zum Leben Verdammter auf. Wie Selge in seiner Shakespeare-Vergangenheit stöbert, Kostüme aus dem Spind holt, atemlos die Rollen deklamiert – das ist große Kunst. Da sind die beiden Söhne. Edmund, der jüngere, leidet an Tuberkulose, was Mary – aus Selbstschutz – hartnäckig als Erkältung verharmlost. Manolo Bertling spielt eindringlich diesen empfindsamen Geist, hinter dem sich O’Neill selbst verbirgt. In die Haut von Jamie Jr., ebenfalls Schauspieler, erfolglos und unbegabt, was ihm sein Vater nicht verzeihen will, schlüpft Peter René Lüdicke. Auch er, dem Petras eine Affäre mit dem Hausmädchen Cathleen andichtet (Julischka Eichel) liefert Gnadenlosigkeit ab. Sein Zwiegespräch mit der Whisky-Flasche lässt frösteln.

Er hätte zu viel „hippes Nischentheater“ gemacht, „performatives Theater mit zunehmender Auflösung von Handlung und Figur gedankenlos nach Stuttgart transportiert“ – das sind Vorwürfe, die Armin Petras auch schon gemacht wurden. Hier liefert er ein Meisterstück der Regie ab. – Langer Beifall.

Weitere Vorstellungen am 24. und 27. Februar 2017 sowie am 5. März. Karten-Telefon: 0711/202090. Weitere Informationen auf www.schauspiel-stuttgart.de