Wir starten diesen Text mit einer einfachen, aber zentralen Tatsache: Figub Brazlevic gehört zu Deutschlands wichtigsten HipHop-Produzenten. Dafür spricht alleine die Dichte und Vielfältigkeit seiner Veröffentlichungen in der jüngeren Vergangenheit: Brazlevic produzierte unter anderem ein komplettes Mixtape für den immer noch extrem erfolgreichen Rapper Kollegah, organisierte ein Kollabo-Album mit Oldschool-Legende MC Rene, förderte Nachwuchsleute wie John Known und arbeitete mit internationalen Sprechgesangsartisten wie BlabberMouf oder Teknical Development. Kurz gesagt: Figub erkundet die ganze Bandbreite des HipHop-Kosmos!

Besonders interessant erscheint dieser Umstand allerdings aufgrund der Herkunft des Produzenten: Figub, der mit richtigen Namen Mario Radzom heißt, stammt nicht aus New York, Berlin oder Stuttgart, sondern aus dem schwäbischen Tuttlingen, jener Kreisstadt, die nicht selten als Welthauptstadt der Medizintechnik bezeichnet wird. Doch auch hier am Rande der schwäbischen Alb kann eine waschechte HipHop-Biografie erlebt und gelebt werden. Bereits mit 13 trifft Figub auf die verschiedensten Auswüchse der Jugendkultur: Ein Nachbar, der Baggy-Pants näht, ein Kumpel der sich in Breakdance ausprobiert, ein Bekannter, der Beats baut.

"Die Schule hat mich genervt, ich war oft unterfordert"

Für Mario, dessen Eltern im Zuge des Jugoslawienkriegs nach Deutschland kamen, eröffnet sich eine komplett neue Welt, in der er viel mehr ist, als ein Problemkind, das von Schule zu Schule verschoben wird. „Die Schule hat mich genervt, ich war oft unterfordert. Weil ich viel Allgemeinwissen lernen musste, aber die Dinge, die mich wirklich interessiert haben, die wurden nicht behandelt. Das war schon im Englischunterricht so, wenn du amerikanischen Rap hörst, aber deine Lehrerin will, dass du das Wort ‚Bathroom’ britisch-englisch aussprichst. Da war ich von vornherein gegen die Autorität. Das hat halt im HipHop einfach perfekt gepasst.“

HipHop in all seinen Facetten und das Skateboarden bestimmt fortan Marios Alltag. Er tappt, sprayt, organisiert erste Veranstaltungen und baut auch erste Beats. Heute betont Brazlevic immer wieder, dass Tuttlingen für ihn kein einfaches Pflaster war. Stress mit der Polizei, die schon bald seinen Namen kennt, ist der Alltag. Das von der Industrie vorgelebte Wertesystem inklusive Ausbildung und festem Beruf klingt wie eine Drohung.

Doch Figub hat noch ganz andere Sorgen: Der Rauswurf aus seiner ersten Crew kommt einer Katastrophe gleich, die Figub allerdings in Energie umwandelt: „Ich wollte es ihnen beweisen. Unbedingt!“ In der Folge konzentriert sich Figub darauf, zu produzieren und Beats zu bauen.

Wie kaum ein anderes Musikgenre konzentriert sich HipHop auf seine Protagonisten. Authentizität reifte in den letzten Jahren zu einem zentralen Begriff. Ein Rapper muss authentisch sein und das rappen, was er wirklich erlebt. Hierbei wird nicht selten vergessen, dass auch jeder noch so talentierte oder mindestens charismatische Rapper immer auch auf ein gutes Soundgerüst angewiesen ist.

HipHop ist und bleibt Musik. Mit Arrangements. Samples. Zitaten. Während in Amerika Produzenten wie DJ Khaled durchaus selbst Superstars sein können, scheinen die Produzenten hierzulande seit dem Niedergang von DJ Tomekk in den Hintergrund gerückt zu sein. Figub Brazlevic will das ändern. Nicht weil er sich selbst am liebsten in den Vordergrund schieben möchte, sondern wegen seiner ausgeprägten Liebe zu dieser Kultur, die sein Leben so nachhaltig prägte. Deshalb driftet er mit Vorliebe ab, verfängt sich in wilden Metaphern und historischen Exkursen, wenn er über das Beatmachen redet. „Ey, ich bin Musiker!“

Schließlich landete Brazlevic in Berlin. Ein Jahr arbeitet er regulär, die Musik rückt ein wenig in den Hintergrund. Aber dann beginnt es zu brodeln. „Ich wollte gar nicht nach Berlin gehen und ich hatte dort auch erstmal gar nichts mit der Musikszene zu tun. Ich hab zwar Mucke gemacht ohne Ende und auch Leute kennengelernt, aber dann bin ich immer stärker in die Szene gerutscht. Dann gab es so langsam die Momente, wo ich bei Leuten saß, die mir prophezeit haben, dass ich mein Ding machen werde. Das habe ich heute noch im Ohr. Und wenn ich die heute treffe, dann sagen sie: Ey, ich habs dir gesagt. Das freut mich, weil ich mein halbes Leben dafür aufgegeben hab. Ich war nicht wie andere Jugendliche, ich war nicht mit Kumpels reisen oder so. Das sind Dinge, die ich jetzt nachholen kann.“

Auch 2017 ist Figub noch ein Arbeitstier. Mit eigenem Label. Und eigener Veranstaltungsreihe. Im Gegensatz zu vielen anderen HipHop-Produzenten, bei denen man das Gefühl hat, dass sie beieinander abschreiben wie in einer Klassenarbeit, gehört Brazlevic zu den wenigen HipHop-Produzenten in Deutschland, die einen eigenständigen und eigenwilligen Sound erschaffen. Auf sein Markenzeichen, im Oldschool verwurzelte Boom-Bap-Beat-Bretter, will er indes nicht festgenagelt werden. Es geht um mehr! Mehr Einflüsse. Mehr machen. Ein mehr an Musik. Mehr Rap. Mehr HipHop. Wie schon damals in Tuttlingen.