Herr Djawadi, Sie schreiben Musik zu Szenen, in denen Menschen geköpft und Kinder verbrannt werden. Wie schwer fällt Ihnen das?

Das ist manchmal schon echt hart. Ich bin in diese Serie emotional sehr involviert und genau daraus entsteht die Inspiration, Musik zu solchen Szenen zu schreiben. Manchmal ist es schon fast schmerzhaft, wenn Charaktere getötet werden, die du selbst gerne magst. Keine Figur in „Game Of Thrones“ ist sicher. Das ist ein Teil davon, was die Show so außergewöhnlich macht.

Und – wen erwischt es als nächstes?

Ich weiß es nicht, aber selbst wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen. (lächelt)

Aber Ihre Familie weiß Bescheid?

Nein, meine Frau fragt auch schon gar nicht mehr, weil sie weiß, dass ich sowieso nicht darüber rede. Für mich ist das wie ein Arztgeheimnis. Ich darf nicht darüber sprechen, woran wir gerade arbeiten. In meinem Studio muss ich auch nur kurz die Maus antippen und der Bildschirm verdunkelt sich.

„Game Of Thrones“ ist eine komplexe Serie. Wie behalten Sie den Überblick?

Es ist wirklich sehr komplex. Die Showrunner David Benioff und D. B. Weiss haben sich mit mir zusammengesetzt, bevor ich überhaupt auch nur eine einzelnen Note geschrieben habe. Uns war klar, dass wir bei dermaßen vielen Charakteren, Familien und Handlungssträngen behutsam vorgehen müssen. Wenn du für all diese Dinge von Anfang an ein Thema schreibst, bringst du das Publikum komplett durcheinander. Also haben wir uns überlegt, mit welchen Themen wir in Staffel eins anfangen. Das Lannister-Thema kam erst in Staffel zwei dazu und auch Theon Graufreud hatte in der ersten Staffel noch keines. So haben wir die Themen nach und nach weiterentwickelt und neue hinzugefügt.

Wie läuft das konkret ab?

Ich bekomme die Episoden in einer Rohfassung, zwei oder drei Folgen, meistens noch etwas zu lang. Dann kommen David und Dan zu einer Spotting-Session in mein Studio, wo wir uns die entsprechenden Folgen anschauen und entscheiden, wo die Musik anfangen und aufhören soll.

Wie ist das, so eine Folge ohne Musik?

Schon etwas komisch, auch die Sound- und Spezialeffekte fehlen da noch und im Hintergrund siehst du die Green Screens. Aber inzwischen ist das für mich völlig normal.

Wie geht es dann weiter?

Wir besprechen die einzelnen Szenen: Was soll die Musik an dieser Stelle dramaturgisch bewirken, was unterstützen, welche Emotionen transportieren? Wenn wir damit fertig sind, habe ich einen Plan, wie viele Stücke ich für diese Episode schreiben muss, und beginne zu komponieren und Demos zu erstellen. Dann kommen die beiden wieder zu mir und ich spiele ihnen jedes einzelne Stück vor. Es kommt auch mal vor, dass ich ein Stück schreibe und wir später merken, dass diese Szene eigentlich überhaupt keine Musik braucht oder auch umgekehrt. Dieser ganze Prozess dauert ein paar Monate. Wenn die Demos akzeptiert wurden, gehe ich mit dem Orchester an die Aufnahmen.

Was wäre „Game Of Thrones“ ohne Sie?

Das ist eine Frage für David, Dan oder andere involvierte Leute. Ich kann das nicht gut beantworten, bin einfach sehr froh, Teil der Show zu sein. Dass die Jungs mich angerufen haben und mir die Gelegenheit gaben, für die Show zu komponieren, macht mich sehr glücklich. Natürlich bin ich sehr stolz auf die Musik und darauf, dass die Menschen sie so sehr mögen, dass wir in der Lage sind, daraus Konzerte zu machen und auf Tour gehen zu können. Wir spielen uns einmal quer durch die ganze Welt von „Game Of Thrones“. Das Publikum soll noch einmal die Highlights der Staffeln eins bis sieben erleben.

Haben Sie eigentlich die Bücher von George R. R. Martin gelesen?

Nein, aber ich habe mir fest vorgenommen, sie von vorne zu lesen, wenn wir Staffel acht beendet haben. Es interessiert mich total, zu sehen, wie David und Dan die Show aus dem Buch heraus adaptiert haben.

Haben Sie Martin jemals getroffen?

Ja, er ist ja immer bei den Premieren mit dabei und da haben wir auch gesprochen. Ich bin ein großer Fan seiner Arbeit. Krasser Typ.

Und wie findet er Ihre Vertonung?

Ihm gefällt meine Musik, was mich natürlich sehr freut. Er meinte, er fände es klasse, wie ich mit all den Instrumenten den Sound von „Game Of Thrones“ gefunden habe und seine Buchvorlagen dadurch lebendig werden.

Wie fest verknüpft sind Bild und Musik?

Auf der einen Seite inspiriert mich die Szene, genau diese Musik zu schreiben. Sie soll das Bild, den Dialog und die Handlung unterstützen – dabei bleibt sie meistens im Hintergrund. Wenn ich meine Arbeit richtig mache, muss sie Gefühle im Zuschauer hervorrufen. Auf der anderen Seite ist es auch unheimlich schön, wenn du dir den Soundtrack anhörst und er die Emotionen auch ohne die Bilder hervorruft. Dann hast du dein Ziel als Komponist erreicht, die Musik kann für sich stehen. Daran arbeite ich immer sehr hart.

Sie haben sich in Hollywood hochgearbeitet. War es schwer, Fuß zu fassen?

Hollywood ist verdammt hart. Sich hier hochzuarbeiten dauert sehr lange. Ich habe ganz unten angefangen, als Technik-Assistent im Studio. Für meine Musik hat sich da niemand interessiert. Es dauerte, bis ich mal etwas arrangieren oder schreiben durfte. Aber das ist hier in Hollywood einfach der natürliche Lauf der Dinge. So schwierig es damals auch war, es war genau das Richtige für mich. Nur so kannst du die Erfahrungen sammeln, die du später brauchst.

Haben Sie immer Musik im Kopf?

Ich habe tatsächlich immer und überall Musik im Kopf, ja. Ich kann es abschalten, aber wenn ich Auto fahre, spazieren gehe, Sport mache oder schwimmen gehe, habe ich immer Melodien im Kopf, die zum Greifen nahe sind. Das war schon damals so, als ich mit dem Fahrrad zur Schule gefahren bin.

Wie klingt Ramin Djawadi eigentlich, wenn er keine Film-Musik komponiert?

Wir werden sehen. Ich möchte eine Symphonie schreiben. Das ist mein großer Plan. Vor ein paar Jahren habe ich mal damit angefangen, aber seither liegt es da und ich habe nicht daran weitergearbeitet. Das werde ich auf jeden Fall machen. Ohne Bilder, ohne Vorgaben, einfach meine eigene Symphonie.

 

Zur Person

RaminDjawadi (43) stammt aus Duisburg. Mit 15 Jahren entdeckte er seine Liebe zur Film-Musik. Nach dem Abitur zog er in die USA und studierte am Berklee College of Music, später arbeitete er für Hans Zimmer. Er hat die Musik zu Filmen wie „Iron Man“ und Serien wie „Prison Break“ komponiert. Mit der „Game Of Thrones Live Concert Experience“ gastiert er am 5. Juni 2018 im Hallenstadion Zürich.

 

"Winds Of Winter":

 

"Battle Of The Bastards":

 

Das Finale: