Viele kamen als Reisende oder der Liebe wegen, für die Geschichte, Kunst und Literatur. Für einige wurde Paris zum Exil, fern der deutschen Heimat. Und wieder andere konnten – ihren hoch gesteckten Erwartungen zum Trotz – mit der Stadt an der Seine kaum etwas anfangen. In der Zeit der großen Umbrüche mit Industrialisierung, sozialem Wandel und Urbanisierung, in der die Bevölkerung mit der neuen Eisenbahn zum Arbeiten und Wohnen in die schnell wachsenden Großstädte drängt, wird Paris zur „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, wie Walter Benjamin in seinem berühmten Essay beschreibt.

Nach der Französischen Revolution und dem Zerfall des Ancien Régime (alter Staat) verändert sich das Gesicht der Stadt, in der 1889 und 1900 Weltausstellungen stattfinden, grundlegend. Im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert will die Stadt erfahren, erlebt und erkundet werden. Man setzt sich mit der französischen Metropole auseinander, taucht in sie ein, arbeitet sich an ihr ab. Paris wird die Stadt der Liebe und der Sehnsuchtsort der Intellektuellen.

Die Stadt als attraktives Motiv

Die neue Stahlindustrie ermöglicht andere Arten von Architektur. Warenhäuser und Einkaufspassagen entstehen und Georges-Eugène Baron Haussmann entwirft mit breiten Boulevards einen neuen Stadtplan auf dem Reißbrett. Vor allem in der Literatur und in Fotografien schlägt sich das Phänomen Paris nieder. Zahlreiche Autoren widmen sich dem realen wie dem erdachten Paris, schildern ihre Eindrücke bei Tag und bei Nacht. Foto-Künstler entdecken die französische Hauptstadt und ihre mannigfaltigen optischen Reize als attraktives Motiv. Beide prägen das Bild von Paris für die Öffentlichkeit.

Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach stellt sich dieser Verschränkung von Text und Bild von 17 Schriftstellern und acht Fotografen in der Ausstellung „Die Erfindung von Paris“. Im Zentrum stehen dabei die poetischen Konzepte von Heinrich Heine, Walter Benjamin, der 1933 nach Paris ins Exil geht, Rainer Maria Rilke, Ernst Jünger, Paul Celan oder Peter Handke. Gelbe Klebestreifen auf dem Boden sollen das Straßennetz von Paris widerspiegeln, das den Besucher in die einzelnen Passagen führt, in denen jedem Autor eine eigene literarische Gangart zugeordnet ist: „Entdecken“ steht für Heine, „Spazieren“ für Franz Hessel, „Anbandeln“ für Kurt Tucholsky und „Panoramieren“ für Siegfried Kracauer, dem als Keimzelle der von Susanna Brogi und Ellen Strittmatter kuratierten Schau von den drei Räumen ein eigener gewidmet ist.

Blick in die Ausstellung: Die Linien auf dem Boden sollen das Pariser Straßennetz darstellen.
Blick in die Ausstellung: Die Linien auf dem Boden sollen das Pariser Straßennetz darstellen. | Bild: Literaturmuseum der Moderne

Anders als die literarische Erfindung des Flaneurs, der Paris mit Schreibgerät und Fotoapparat durchstreift und dabei die Lichtstimmungen der Großstadt einfängt, gelingt dies dem Besucher der Ausstellung allerdings kaum. Denn bei der Fülle von 250 Fotografien und ebenso vielen Schriftstücken wie beispielsweise Briefen, Notizen, Manuskripten, Kalendern, Tagebüchern, Skizzen und Ansichtskarten stellt sich zwischen dicht stehenden Stellwänden ein Gefühl der Enge ein – statt der Mobilität und Großzügigkeit einer Weltmetropole. Dazu stehlen die an den Wänden leichter zu rezipierenden Schwarz-Weiß-Fotografien den in ihren Vitrinen seit jeher benachteiligten handschriftlichen Zeugnissen, um die es hier in der Hauptsache gehen soll, die Schau.

Verbindungen zwischen Bild und Text lassen sich dennoch ausmachen, etwa wenn Benjamin und Kracauer miteinander auf Künstler-Postkarten des Autodidakten Yvon korrespondieren, darunter jene bekannte mit Eiffelturm und Nashorn oder den Chimären an der Fassade der Kathedrale Notre-Dame. Höchst unterschiedlich teilt sich den deutschen Dichtern bei ihren Streifzügen die Sehnsuchts-Metropole mit. Tucholsky etwa findet von Glanz „keine Spur“, wie er 1924 an Mary Gerold schreibt, ist aber vom Atem der Geschichte, der ihn hier umweht, außerordentlich beeindruckt.

Diesen Brief schrieb Kurt Tucholsky am 11. Mai 1924 an Mary Gerold, seine spätere Ehefrau.
Diesen Brief schrieb Kurt Tucholsky am 11. Mai 1924 an Mary Gerold, seine spätere Ehefrau. | Bild: Literaturmuseum der Moderne

Aus dem Geist der Stadt heraus schreibt Benjamin sein epochales Passagen-Werk und Rilke seinen Roman über Malte Laurids Brigge, während Paris für Paul Nizon zur „Stadt der hellsten Himmel“ wird. Perspektiven aus dem Fotobuch von Mario von Bucovich in der Weimarer Republik, Ansichten von Germaine Krull, die Paris in den 1920er-Jahren mit experimentellem Blick erfasst, oder des gebürtigen Wieners Georg Stefan Troller stehen den gedanklichen Äußerungen gegenüber und ergänzen sie zudem.

Einige bekannte Motive wiederholen sich in den Fotografien. Sie treffen auf individuelle Sichtweisen von Fassaden und Plätzen, wo Barbara Klemm die Belebtheit von Straßen-Cafés in den 1970er-Jahren kommentiert oder der Foto-Journalist Mirko Krizanovic eine Kundgebung für die Opfer des Anschlags auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ 2015. Auch wenn die Ausstellung bis in unsere Tage reicht – Paris vermittelt sich in Marbach als ein Bild eingefrorener Eindrücke, die der Besucher unweigerlich mit seinen eigenen Vorstellungen von einer Stadt konfrontiert, die unter den Vorzeichen des 21. Jahrhunderts gerade wieder dabei ist, sich neu aufzustellen.