Jeder, der in den späten 1970er und den 1980er Jahren auch nur gelegentlich Radio gehört hat, kennt Songs wie „Hold The Line“, „Rosanna“ und „Africa„. Die Band, die damals diese heute zeitlosen Hits produzierte, heißt Toto – und es gibt sie noch heute, zwar nicht mehr in der Originalbesetzung, aber von den Gründungsmitgliedern von 1976 sind immerhin noch Gitarrist und Sänger Steve Lukather und Keyboarder Steve Porcaro an Deck, und Sänger Joseph Williams war zwar nicht von Anfang an dabei, gehörte aber in der zweiten Hälfte der Achtziger zur Stamm-Crew.

Beachtlicher Zuspruch

Dass die zahllosen Fans von einst die Gruppe auch nach so vielen Jahren keineswegs vergessen haben, zeigte der beachtliche Publikumszuspruch auf dem Salemer Schlossplatz beim Auftritt der alten Herren: Über 5000 Fans waren gekommen, in der Mehrzahl natürlich Fifty- oder gar Sixty-Somethings, aber auch das eine oder andere junge Gesicht war zu sehen.

Gitarrist Steve Lukather in Aktion.
Gitarrist Steve Lukather in Aktion. | Bild: Jäckle, Reiner

Merkwürdig war, dass anfangs die Soundqualität recht schlecht war – da ist man in Salem wahrlich Anderes gewohnt. Im weiteren Verlauf des Konzerts bekamen die Leute am Mischpult das jedoch ganz gut in den Griff, und so konnte der eingängige, melodiöse Mainstream-Rock der Gruppe schließlich doch seine ganze Pracht entfalten.

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Für Fans von kernigeren, raueren Klängen war die Musik von Toto natürlich noch nie etwas, und in der Tat wirken manche Songs auch heute noch genauso glatt und steril wie damals in den Siebzigern und Achtzigern – auch sind stilistisch sämtliche (rock-)musikalischen Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte an dieser Band spurlos vorbeigegangen.

Präsentierten auf dem Schlossplatz in Salem zahllose Hits, die in den 1970er und 1980er Jahren die Hitparaden weltweit erobert hatten: Gitarrist Steve Lukather (links) und Sänger Joseph Williams von Toto.
Präsentierten auf dem Schlossplatz in Salem zahllose Hits, die in den 1970er und 1980er Jahren die Hitparaden weltweit erobert hatten: Gitarrist Steve Lukather (links) und Sänger Joseph Williams von Toto. | Bild: Jäckle, Reiner

Das ist jedoch keineswegs als Vorwurf zu werten: Wer die Toto-Hits in etwa so hören wollte, wie sie vor 30 Jahren klangen, kam an diesem Abend zweifellos auf seine Kosten. Und das traf wohl auf 99,9 Prozent der auf dem Schlossplatz Versammelten zu: Als die Band beispielsweise „Rosanna“ intonierte, anno 1981 ein globaler Monster-Hit, erhoben sich auch die Inhaber der zahlreichen Sitzplätze und feierten stehend ihre Lieblinge.

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Sänger Joseph Williams (Sohn des berühmten Filmmusik-Komponisten John Williams) traf bei diesem Song zwar nicht ganz die Klangfarbe seines Vorgängers Bobby Kimball, der 1984 die Band verlassen hatte, aber doch wenigstens beinahe, und Duettpartner Steve Lukather war ja damals bei der Studioaufnahme schon dabei gewesen. Letzterer war in Salem interessanterweise fast die zentralere Figur auf der Bühne.

War gut bei Stimme: Joseph Williams, Frontmann der US-Rockband Toto.
War gut bei Stimme: Joseph Williams, Frontmann der US-Rockband Toto. | Bild: Jäckle, Reiner

Mit brillanter Gitarrenarbeit machte er von Beginn an auf sich aufmerksam, und des Öfteren übernahm er auch die Lead Vocals – die von ihm gesungene Ballade „I Will Remember“ war einer der Höhepunkte des Abends. Neben seinem Engagment für Toto kann Lukather auch eine respektable Solo-Karriere vorweisen: Vor Jahren machte er einmal mit einem vorzüglichen Solo-Gig im Winterthurer Salzhaus von sich reden.

Bizarre Atmosphäre

Überhaupt waren diejenigen Momente, in denen die Musiker von Toto sich eben nicht nicht als gut geölte, professionell agierende Hit-Maschine präsentierten, die spannenderen: Im letzten Drittel des Konzerts gaben sie ein längeres Exzerpt ihres Soundtracks für den David Lynch-Streifen „Dune“ zum Besten – ein durchaus mutiges Unterfangen, denn diese (erste) Verfilmung des gleichnamigen Science Fiction-Klassikers von Frank Herbert entpuppte sich damals (1984) als einer der größten kommerziellen Flops der Kinogeschichte.

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Die bizarre Atmosphäre der literarischen Vorlage hatten Toto seinerzeit kongenial musikalisch untermalt – und dies, wenigstens für ein paar Minuten, einmal live zu hören, hatte schon etwas. Der junge Musiker Dominique Taplin, der sich ansonsten mit Toto-Gründungsmitglied Steve Porcaro die Keyboards teilte, hatte hier Gelegenheit, seine instrumentalen Fingerfertigkeiten zu demonstrieren, und er nutzte dies auch ausgiebig und lieferte sich faszinierende Duelle mit Gitarrist Lukather.

4300 Fans waren zum Konzert gekommen.
4300 Fans waren zum Konzert gekommen. | Bild: Jäckle, Reiner

Und ein besonderer Augenblick war es natürlich auch, als Lukather „While My Guitar Gently Weeps“ intonierte, eine Coverversion des berühmten Beatles-Klassikers, geschrieben von George Harrison. Als Toto diesen Song aufnahmen (2002), für das Album „Through The Looking Glass“, war Harrison kurz zuvor an Krebs gestorben, und Lukather nutzte auch in Salem die Gelegenheit, den Toten zu würdigen – eine schöne und ergreifende Geste. Dass der Toto-Mann ein exzellenter Gitarrist ist, wusste man ja schon vorher, aber sein Schluss-Solo bei diesem Song übertraf noch einmal alle Erwartungen – und erntete natürlich stürmischen Beifall, völlig zu Recht.

In die 80er-Jahre versetzt

Mit einer extrem ausgedehnten Version von „Africa„, ihrem größten Hit, beendeten die Musiker den regulären Set des Konzerts, und unwillkürlich fühlte man sich in die beginnenden 1980er Jahre versetzt – so omnipräsent war damals dieser Song im Radio gewesen. Das Publikum goutierte es mit heller Begeisterung – so wild geht es auf dem altehrwürdigen Salemer Schlossplatz wohl selten zu. Bei vielen, die gekommen waren, hat Rockmusik vielleicht nicht mehr so ganz den Stellenwert, den sie früher hatte, aber natürlich ist ein legitimes Anliegen, nostalgische Bedürfnisse aller Art zu befriedigen, und diesem Zweck diente dieses Konzert auf geradezu exemplarische Weise.

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Stilistisch mögen heute ganz andere Sounds die populärmusikalische Szene beherrschen – vor 30 oder 40 Jahren waren es eben Toto mit ihrer Musik und all die anderen Bands, die nach langer Pause heute wieder auf Tour gehen (und oft auch auf Tour gehen müssen, weil die CD-Verkäufe oft kaum noch nennenswerte Beträge abwerfen). Schlecht müssen die Gigs dieser Dinosaurier deshalb nicht sein – und sind es auch nicht.