Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz hat eine neue Intendantin. Der Gemeinderat hat gestern Insa Pijanka zur Nachfolgerin von Beat Fehlmann gewählt, der Konstanz zum Ende der Spielzeit Richtung Ludwigshafen verlässt und Intendant der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz wird. Pijanka tritt ihr neues Amt am 1. Januar 2019 an. Die 1974 in Mannheim geborene Kulturmanagerin ist aktuell als Orchesterdirektorin am Staatstheater Kassel beschäftigt. Seit ihrem Amtsantritt 2011 hat sie sich dort insbesondere für Crossover-Produktionen und Konzert-Einführungen stark gemacht.

Darüber hinaus managt sie das Orchester, organisiert beispielsweise Vertretungen und ist auch zusammen mit dem Generalmusikdirektor an der Gestaltung der Konzertprogramme beteiligt. Das Staatsorchester Kassel ist ein A-Orchester und damit größer als die Südwestdeutsche Philharmonie.

Klangkörper Südwestdeutsche Philharmonie / the Body of Southwest German Philharmonic Orchestra
Der Klangkörper Südwestdeutsche Philharmonie. | Bild: Archiv

Pijanka hat in Mannheim und London Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie studiert. Anders als ihre Vorgänger Christian Lorenz, Florian Riem und Beat Fehlmann ist sie also keine studierte Musikerin. Klavierunterricht erhielt Pijanka aber bereits mit vier Jahren, als sie 14 Jahre alt war, begann sie auch mit dem Singen. Mit Orchestermusik kam sie am Mannheimer Theater in Berührung, als ihre Klavierlehrerin sie in den Kinderchor der Oper vermittelte. Über ein Praktikum gelangte sie später in den Organisationsbereich: Am Staatsorchester Mannheim verantwortete sie die Dramaturgie, Pressearbeit und Organisation. Nach Kassel wechselte sie bereits 2002, zunächst in Funktion als Konzertdramaturgin und Orchester-Inspektorin.

Als Orchesterdirektorin stand Insa Pijanka immer wieder selbst auf der Bühne, sowohl bei Einführungen als auch in der Rolle der Moderatorin bei Gala-Programmen und Open-Air-Veranstaltungen. „Das Thema Musik-Vermittlung ist in den letzten Jahren wichtiger geworden“, erklärte sie kürzlich in einem Interview. Es gehe nicht mehr nur darum, Texte für Ankündigungen und Programmhefte zu schreiben. Vielmehr gebe man als Orchesterdirektorin auch selbst Einführungen und versuche, das Publikum für die Musik zu gewinnen. In Kassel schätzt man Insa Pijanka wegen ihrer offenen, lebhaften und kommunikativen Art. Sie sei jemand, die nicht einfach vom Büro aus ihre Arbeit macht, sondern die auch hinaus geht und den Kontakt zu den Menschen sucht, heißt es dort.

Projekt-Titel wie „Abba“, „Queen“, „Swing“ und „Disco“ stehen exemplarisch für ihre Vorstellungen einer auf Vielfalt ausgerichteten Programm-Gestaltung. Dass das Kasseler Orchester Barockmusik ebenso spielt wie Swing oder eine Wagner-Oper, versteht sie als Bereicherung ihres Berufs. Allerdings verwahrt sich Pijanka gegen den Vorwurf einer Anbiederung an den Massengeschmack. Sie sei ein „bekennender Feind von ‚Pop Meets Classic’-Abenden“, sagte sie einmal. Motivation der in Kassel begründeten Ausflüge in andere Genres sei vielmehr gewesen, einem breiteren Publikum zu zeigen, dass live gemachte Musik etwas Tolles ist. Wie auch immer: Mit dieser Spannbreite könnte sie in Konstanz auf dem Erbe ihres Vorgängers aufbauen. Fehlmann hat in den vergangenen Jahren neue Formate und auch Spielstätten etabliert. In der klassischen Orchester-Literatur pflegt Pijanka eine Affinität zur russischen Musik. Insbesondere das Werk Dmitri Schostakowitschs bedeutet ihr viel – vielleicht ein erster Hinweis auf kommende Schwerpunkte.

In Konstanz erwartet die neue Intendantin ein bestelltes Feld, Fehlmann hinterlässt große Fußstapfen. Zuletzt erzielte das Orchester einen Überschuss, die Auslastung lag bei 96 Prozent. Die Südwestdeutsche Philharmonie kommt in den Genuss eines vom Deutschen Bundestag beschlossenen Exzellenz-Förderprogramms. Die daraus entstandenen Projekte sind bereits geplant. Ein altbekanntes Ärgernis freilich bleibt das Fehlen eines angemessenen Konzerthauses: Erreicht Insa Pijanka in dieser Frage einen erkennbaren Fortschritt, könnte sie aus dem Schatten ihres Vorgängers heraustreten.

 

Die bisherigen Intendanten der Philharmonie und was aus ihnen wurde

  • Peter Conzelmann (1992 bis 2002): Streng genommen war der gebürtige Stuttgarter gar nicht Intendant. Diesen Titel gab es damals noch nicht. Er nannte sich schlicht Geschäftsführer. Zuvor arbeitete er als Werbe- und Betriebsbüroleiter am Stadttheater Konstanz. Mit 35 Jahren kam er zur Philharmonie und blieb 20 Jahre. Danach wechselte er zum Württembergischen Kammerorchester. Seit 2006 ist Conzelmann Kultur-amtsleiter in Böblingen. 

    Peter Conzelmann | Bild: Archiv
  • Christian Lorenz (2003 bis 2008): Er trug als erster den Titel Intendant. Er hatte Schulmusik, Dirigieren und Kulturmanagement studiert. Mit 42 Jahren kam er zur Philharmonie. 2008 wechselte er an die Internationale Bachakademie Stuttgart, wurde dort allerdings Opfer eines internen Streits um die Nachfolge des Leiters Helmut Rilling und blieb nur bis 2013. Seit 2017 ist er künstlerischer Geschäftsführer der Beethoven-Jubiläums-Gesellschaft in Bonn.

    Christian Lorenz | Bild: Archiv
  • Florian Riem (2008 bis 2012): An ihn erinnert man sich in Konstanz nicht so gerne, weil er ein riesiges Defizit im Philharmonie-Etat hinterließ. 1968 in München geboren, hatte Riem Musik studiert und als Kulturmanager für Gidon Kremer und für das japanische Orchestra Ensemble Kanazawa gearbeitet, bevor er nach Konstanz kam. Inzwischen ist er wieder in Asien tätig. Seit 2014 ist er Chef der südkoreanischen Tongyeong International Music Foundation (TIMF).

    Florian Riem | Bild: Archiv
  • Madeleine Häusler (September 2012 – September 2013): Sie kam ausdrücklich als Interims-Intendantin zur Philharmonie und brachte Erfahrungen als Geschäftsführerin des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt und als Musikdramaturgin des Staatstheaters Wiesbaden mit. Sie stellte sich auch als Intendantin zur Wahl im Gemeinderat, unterlag dort aber Beat Fehlmann. Häusler ist heute Kulturreferentin im Augustinum Bad Neuenahr.

    Madeleine Häusler | Bild: Archiv