So viele Köpfe! Wo kommen die nur alle her? Ganz einfach. Der Bodensee-Raum rühmt sich ja heute schon, eine „Vierländerregion“ zu sein. Dabei ist das noch reichlich geschönt: Das Fürstentum Liechtenstein liegt rund 50 Kilometer vom See entfernt. In Zeiten des Absolutismus allerdings wäre der Verweis auf vier Länder eine glatte Untertreibung gewesen. Es gab das Herzogtum Baden, das Königreich Bayern, das Königreich Württemberg, das Fürstbistum Konstanz, das Fürstbistum St. Gallen, Reichsstädte wie Überlingen und Ravensburg – kein Wunder also, dass bei so viel Hochadel am See auch die Porträt-Malerei florierte.

Werke aus vier Jahrhunderten

Das Konstanzer Rosgartenmuseum zeigt in einer sehenswerten Ausstellung Werke aus vier Jahrhunderten. Die Exponate erzählen von Bischöfen, Herzögen und reichen Patriziern. Sie erzählen aber vor allem auch von denen, die in der Ausstellung gar nicht zu sehen sind: Porträt-Maler, die sich mit ihrer Arbeit anfangs als bloße Dienstleister verstanden, später aber zu Virtuosen in der Vermittlung politischer Absichten wurden und sogar auch eigene Überzeugungen auf die Leinwand brachten.

Eine Ansammlung von Macht-und Standessymbolen: Porträt der Äbtissin Gertrud von Münsterlingen (1762).
Eine Ansammlung von Macht-und Standessymbolen: Porträt der Äbtissin Gertrud von Münsterlingen (1762). | Bild: Rosgartenmuseum

Am Porträt der Äbtissin Gertrud von Münsterlingen (1762) lässt sich das klassische Prinzip der Porträt-Malerei noch gut erkennen. Ordenstracht, Krummstab und das juwelenbesetzte Kreuz geben ebenso Auskunft über ihren Rang wie ein aufgeschlagenes Buch: Auf ihm sind auf Lateinisch die ersten Zeilen der Benedikts-Regel zu lesen. Alles ist genauso gemeint, wie es gezeigt wird, jedes Insignium der Macht und jedes Symbol der Tugendhaftigkeit.

Herausfordernder Blick: Emma Herwegh in einem Porträt von Friederike Miethe (1838).
Herausfordernder Blick: Emma Herwegh in einem Porträt von Friederike Miethe (1838). | Bild: Dichter- und Stadtmuseum Liestal

Das sieht bei Emma Herwegh schon anders aus. Die Ehefrau des Dichters und Vormärz-Aktivisten Georg Herwegh mutet in Friederike Miethes Porträt aus dem Jahr 1838 für eine Revolutionärin zunächst erstaunlich bieder an in ihrem blauen Kleid mit adretter Kurzhaar-Frisur und Ohrgehänge. Wäre da nicht die Körperhaltung und Blickrichtung. Ihrem Betrachter nämlich schaut sie frontal und direkt in die Augen, als wollte sie ihn zu einem Rededuell herausfordern. In ihrer Hand hält sie ein aufgeschlagenes Buch: Diese Frau ist belesen, versteht was von Politik. Kein Wunder, dass die Preußen nach ihrer Niederschlagung der Bewegung solche Bilder auf die Verbotsliste setzten.

Mit der Romantik kamen plötzlich liebevolle Gesten auf die Leinwand – wie hier beim Konstanzer Ehepaar von Schach, gemalt um 1824 von Friedrich Mosbrugger.
Mit der Romantik kamen plötzlich liebevolle Gesten auf die Leinwand – wie hier beim Konstanzer Ehepaar von Schach, gemalt um 1824 von Friedrich Mosbrugger. | Bild: Rosgartenmuseum

Und auch das kommt mit den revolutionären Umtrieben: Liebe. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wahrten Mann und Frau meist züchtigen Abstand. Nun aber sieht man sie einander zugewandt, händchenhaltend oder sogar – wie beim Doppelbildnis des Konstanzer Ehepaars Josephine und Judas Thaddäus von Schach – in trauter Umarmung. Friedrich Mosbrugger, der die Szene um 1824 malte, reagierte auf die Romantik mit ihrem Ideal der Liebesheirat. Ob er auch andeuten wollte, dass die umarmende Frau in dieser Beziehung den Ton angab, wie Museums-Chef Tobias Engelsing meint, sei dahingestellt.

Großherzog Friedrich I von Baden.
Großherzog Friedrich I von Baden. | Bild: Annette Weiske

Der Großherzog Friedrich I. von Baden hegte nicht nur Sympathien für viele Forderungen der Vormärz-Bewegung. Er hatte auch gelernt, wie die Inszenierung eines Porträts über die gesellschaftliche Akzeptanz eines Politikers entscheiden kann. Für den Maler Otto Propheter hängt er sich die Generalsuniform nur lässig über die Schultern. Unter dem offen gelassenen Mantel kommt eine zivile Weste zum Vorschein. Statt abgehoben in die Ferne zu blicken oder seine Augen wie Emma Herwegh herausfordernd auf den Betracht zu richten, neigt er demütig das Haupt. Das hat neben der Betonung von Volksnähe einen weiteren Vorteil. Das Sonnenlicht fällt so nämlich – nur scheinbar zufällig – direkt auf die Stirn: Der bescheidene Herrscher ist zugleich auch ein Erleuchteter.

1942 porträtiert Bo Beskow den schwedischen Prinzen Wilhelm als lässigen Bonvivant.
1942 porträtiert Bo Beskow den schwedischen Prinzen Wilhelm als lässigen Bonvivant. | Bild: Lennart-Bernadotte-Stiftung

Adels-Leute haben nach französischer und Vormärz-Revolution gelernt, Abstand zu nehmen von Prunk und Pomp. Schwedens Prinz Wilhelm zeigt sich gegenüber Bo Beskow 1942 ganz lässig mit übereinander geschlagenen Beinen und Zigarette in der Hand bei der Lektüre eines Schriftstücks. Im Hintergrund ist nicht der Bodensee zu sehen, sondern eine schwedische Landschaft. Dabei war der Prinz oft auf der Mainau zu Gast, die er 1932 seinem Vater abgekauft hatte. So wie er sich zeigt, war er auch am See geschätzt: als volksnaher Mann mit besonderer Vorliebe für die örtlichen Fasnachts-Bräuche.

Eine Karikatur

Deutlich schlechter wegkommen lässt Otto Dix 1953 den Dichter und Hitler-Verehrer Wilhelm von Scholz. Mag es auf den ersten Blick erstaunlich erscheinen, wie sich ein von den Nazis geächteter Künstler wie Dix acht Jahre nach Kriegsende noch auf einen solchen Auftrag einlassen konnte, so legt diese Verwunderung bei näherer Betrachtung von selbst. Denn statt eines feinsinnigen Poeten ist hier ein schlecht gelaunter, dickleibiger Dichterfürst zu sehen. Sein übertrieben pathetischer Blick schweift in die Ferne, die linke Hand klammert sich an einen mehr albernen denn Ehrfurcht gebietenden Thron. Leicht befremdet schaut auch noch sein Hund um die Ecke. Das vermeintliche Genie: Es erweist sich als Karikatur seiner selbst.

Dann kam die Fotografie

Die Porträt-Malerei hat sich über die Jahrhunderte erkennbar verändert. Mal waren die Auslöser politischer, mal technischer Natur: Mit Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts blieb Künstlern gar nichts anderes übrig, als sich vom Ideal möglichst detailgetreuer Abbildung zu verabschieden. Und wer heute noch in möglichst vorteilhaftem Licht erscheinen will, braucht weder Maler noch Fotografen: Es genügt ein Griff zum Smartphone.