Weil Regisseure seit Jahrzehnten als die eigentlichen Schöpfer eines Filmwerks gelten, wird die Leistung der Drehbuchautoren hierzulande kaum wahrgenommen. Deshalb verlangen sie in der Resolution „Kontrakt 18“ größeren Einfluss auf Filme und Serien. Die Petition enthält unter anderem die Forderung nach einem Mitspracherecht bei der Auswahl Regisseurs. Die Aktion ist eine Art Aufschrei.

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Drehbuchautorin Kristin Derfler ist Mitinitiatorin von Kontrakt 18. | Bild: privat

Kristin Derfler zum Beispiel, die Kontrakt 18 maßgeblich mitinitiiert hat, musste 2017 feststellen, dass aus ihrer Vorlage zum Zweiteiler „Brüder“ (SWR) gerade im zweiten Teil ein völlig anderer Film geworden war. Dennoch versichert sie, es gehe nicht darum, Gräben auszuheben.

Debatte hat scharfe Züge

Allerdings hat die Debatte mittlerweile scharfe Züge angenommen. Die Autorin vermutet, einige Regisseure fühlten sich durch die Forderungen persönlich provoziert: „Für die bleiben wir die Sherpas, die lediglich das Gepäck den Berg hoch tragen.“ Auch die in Ravensburg lebende Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön („Frau Böhm sagt nein“), eine der Erstunterzeichnerinnen, beteuert, Kontrakt 18 sei „keine Kampfansage an die Regie“.

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Regisseur Miguel Alexandre bei Dreharbeiten. | Bild: Marion von der Mehden

Genau darum scheint es jedoch im Hintergrund zu gehen. Ein Autor, der nicht genannt werden möchte, bezeichnet den Umgang mit seinesgleichen durch Redakteure, Produzenten und Regisseure als „sehr übel, sehr herablassend, sehr verletzend, sehr abschätzig“. Es fallen einige konkrete Namen, die sich allesamt im öffentlich-rechtlichen Umfeld bewegen.

Positives Echo

Trotzdem ist das Echo von ARD und ZDF auf Kontrakt 18 zunächst positiv. NDR-Fernsehfilmchef Christian Granderath zum Beispiel sagt: „Drehbücher und Autoren sind bei der Herstellung von Filmen nicht Alles, aber ohne sie ist alles Nichts.“ Heike Hempel, stellvertretende Programmdirektorin des ZDF, bezeichnet die Autoren als „unser höchstes Gut“ und verweist exemplarisch auf die Dreiteiler „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“, bei denen Annette Hess auf Augenhöhe mit Regisseur Sven Bohse zusammengearbeitet habe.

Interessant werden die Aussagen, wenn das Aber folgt. Natürlich lasse sich das „Ku'damm“-Modell nicht auf alle Formate übertragen, stellt Hempel fest, und Barbara Buhl, Leiterin der WDR-Programmgruppe Film, Kino und Serie, verweist auf die Diskrepanz zwischen Ideal und Alltag. Im Idealfall „haben Autoren Zeit, während der Dreharbeiten nachts Dialoge umzuschreiben oder Szenen zu kürzen“, doch tatsächlich seien sie dann meist mit neuen Aufträgen beschäftigt.

Im schlimmsten Fall kommt es schon vorher zur Trennung, weil sich, so Granderath, „Differenzen über inhaltliche, künstlerische, ökonomische, zeitliche Abläufe“ ergäben: „ein von allen Seiten gefürchteter, immer unangenehmer und nie erhoffter Fall, denn dadurch entstehen Mehrkosten, Konflikte, Ärger, Zeitverluste.“

"Film funktioniert als Verabredung"

Weil diese Mehrkosten vor allem die Produktionsfirmen betreffen, glaubt Buhl, dass sich Kontrakt 18 in erster Linie an die Produzenten richte. Deren Status ist heute jedoch ein ganz anderer als zu jenen Zeiten, da schillernde Persönlichkeiten gern davon schwadronierten, Film sei Krieg. Diese Haltung, sagt Benjamin Benedict („Ku’damm 56/59“) von der UFA, sei „das exakte Gegenteil dessen, woran ich glaube.“ Kluger Austausch sei der beste Weg, um exzellente Ergebnisse zu erzielen: „Film funktioniert nur als gemeinschaftliche Verabredung, bei der es nicht darauf ankommt, dass jemand das letzte Wort hat.“

Dieses letzte Wort spielt jedoch gerade für die Regisseure eine große Rolle. Grimme-Preisträger Miguel Alexandre („Grüße aus Kaschmir“) versichert zwar, er würde ein Drehbuch niemals gegen den Willen eines Autors umgestalten, aber jede Solidarität habe ihre Grenzen. Film sei die einzige Kunstform, die viele andere in sich vereinige, „Literatur, Schauspiel, Fotografie und Musik“, aber letztlich sei es die Montage, die den Film überhaupt erst zu einer eigenständigen Kunstform gemacht habe; und die sei Sache des Regisseurs.

Stillschweigendes Übereinkommen?

Regiekollege Kilian Riedhof („Homevideo“, „Gladbeck“) hat zudem bei vielen Drehbüchern den Eindruck, den Autoren gehe „im Laufe einer oft mühseligen Entwicklung der letzte Wille verloren, das Buch auf den Punkt zu bringen.“ Anscheinend gebe es „ein stillschweigendes Übereinkommen, dass die Regisseure ohnehin ‚ihr Ding’ machen.“ Für ihn schimmere bei Kontrakt 18 „eine aufgestaute Wut durch, die sich gegen Regisseure richtet.“

Deshalb tue er sich auch schwer mit dem Wunsch der Autoren, bei der Auswahl des Regisseurs mitsprechen zu dürfen. „Hier schwingt etwas mit, das mir nicht gefällt: 'Ihr habt uns so lange die Drehbücher weggenommen, jetzt bestimmen wir mal, ob ihr überhaupt mit uns arbeiten dürft.'“

Nach Ansicht von Stephan Wagner, dreifacher Grimme-Preisträger („Der Fall Jakob von Metzler“) und Vorstandsmitglied im Bundesverband Regie (BVR), werden Regisseure ohnehin immer gegängelt: „von Produzenten, die Geld sparen wollen; von Redakteuren, denen der Mut zur Vision fehlt; und von einer Autorenschaft, die oft nicht mit dem Wissen um die beste Umsetzung eines Stoffs vertraut ist.“

Einige Autoren seien sich zudem nicht im Klaren darüber, welche Konsequenzen ihre Worte für Produktion und Regie hätten. „Zugespitzt formuliert: 'Rom brennt' ist schnell geschrieben, aber schwer umgesetzt.“ Wagner will vermeiden, dass die kreativen Kräfte gegeneinander ausgespielt würden, fürchtet jedoch, dass sich die Diskussion am Ende kontraproduktiv auswirke: „Schon jetzt geht es im deutschen Fernsehen nicht um das bestmögliche Produkt, sondern um das 'windschnittigste'.“