Die Frage „Wie geht's?“ an Isabel Allende ist keine Einstiegsfloskel. Sondern ein Erkunden nach dem Wohlbefinden. „Wie's mir geht?“, fragt Allende erstaunt zurück. „Es geht mir gut.” Als die Chilenin, eine der bekanntesten lateinamerikanischen Autorinnen der Welt, vor zwei Jahren mit der deutschsprachigen Presse sprach, wirkte sie düster-traurig. Isabel Allende hatte sich von ihrem Mann Willy Gordon getrennt, mit dem sie 28 Jahre verheiratet gewesen war. "Ich habe ihn sehr geliebt“, sagt Allende. „Aber die Ehe hat angefangen, sich zu zersetzen.“

Inzwischen hat sie die Promotour für ihr Buch „Ein unvergänglicher Sommer” (Suhrkamp), das inzwischen 22. Werk seit ihrem Welterfolg „Das Geisterhaus“ (1982), absolviert und hat sich wieder zum Schreiben zurückgezogen. Isabel Allende, die seit 40 Jahren in den USA lebt, hat als Schriftstellerin Rituale entwickelt, zu denen gehört, dass sie all ihre Bücher an einem 8. Januar beginnt – am Todestag ihres Großvaters, dem sie damals einen Brief geschrieben hatte, aus dem „Das Geisterhaus“ entstand. Auch am 8. Januar 2018 hat sie wieder ein Buch begonnen "Ein unvergänglicher Sommer."

Es beginnt mit einem Zitat von Albert Camus: „Au milieu de l'hiver j‘apprenais enfin qu'il y avait en moi un été invincible.“ (In den Tiefen des Winters erfuhr ich schließlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt.) Das Buch ist Roger Cukras gewidmet, der inmitten dieses Winters auf geradezu wundersame Weise in ihrem Leben erschienen ist. Nachdem sie sich getrennt hatte, zog sich Allende in ein kleines Haus in Kalifornien zurück. Ein Herr aus New York hörte sie in seinem Autoradio und begann, ihr E-Mails an die Büroadresse zu schreiben. Die dritte E-Mail beantwortete nicht mehr die Assistentin, sondern Isabel Allende selbst, auch weil die Nachricht zusammen mit einem Blumenstrauß kam. Fünf Monate später nutzte Allende eine Geschäftsreise, um ihren Verehrer persönlich kennenzulernen. Isabel Allende hat sich mit 73 Jahren noch scheiden lassen, mit 75 hat sie sich noch einmal verliebt. Und es fühlt sich an wie mit 25. „Wir werden sehen, wie das mit mir und dem Schreiben zusammen passt", sagt sie. "Aber es gibt mir viel Energie und Inspiration. Alles wird gut gehen.“

Allende hat, so erfolgreich sie mit mehr als 50 Millionen verkauften Exemplaren in ihrem Berufsleben ist, in ihrem Privat- und Familienleben schon viel durchgemacht. Chiles Präsident Salvador Allende, ein Cousin ihres Vaters, kam beim Putsch Augusto Pinochets 1973 ums Leben. Sie selbst, damals engagierte Journalistin und Frauenrechtlerin, ist kurz darauf ins Exil nach Venezuela gegangen; sie ist zweimal geschieden – und ihre Tochter Paula ist gestorben. Allende hat darüber eines ihrer persönlichsten und auch eines ihrer beliebtesten Bücher geschrieben. Es schreit geradezu „Paula“, auf jeder Seite, in jedem Satz. „Hätte ich das Buch nicht geschrieben, hätte ich bis heute einen Knoten im Hals.“ Schreibend löst Isabel Allende persönliche Probleme. „In 'Ein unvergänglicher Sommer' habe ich auch über mich geschrieben. Den Schmerz, den ich hatte, nachdem ich mich habe scheiden lassen. Zum ersten Mal in meinem Leben alleine zu sein.“

Worum es in ihrem nächsten Buch geht, möchte sie noch nicht sagen, auch da ist sie etwas abergläubisch. „Ich spreche erst über das, was ich schreibe, wenn es fertig ist.“ Nur so viel: Eine Idee für die Zeit und den Ort, an dem das Buch spielt, hat sie schon. Am 7. Januar hat Isabel Allende Material für das vorherige Buch, Briefe und alles andere, was nicht mit dem Buch zu tun hat, das sie nun schreibt, aus dem Dachgeschoss geräumt, um dann am 8. Januar frisch anzufangen. In anderen Kulturen ist es Brauch, das Haus oder die Wohnung am 30. Dezember aufzuräumen, auszuräuchern. Auf die Frage, ob sie dann zweimal Neujahr hätte, sagt Isabel Allende: „Nein, ich habe nur ein Neujahr. Das ist der 8. Januar. Mein Jahr geht vom 8. Januar bis zum 8. Januar.“

Mit Leiche im Kofferraum in den Sommer

Isabel Allendes Roman
„Ein unvergänglicher Sommer“ erscheint heute
in deutscher Übersetzung (Suhrkamp. 350 Seiten. 24,95 Euro).


Verkehrskontrollen und Staus sind unangenehm, wenn man eine Leiche im Kofferraum hat. Aber manchmal kann man sich seine Fracht nicht aussuchen. Richard Bowmaster (60) ist sowieso ein Fatalist. Lucía Maraz (62) kommt aus Chile und die jüngere Evelyn Ortega aus Guatemala. Alle drei haben in ihren Leben schon viel durchgemacht. Sei’s drum, im Kofferraum liegt die tote Fitnesstrainerin Kathryn Brown, und die muss weg, damit der Verdacht nicht auf Evelyn fällt.

Weil sie alle drei so richtig nach dem Gusto ihrer Erfinderin Isabel Allende sind, ist man durchweg guter Hoffnung, wenn man ihre Eskapaden lesend mitvollzieht. Die Dinge passieren, damit sie zum Guten gewendet werden können. Und es hat einem Plot noch nie geschadet, wenn er ein paar Krimielemente enthält.

Wie stets geht irgendwann auch das unbedingte Gutmenschentum mit Allende durch. Dann wird dialogsatt der Trivialkatechismus abgearbeitet. Das sind Heimatverlust, Flüchtlingskrise, Menschenhandel, Trump und die Hispanics, Kindstod, Migrantengeschichten, eine Spur Esoterik, Transgender und Frauenrecht. Bei so viel thematischer Last auf den Schultern und noch mehr südamerikanischem Temperament darf dann schon mal übers Ziel hinausgeschossen werden.

„Ihre Auseinandersetzungen währten kurz, und die Versöhnungen füllten Tage und Nächte.“ Die Rede ist von Lucía und Richard, seit Evelyn mit der Leiche in deren Leben gefahren ist und ohne es zu wissen zum Beziehungskatalysator wurde. Er ist Lucías Chef an der Universität, ein Professor mit vier Katzen, leicht verlottertem Charme, zwei Ehrenämtern und sexueller Enthaltsamkeit, mit dem sie durchaus was zum Laufen bringen möchte. Und selbst wenn im Motel die Flöhe beißen, ist da „dieses warme Gefühl von Glück“. Die Vokabeln „Vorabendserie“ und „Küchenpsychologie“ verwendet Allende selbst – und hat ihre Kritiker damit bereits rechts überholt. (us)