Wer so intensiv gelebt hat wie Tomi Ungerer, wer die Welt bereist hat, mehrmals neu anfing, verschiedenste Kunstformen ausprobierte und dahinter stets dieselbe ironisch-lebensbejahende Philosophie stellte – für den mag das Sterbenmüssen nur eine neue Etappe darstellen. So schilderte er es jedenfalls selbst 2016 in einem Interview.

"Tod ist wie Grenzkontrolleur"

„Der Tod ist ein Ereignis wie die anderen auch“, sagte Ungerer der Zeitung „Le Monde“. „Ich sehe ihn wie einen Grenzkontrolleur: Man kann davor stehen, ohne zu wissen, was uns auf der anderen Seite erwartet. Wer weiß, es wird vielleicht ein riesiger Regenbogen sein.“

Dreimal verheiratet

An diesem unbekannten Ort befindet sich der französische Zeichner, Illustrator und Autor nun, der in der Nacht zu Samstag im Haus seiner Tochter im irischen Cork gestorben ist. Und der in seine 87 Jahre Leben so viel gepackt hat – er lebte ein „Märchen, mit all seinen Monstern“, wie er es mit der für ihn so typischen Ambivalenz ausdrückte.

Diese Leiter mit Beinfreiheit steuerte er 2010 zu einer Schau in Schwäbisch Hall bei.
Diese Leiter mit Beinfreiheit steuerte er 2010 zu einer Schau in Schwäbisch Hall bei. | Bild: Uwe Anspach

Dreimal heiratete er, war Vater von vier Kindern, überstand in den vergangenen Jahren drei Herzinfarkte und eine Krebserkrankung. Angesichts seines umfang- und facettenreichen Werks würdigten ihn seine Freunde und Kollegen nun als „Universalgenie“, Präsident Emmanuel Macron würdigte ihn als Mann, der immer „die Fantasie, den Humor, die Zärtlichkeit und die Frechheit hochhielt“. Ungerers Federstrich war so feinfühlig wie provozierend, so politisch wie philosophisch und oftmals von seinen eigenen, persönlichen Erfahrungen geprägt.

Mit drei Jahren den Vater verloren

Er setzte sich gegen Rassismus und für die deutsch-französische Verständigung ein, war ein großer Kinderbuchautor mit Werken wie „Die drei Räuber“ und „Der Mondmann“, schuf zugleich explizite erotische Zeichnungen wie im „Kamasutra der Frösche“. In Deutschland besonders bekannt ist „Das große Liederbuch“, eine illustrierte Sammlung von Volks- und Kinderliedern. Mehr als 40 000 Zeichnungen hat der unermüdlich arbeitende Ungerer angefertigt, über 150 Bücher veröffentlicht, hinzu kommen Plakate, Lithographien, Skulpturen, zuletzt viele Collagen. Ein Teil seines Werks, das er Straßburg überlassen hat, ist in dem 2007 dort eröffneten Tomi-Ungerer-Museum zu sehen.

Der Stadt Baden-Baden widmete er 1999 ein Bild von wahrhaftiger Badefreude.
Der Stadt Baden-Baden widmete er 1999 ein Bild von wahrhaftiger Badefreude. | Bild: Rolf Haid

Hier, wo inzwischen auch eine Tram-Station nach ihm benannt ist, wurde Jean-Thomas, kurz „Tomi“, 1931 als jüngstes Kind einer angesehenen Uhrmacherfamilie geboren. Im Alter von dreieinhalb Jahren verlor er seinen Vater Théodore, Ingenieur in der Uhrenherstellung, Historiker und Künstler, dem er das Buch „Vom Vater zum Sohn“ gewidmet hat. Ein zweites Trauma erfolgte, als die Nazis das Elsass besetzten und verboten, in der Schule Französisch zu sprechen, wo Jean-Thomas zeitweise zu „Hans“ wurde. Er rächte sich heimlich mit boshaften Hitler-Karikaturen, bediente sich an der Illustrations-Ästhetik der Nazis, um deren Faschismus mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen.

In Amerika eine Persona non grata

Nach Kriegsende ging die Gängelung weiter, als wiederum die Franzosen nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch den elsässischen Dialekt untersagten. Ein Lehrer habe ihm geraten, seinen Akzent loszuwerden, wenn er etwas in Richtung Literatur machen wollte, erinnerte sich Ungerer, der dieses Vorgehen als „kulturelles Verbrechen“ bezeichnet hat. Er wisse, wie man sich als Minderheit fühle, sagte er einmal – vielleicht stellte er deshalb in seinen Kinderbüchern verpönte Tiere wie die Schlange oder den Geier gern positiv dar: „Indem ich sie rehabilitiere, rehabilitierte ich mich selbst, als hätten auch dieses Tiere den elsässischen Akzent.“

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Dass er wegen des Kriegs nie das Abitur machte, hinterließ einen Komplex, der ihn perfektionistisch werden ließ, gab Ungerer zu. Als junger Mann reiste er zunächst herum und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er mit 24 und angeblich „nur 60 Dollar und einem Zeichenblock in der Tasche“ in die USA ging. Schnell hatte er Erfolg, renommierte Blätter wie „Harper's Magazine“ und das „New York Times Magazine“ druckten seine Zeichnungen. Ab Ungerers erstem Kinderbuch „Die Mellops gehen fliegen“ reüssierte er auch in diesem Bereich.

Arbeit für die Werbeindustrie

Er arbeitete für die Werbeindustrie, nahm aber auch politisch Stellung mit Plakaten gegen den Vietnam-Krieg oder gegen die Rassentrennung. Die New Yorker Intellektuellenszene, der er selbst angehörte, veräppelte er in der Gesellschaftssatire „The Party“.

Mit Amerika verscherzt

Völlig verscherzte er es sich dann in Amerika mit der Veröffentlichung des pornographischen Buchs „Fornicon“ und seiner zornigen Reaktion auf die bigotte Entrüstung in einer Konferenz: „Wenn die Leute nicht ficken würden, gäbe es gar keine Kinder!“ Er wurde Persona non grata – und stolz darauf, wie er versicherte –, aus den Bibliotheken verbannt, ging zunächst nach Kanada und 1976 nach Irland, wo er sich eben seiner Kunst dem Züchten von Schafen und Ziegen widmete.