Was für ein Spektakel! Sechzig Jahre hat Goethe an zwei langen Schauspielabenden über das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Gut und Böse nachgedacht, unzählige Künstler haben sich an den „Faust“-Dramen abgearbeitet. 1868 hat Arrigo Boito, den man heute vor allem als Librettist von Verdis letzten Opern „Otello“ und „Falstaff“ kennt, bekannt wurde, „Faust I“ und „Faust II“ zu einem gigantischen Musiktheater verschmolzen, das zwischen allen Stühlen und Stilen sitzt, und an der Staatsoper Stuttgart hat Àlex Ollé von der katalanischen Schauspieltruppe La Fura dels Baus am Sonntagabend die zweite Fassung von „Mefistofele“ mit breitem Pinselstrich als bunte Opernrevue inszeniert.

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Über feinere und philosophische Facetten des Bösen lässt Àlex Ollé vor allem im Programmheft nachdenken. Auf der Bühne betont er eher plakativ die unauflösliche Verquickung von Gut und Böse, die beide ohne einander nicht denkbar sind – bis hin zum Schluss, den der Regisseur auf durchaus zwingende Weise umkehrt. Vor Scharen weißer Engel bringt Mefistofele, der laut Textbuch eigentlich im Boden versinken sollte, Faust um – und kittet so den logischen Bruch im Konzept des Komponisten. Dass Mefistofele im Vorspiel von weißen Engeln das Herz aus dem Leib geschnitten wird, dass also das Paradies selbst seinen Gegenspieler formt, mag ein wenig überspitzt anmuten, aber es passt ebenfalls – und dafür, dass das Böse nicht nur plakativ wirkt, sorgt der bühnenpräsente finnische Bass Mika Kares, der immer wieder auch als Putzmann auf die Bühne kommt.

Züchtig verbrämte Orgie

Das Plakative liegt auch in der Oper selbst: Boito hat wirkungsvolle Chor-Tableaus komponiert, die der Staatsopernchor und der Kinderchor glänzend meistern. Und der Chor darf spielen! Mal erprobt er als Heer von Wissenschaftlern an den Tischen eines Großraumlabors, was Fleischstücke im Innersten zusammenhält, mal ist er eine Engelsschar, und auf dem Blocksberg darf er hexenmäßig bei einer züchtig verbrämten Orgie dabei sein.

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Zu sehen ist ansonsten: ein Gretchen, das als Teil der Spaßgesellschaft mit einem Champagnerglas in der Hand zu ihrem „Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?“ lasziv die Hüften schwingt, später auf dem elektrischen Stuhl umgebracht wird und danach als Star einer Revuetruppe (Helena) wiederaufersteht. Olga Busuioc gibt die beiden Frauenpartien mit großem darstellerischem Talent und einer satten Fülle an Klangfarben. Antonello Palombi hingegen wirkt in der (sehr) hohen Tenorpartie des Faust anfangs oft überfordert und erreicht die oft enge Höhe immer wieder nur mit reichlich Druck. Der Dirigent Daniele Callegari flankiert den visuellen Overkill am Pult des Staatsorchesters akustisch passgenau. Das Breitwandspektakel trägt den Sieg davon. Vorhang zu und alle Fragen offen.

Kommende Vorstellungen am 19., 22., 24. und 29. Juni. Weitere Informationen unter: http://www.staatsoper-stuttgart.de