Die Karten für das Münchner Gastspiel „Unterwerfung“ sind ausverkauft, seit Tagen. Dennoch stehen vor den Kammerspielen in der Maximilanstraße, der Prachtstraße der bayerischen Landeshauptstadt, Menschen mit Schildern vor dem Bauch – „Karten gesucht“. Sowas kennt man von großen Rockkonzerten, von Wagner-Abenden in Bayreuth oder Salzburg, wenn dort die Netrebko singt. Und ja, beim Fußball gibt’s das vielleicht noch.

Der Star des Abends kickt nicht, er singt auch nicht, im Übrigen raucht und trinkt er nicht. Edgar Selge, im März 70 geworden, was man ihm nicht ansieht, ist Schauspieler. Wegen ihm ist das Theater ausverkauft, auch die nächsten beiden Abende, in denen er in die Rolle des Pariser Hochschullehrers Francois schlüpft, der eine tiefgreifende Veränderung erlebt, als 2022 eine islamistische Partei die Macht in Frankreich übernimmt. Die Figur des Hochschullehrers, der sich die existenzielle Frage stellt, ob er sich der neuen Herrschaft verweigert oder anschließt, ist Michel Houellebecqs Roman „Die Unterwerfung“ (2015) entnommen. Karin Beier und Rita Thiele haben den Stoff dramatisiert.

Im Februar 2016 wurde das Stück in der Regie von Beier im Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. Es war ein Triumph für Selge. Für seine Rolle, die ihn als Alleinunterhalter nahezu drei Stunden auf die Bühne zwingt, erhielt er folgerichtig den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“. Seither haben die „Unterwerfung“ mehr als 70 000 Zuschauer allein in Hamburg gesehen. Und heute Abend könnten zwei Millionen Zuschauer dazukommen. Die ARD zeigt eine Fernsehfassung der „Unterwerfung“ von Titus Selge, einem Neffen des Schauspielers.

Der Mehrheit des Publikums ist Selge als einarmiger Kommissar Jürgen Tauber in der Krimiserie „Polizeiruf 110“ bekannt. In Kinofilmen hat er ebenfalls mitgemischt. Darunter sind anspruchsvolle Streifen wie „Das Experiment“ (2001), aber auch Populäres wie „Feuchtgebiete“ (2013). Doch seine Welt ist das Theater. Er debütierte – nach dem Studium, das ihn auch ins Ausland führte – an den Staatlichen Schauspielbühnen in Berlin, sein erstes festes Engagement (1978) erhielt er in der Maximilianstraße. Dazwischen spielte er an allen großen deutschsprachigen Bühnen.

Selges bevorzugte Charaktere sind meist in sich zerrissen und nah am Abgrund: Shakespeares Jago, Tschechows Astro oder der leidige Mann im Parka in Botho Strauß’ Stück „Groß und Klein“. Er selbst sagte in einem Interview anlässlich der Uraufführung der „Unterwerfung“ über sich, dass Angst ein Grundgefühl von ihm sei – „Angst vorm Leben, Angst vorm Unerwarteten, mit dem ich nicht umgehen kann, Angst vor Unheil, das hereinbricht.“ Das könne sich auch auf eine politische, gesellschaftliche Situation beziehen. Ob dieses Grundgefühl dazu beigetragen hat, dass er sich auf die Rolle des Hochschullehrers Francois eingelassen hat?

Er sucht keine Identifikation, sagte Selge in einem anderen, kürzlich geführten Interview. Es gehe ihm darum, parabelhafte Situationen durchzuspielen. Also auch Houellebecqs brisanten Romanstoff, von dem er sagt, dass er einen Nerv unserer Zeit treffe. Tatsächlich trifft das Stück ins Herz der Finsternis – in die Debatte, ob der Islam zu uns gehört oder nicht. Die Botschaft von Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ist ziemlich eindeutig – ein dekadentes, perspektivloses Europa wird von „Fremden“ überrannt. Dem Vorwurf der Islamophobie, der dem französischen Autor gemacht wurde, entgeht die Bühnenfassung, weil Beier/Theile auf Houellebecqs derbste Ausfälle verzichtet und sich auf die glaubens- und institutionskritischen Aspekte der Vorlage konzentriert haben.

Der andere, wesentliche Grund liegt in der Darstellung des Francois durch den virtuosen Soloperformer Edgar Selge. Der lebt zwar die typische Houellebecq-Figur auf der Bühne aus – larmoyant, lustlos, lebensmüde, sexbetont, ein bisschen ungepflegt und am Ende jovial, ja rückgratlos –, aber er zieht einen zweiten Boden ein – bisweilen bestechend kabarettistisch –, sodass er die Möglichkeit gewinnt, sich von jedem Interpretationsansatz zu distanzieren. Mit Selge nimmt Baiers Inszenierung weder eine Haltung zum Islamismus ein, noch eine zur Islamophobie. Dennoch: „Ein dunkler Übermut liegt diesem Abend zugrunde“, wie die „Zeit“ über die Hamburger Uraufführung schrieb.

Wer will, kann sich heute Abend im Fernsehen selbst ein Bild machen von Stück und Edgar Selge. Er begegnet einem darin auf drei Handlungsebenen: als Edgar Selge, der auf dem Weg ins Theater ist und sich auf seinen (Hamburger) Auftritt vorbereitet, als Schauspieler, der sich in den Hochschullehrer verwandelt, und als Filmcharakter Francois, der in Paris lebt. Der Film von Titus Selge blendet zwischen den verschiedene Ebenen hin und her.

Selge, der kein Französisch spricht und Michel Houellebecq bisher persönlich nicht begegnet ist, lebt in München. Er ist mit Franziska Walser verheiratet, ebenfalls Schauspielerin und Tochter von Käthe und Martin Walser. Eltern und Tochter wohnten dem Münchner Gastspiel Vorstellung bei.

„Unterwerfung“. Ein Film von Titus Selge (Drehbuch und Regie). ARD, 20.15 Uhr.