Zugegeben, auch in dieser Redaktion gab es Skrupel beim Aufschreiben dieses Satzes: „Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Mädchen denkt.“ Zu finden war er in unserem Interview mit Popsängerin Sarah Connor am vergangenen Samstag. Zu hören aber ist er in ihrem neuesten Song: „Vincent“ handelt vom Coming-out eines Jugendlichen.

Sorge um junge Hörer

Jetzt schlägt dieser Vers hohe Wellen. Manche Rundfunkanstalten spielen nur gekürzte oder bearbeitete Versionen des Hits. Zwar wird allseits beteuert, wie wichtig und moralisch wertvoll Thema und Inhalt des Songs seien. Man sorge sich aber, so heißt es bei dem Stuttgarter Sender „Hitradio Antenne 1“, um das Wohl der jüngsten Hörer. Eine Familie mit kleinen Kindern müsse entspannt frühstücken können. Und zwar „ohne dass sie sich danach mit den Kindern noch mal 25 Minuten extra hinsetzen muss“. Ein wertvoller Inhalt, über den man aber nicht sprechen soll?

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Der Fall wäre kaum eine Erwähnung wert, ließen sich an ihm nicht drei Tendenzen unserer Zeit ablesen. Es sind: erstens die gezielte Provokation, zweitens der Niedergang des Radios und drittens die Rückkehr der Prüderie.

Raffinierte PR-Strategie

Es gehört nicht viel dazu, hinter dem umstrittenen Vers eine raffinierte PR-Strategie zu erkennen. Die sexuelle Anspielung ist vage formuliert und dabei moralisch positiv aufgeladen. Ganz gleich, wie sich ein Rundfunksender entscheidet, ob abspielen, verändern oder ganz boykottieren: Öffentliche Aufmerksamkeit ist diesem Vers gewiss. Warum aber verfängt diese Strategie so leicht?

Kein Medium der Aufklärung

Radio ist längst nicht mehr ein Medium der Aufklärung oder gar Subversion. Zwar geben sich seine Moderatoren so hipp und frech wie einst der legendäre Radio-DJ Adrian Cronauer Anders. Der hatte zu Zeiten des Vietnamkriegs am Mikrofon des US-Militärsenders mit frechen Ansprachen Generäle brüskiert und Soldaten bei Laune gehalten (verfilmt 1987 unter dem Titel „Good Morning, Vietnam„). Doch was in den 60er-Jahren noch rebellisch war, ist heute bloß Fassade.

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Witze sollen zwar sein, aber bitte so harmlos, dass sich niemand gestört fühlt – also schlecht. Musik ist erst dann gut, wenn der Hörer den Titel nach fünf Minuten wieder vergessen hat. Und bloß keinen Anlass für Diskussionen mit den eigenen Kindern bieten!

Radio als akustische Tapete

Vor allem private Sender haben die einst anspruchsvolle Radiokultur zur Produktion akustischer Billigtapeten herunter gewirtschaftet. Was an lyrischem Schwachsinn gedichtet wird, fällt niemandem mehr groß auf (Mark Forster: „Der Bizeps wächst vom Steuerrad-Rumgereiße“). Es sei denn: Irgendwo wird ein Geschlechtsteil erwähnt.

Genau das mag verwundern. Ist Sex nicht schon immer Kern und Antrieb der Popkultur gewesen?

Lieder über den Geschlechtsverkehr

In der Tat: Mit der sogenannten sexuellen Befreiung hatte die Achtundsechziger-Bewegung das Singen über den Geschlechtsverkehr salonfähig gemacht. Zu hören war es zuletzt bei den Sugababes (“I wanted sex on the beach and I don‘t mean on the rocks“) oder bei Britney Spears, die „If U Seek Amy“ so zu singen verstand, dass es nach „Fuck me“ klingt. Und wer erinnert sich nicht an den Sommerhit von 1990? „Girl I want to make you sweat / Sweat ‚til you can‘t sweat no more“, hieß es da. Und dann: „And if you cry out I‘m gonna push it some more.“ Die freundlichste Übersetzung lautet: „Und wenn du schreist, mache ich noch ein bisschen weiter.“ Songs wie dieser von Inner Circle liefen selbstverständlich im Radio. „Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Mädchen denkt“, klingt dagegen rührend harmlos.

Britney Spears beim öffentlichen Zungenkuss mit Madonna, 2003: „If U Seek Amy“ sang sie, dass es wie „Fuck me“ klingt.
Britney Spears beim öffentlichen Zungenkuss mit Madonna, 2003: „If U Seek Amy“ sang sie, dass es wie „Fuck me“ klingt. | Bild: Julie Jacobson

Für die neue Prüderie gibt es gute Gründe. Und in der Kunstszene wurden diese zuerst sichtbar. Vor etwa zehn Jahren plante das Sprengel-Museum in Hannover eine Expressionismus-Ausstellung mit Werken von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Max Pechstein. Im Mittelpunkt: Aktbilder junger Mädchen, genannt „Fränzi“ und „Marcella“.

Sexuelle Befreiung als Deckmantel

Es war die Zeit, als sich in der Odenwaldschule, dem Vorzeigeprojekt der Achtundsechziger-Reformpädagogik, Abgründe auftaten. Unter dem Deckmantel der sexuellen Befreiung hatten sich Lehrer des Missbrauchs schuldig gemacht. Aktbilder mit jungen Mädchen? Kuratoren und Museumsbesucher begannen, die angebliche soziale Errungenschaft mit anderen Augen zu sehen.

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Die Ausstellungsmacher in Hannover sahen sich veranlasst, umfangreiche Begleitveranstaltungen zu organisieren, um das heikle Thema kritisch einzuordnen. Und wenig später wurde in Essen eine Ausstellung sogar ganz abgesagt. Bisher gefeierte Polaroid-Fotografien des Künstlers Balthus erschienen plötzlich in ganz neuem Licht: Sie zeigten ein achtjähriges Mädchen in gewagten Posen.

Vertieftes Bewusstsein

Mit der MeToo-Debatte hat sich das Bewusstsein um die Missbrauchsgefahr in Kunstwerken mit erotischen Andeutungen weiter vertieft. Längst geht es nicht mehr allein um Minderjährige, sondern um Sexualität ganz allgemein. „And if you cry out I‘m gonna push it some more“? Solche Sätze wären heute undenkbar. Zum Glück.

Mahner schießen übers Ziel hinaus

Doch immer öfter schießen die Mahner im Kampf gegen den Sexismus übers Ziel hinaus. Dann tritt anstelle des kritischen Hörens ein Aussortieren nach Schlagwörtern. „Vincent kriegt kein‘ hoch“ hat mit Sexismus, Pädophilie oder Gewalt nicht das Geringste gemein. Doch allein die vage Umschreibung einer sexuellen Problemstellung ist manchen Programmmachern schon brisant genug.

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Es sieht ganz danach aus, als hätte Sarah Connor genau diesen Mechanismus zu ihrem Vorteil bedient. Programmdirektoren müssen nun erklären, warum sie wegen eines frech formulierten, aber harmlosen Sätzchens den Familienfrieden am Frühstückstisch gefährdet sehen. Es fällt ihnen erkennbar schwer.