Am Ende bekommt ihn das Meer. Die Wellen des Atlantiks holen sich den Mann, den weder die alliierten Soldaten, noch der israelische Geheimdienst oder deutsche Staatsanwälte zu fassen bekamen. Josef Mengele, der Lagerarzt, der an der Rampe von Auschwitz Opernarien pfiff, stirbt bei einem gewöhnlichen Badeunfall in Brasilien. Sein halbes Leben lang hat er sich erfolgreich in Südamerika versteckt. Nun ist der französische Autor Olivier Guez der Fährte des Foltermediziners gefolgt.

1974 in Straßburg geboren, beschäftigt sich Guez seit Jahren mit der Materie. Der studierte Politikwissenschaftler hat am Drehbuch von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ mitgewirkt. Einem Film über den gleichnamigen deutschen Juristen und Nazijäger, in dem Burghart Klaußner die Hauptrolle spielt.

Psychogramm eines Massenmörders

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ liest sich wie kühle Wissenschaftsprosa, emotional distanziert und schneidend genau beobachtet. So, als wolle Guez Josef Mengele posthum sein eigenes Sektionsprotokoll zu lesen geben. Auf einem Gerüst aus Fakten entsteht das Psychogramm eines Massenmörders, der Zehntausende in die Gaskammern schickte, während er andere bei irrwitzigen genetischen Experimenten umbrachte. Die Augen seiner Opfer pinnte er wie Schmetterlinge an die Wand.

Dieser verstörende, packend zu lesende Tatsachenroman ist auch die Geschichte derjenigen, die über Mengele wachen. Südamerikanische Diktatoren, mächtige Nazi-Seilschaften und die Familie im heimischen Günzburg. Dort will man schon deshalb nicht, dass der Todesengel auffliegt, weil ein öffentlicher Prozess schädlich wäre für das im Wirtschaftswunder wieder brummende Geschäft der väterlichen Landmaschinenfabrik.

Das Buch zerfällt in zwei Teile

Erzählt wird schnell, bedrängend, meist im Präsens. Guez will nichts wegrücken aus der Gegenwart, sondern etwas wachhalten. Denn er weiß, was derzeit unter neuen Namen wie AfD zu altem Gedankengut zurückkehrt. Im Epilog heißt es: „Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft...“ So erliegt die Nahaufnahme des Kriegsverbrechers nicht der Faszinationskraft der Literatur für die Monster – im Gegenteil. Die kleinkrämerischen, spießig-pedantischen Seiten Mengeles bestätigen die Thesen der Philosophin Hannah Arendt über die Banalität des Bösen.

Das Buch zerfällt in zwei Teile. Die erste Hälfte spielt in Argentinien, wo sich der Inkognito-Doktor an einer Pharma-Firma beteiligt und ein bequemes Bildungsbürgerleben mit klassischer Musik führt. Ähnlich wie der (fiktive) Protagonist aus Jonathan Littells SS-Epos „Die Wohlgesinnten“ ist auch Mengele gelebter Widerspruch: ein kultivierter Unmensch.

Und dann sind die guten Exiljahre vorbei. Als der faschistenfreundliche Diktator Perón die Macht im Gaucholand verliert, kommen die Einschläge näher. Holocaust-Logistiker Eichmann wird vom Mossad entführt, später in Israel gehängt. Mengele muss sich einen anderen Unterschlupf suchen.

Die langen letzten Jahre

Dem argentinischen Wiederaufstieg folgt die brasilianische Höllenfahrt. Ein Angst-Trip unter der Tropensonne. Jedes unbekannte Gesicht, das in Mengeles Umgebung auftaucht, lässt ihn zusammenzucken. Das Farmer-Ehepaar aus Ungarn duldet den als „Onkel Pedro“ ausgegebenen Kostgänger nur, weil dessen Freunde gut zahlen.

Und auch mal mit der Hand auf die Pistolentasche klopfen, um anzudeuten, dass Südamerikas Nazi-Society notfalls nicht zimperlich ist, wenn es darum geht, ihr berühmtestes Mitglied zu schützen.

Vor seinen eigenen Dämonen aber kann Mengele niemand beschützen. Nachts holen sie ihn ein, die Traumbilder von hohen Schornsteinen, versengtem Fleisch und gewienerten Stiefeln, die durch blutige Seen waten.

Zum Schluss landet er, der Hygienefetischist, in einem Bungalow mit Kakerlaken und schimmeligen Wänden. Eindringlich schildert Guez die langen letzten Jahre des kranken, gehetzten Tiers und sorgt damit vielleicht doch für eine späte Genugtuung. Seinen Richtern mag Mengele entkommen sein, der Strafe nicht.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Joseph Mengele. Aufbau, 224 S., 20 Euro.