Was macht eigentlich Martin Schulze? Nein, nicht Martin Schulz. Was der inzwischen macht, wäre auch mal spannend zu erfahren. Aber dafür ist das Politik-Ressort zuständig. Wir hier kümmern uns um Martin Schulze. Er ist Fahrradkantor. Ein spannender Beruf. Und ein Beruf mit Seltenheitswert. Vermutlich ist Martin Schulze der einzige Fahrradkantor in ganz Deutschland. Was natürlich auch daran liegen könnte, dass er sich die Berufsbezeichnung selbst zugelegt hat.

Das musikalische Wohl

Was also macht ein Fahrradkantor? Kantoren – das sind die Menschen, die in kalten Kirchen auf einsamen Emporen sitzen. Sie sind Organisten und Kirchenchor-Leiter. Sie kümmern sich um das musikalische Wohl ihrer Gemeinde. Sie machen Musik nicht für den eigenen Ruhm, sondern für den lieben Gott. Und sie bleiben meist an einem Ort, weil sie ihre Orgel nicht einfach mitnehmen können. Das unterscheidet sie von anderen Musikern, die grundsätzlich fahrende Gesellen sind.

Der Fahrradkantor also – nein, er spielt keine Bach-Toccata auf Fahrradspeichen. Der Hintergrund ist sehr viel ernster. Martin Schulze ist so etwas wie ein Orgelsanitäter. Er fährt mit seinem Fahrrad von einer sterbenden Orgel zur nächsten und haucht ihr neues Leben ein. Er selbst beschrieb das mal so: „Viele Orgeln sind von Schimmel oder Holzwürmern befallen oder stark abgenutzt. Es kommt oft vor, dass ich vor einem Konzert schnell etwas kleben muss. Ich musste auch schon mal einen toten Vogel aus der Pfeife ziehen.“

Tausende von Patienten

Wie ein Landarzt auf Hausbesuch fährt Schulze von einem Instrument zum nächsten, stellt eine Diagnose, ordnet eine Therapie an – und gibt mit dem Patienten ein gemeinsames Konzert. Etwa 4000 bis 5000 Orgeln hat er schon behandelt. Vor allem in Ostdeutschland fristen viele Orgeln ein kümmerliches Dasein. Man findet dort Perlen, die zu DDR-Zeiten nicht gepflegt wurden und schon damals in einem schlechten Zustand waren. Zum Glück wurden sie nicht einfach abgerissen und durch neue ersetzt. Dafür war kein Geld da. Oder wie es Schulze formuliert: „Armut ist der beste Denkmalschutz.“

Natürlich könnte Martin Schulze auch ein Auto nehmen, um von Orgel zu Orgel zu fahren. Aber dann wäre er ein Autokantor, und das klingt nun mal nicht so natur- und gottverbunden wie Fahrradkantor. Rund 15.000 Kilometer legt er im Jahr zurück, wobei seine Saison von Mai bis September läuft. Der Taschenrechner gibt Auskunft: Das sind im Schnitt 100 Kilometer pro Tag für die Orgelrettung. Fahrradkantor, das ist ein Beruf für Kirchenmusiker mit Bewegungsdrang.